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25. Tuska Metal Festival: Ein bisschen Nostalgie

Das Tuska Festival feierte diesen Sommer seine 25. Neuauflage, und genau 20 Jahre ist es her, dass STALKER (und die Verfasserin dieser Zeilen) über Tuska berichtete (mehr dazu HIER). Mittlerweile nimmt dieses legendäre Festival in Suvilahti, Helsinki, mit 4 Bühnen, vielseitigem Catering und zahlreiche zusätzliche Attraktionen unter dem Titel Tuska Sideshow das gesamte Gelände in Anspruch.

Hier sei auch die Organisation gelobt, die sich um das Besucherwohl in jeder Hinsicht bemühte Es gab eine Hängematten-Zone, reichlich Tische und Sitzgelegenheiten am Gelände und sei es beim Bändchenholen, beim Haupteingang, an Wasserstellen oder an WC Anlagen am Gelände, trotz Andrang betrug die Wartezeit keine 5min. Super Logistikleistung, Hut ab! Am Sound und Lautstärkepegel fand ich auch nix zu meckern – ganz ohne Ohrstöpsel kommt man im Publikum allerdings nicht völlig aus.

Was mir sonst noch auffiel: Es gab am Gelände wieder einiges an Kunst zu entdecken, sogar einen Webstuhl, das Selfie-WC hingegen machte mich etwas ratlos… Bei allen Bühnen gab es ganz vorne einen Bereich, der nur von Leuten ohne Getränke in der Hand betreten werden durfte – wohl weil wieder irgendwelche Idioten bei anderen Festivals die Bands mit Bechern, Dosen oder gar Flaschen beworfen hatten. Gute Lösung, finde ich.

Die Tuska-Expo in der Kattilahalli (in Kooperation mit Sysimaa und Pakanafestarit) bot neben gewohntem und exotischem Fan-Allerlei auch Workshops für u.a. Nietenarmbänder, du konntest dir gleich vor Ort ein Piercing oder Tattoo holen oder negative Vibes von einem Schamanen entfernen lassen. Als besonderes Highlight gab es dieses Jahr sogar eine Tuska Hochzeit! Das Tuskaforum (in Kooperation mit Bleeding Metal Podcast) 2 x pro Festivaltag mit Vorträgen und Diskussionen zum Musikbiz habe ich nur vage als existierend wahrgenommen.

Was das Catering betrifft, fand sich die für finnische Festivals eigentlich bereits gewohnte breite Palette (mit biologisch abbaubaren Geschirr und Besteck), vom üblichen Festival-Fastfood über vegetarisch / vegan bis hin zu Süßem, Grundportionen im Preisbereich von 12-15 Euro, Bierpreise gerade noch unter 10 Euro inklusive 1 Euro Pfand.

HIER ZUR GALERIE VON TAG 1

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FREITAG 28.6.2024
Die offizielle Festivaleröffnung durch Lord of the Lost auf der Karhu Hauptbühne verpasste ich zwar wegen der Hitze, aber es gibt wenigstens ein paar Schnappschüsse.

Die benachbarten Radio City und Open Air II Bühnen ermöglichten es, zwischen parallel auftretenden Bands zu pendeln, und es war an dem Tag so heiß, dass ich die gerade an der ersten Bühne gefüllte Flasche gleich bei Ankunft an der zweiten wieder füllen musste… Da half es nicht viel, dass I Am The Night, das Schwarzmetallprojekt des Melodeath-Helden Markus „Van Hala“ Vanhala (InsOmnium Gatherum) uns daran erinnerte, wie kalt und düster es in wenigen Monaten wieder sein wird. Ein stimmungsvoller Start des ersten Festivaltags und zugleich eine passende Vorab-Einstimmung auf den späteren Höhepunkt Dimmu Borgir!

Alestorm aus Schottland kamen natürlich super an mit ihrem Mix aus Power und Folk Metal, kombiniert mit Piraten-Image und humorvollen Texten. Musste schon angesichts der Deko grinsen – riesige Gummienten beherrschten die Bühne. Absolute Partystimmung, viel Bewegung in der Menge und das trotz der Hitze… Die Band trumpfte überdies mit dem etwas schüchtern wirkenden Gaststar Patty Gurdy auf, bekannt durch den Carnival Row Soundtrack (und die deswegen auch viel mehr Instagram-Follower hat als Alestorm). Der “Fucked with an Anchor” Song durfte zum krönenden Abschluss natürlich auch nicht fehlen.

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Der am sehnsüchtigsten erwartete Act des Tages war mit Sicherheit Kerry King, ehemaliger Slayer-Gitarero, der gerade sein Soloalbum herausgebracht hatte. Und die hohen Erwartungen wurden keinesfalls enttäuscht. Sänger Bostaph dankte dem Publikum für „attitude, passion, release of aggression“, ehe sie mit den „From Hell I Rise“ Hits das Moshpit zum Toben brachte. Eine wahrhaft feurige Show, jedoch etwa in der Hälfte fragten sich wohl alle, ob es auch was von Slayer gibt – und als ob er Gedanken lesen könnte, jaaaa, das markante Riff von „Reign In Blood“ – da kriegst du trotz Hitze Gänsehaut … zweifellos der erste Festival-Höhepunkt.

Die zuletzt 3x hintereinander beim Tuska aufgetretenen Jinjer (und damit Rekordhalter der letzten 20 Jahre) glänzten diesmal durch Abwesenheit, die Lücke füllten ihre Moldauer NachbarInnen Infected Rain und das absolut eindrucksvoll. Mit der exzellenten Bassistin Alice Lane gab es gleich die zweite Instrumentalistin des Tages nach Patty Gurdy (Alestorm), was leider im Gesamtbild immer noch viel zu wenig ist. Wann laden die Tuska-Herren endlich Bands wie Crypta oder Burning Witches ein, die auf anderen europäischen Festivals längst etabliert sind? Der Hauptfokus lag natürlich auf Lena Scissorhands, die nicht nur eine phänomenale Stimme hat, sondern dazu eine ultracharismatische Bühnenpräsenz, das Publikum fraß ihr aus der Hand, setzte sich auf Befehl sofort auf den Boden, um dann hochzuspringen und voll abzugehen. Das macht auch Leuten Spaß, die sonst nix mit NuMetal am Hut haben.

Die Beliebtheit von Bloodred Hourglass zeigte sich durch den Andrang, der Rekord an diesem Tag bei der Open Air II Bühne. Suburban Tribe auf der Radio City Zeltbühne entpuppten sich ebenfalls als Publikumsmagnet und ich kriegte einen besonderen Moment mit: Ihr Ex-Sänger, kein Geringerer als Tuskaboss Jouni Markkanen, kam aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums für zwei Songs („Sunflower“ & „First Spring Day“) auf die Bühne. Als Manager ist er zweifellos kompetenter als am Mikrofon – im Vergleich zum stimmgewaltigen Ville Tuomi – aber der nette Nostalgiemoment kam bei der Meute bestens an.

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Die parallel auftretenden Elvenking luden zur fröhlichen Folkparty mit flotten Geigenmelodien, die das Publikum trotz 28°C zum Mitfeiern und Tanzen brachten. Die Italiener sind schon seit 25 Jahren aktiv, aber selten so weit nördlich unterwegs. Ihr eingängiger Pagan Metal mit keltischen Einflüssen (und dazu die finnischen Phrasen in den Ansagen) sorgten allseits für gute Laune. Auch ohne Metalcore-Geballere kann man Leute zum Hüpfen bringen!

Mit Dimmu Borgir war noch eine 30-Jahre-Jubiläumsband am Start. Die Norweger haben Nostalgiepunkte gar nicht nötig, da sie sich seit ihren legendären Anfängen bis heute kontinuierlich verbessert haben. Das gilt nicht nur für den besonders fotogenen Frontmann Shagrath. Er äußerte seine Sympathien für Finnland, erinnerte sich an Dimmus ersten Lepakko-Gig vor 27 Jahren und kündigte „Spellbound by the Devil“ mit „Saatana perkele!“ an. Das 70-minütige Set beinhaltete alle Alben, was ein von Anfang bis Ende einheitliches Epos ergab mit einem Höhepunkt nach dem anderen – und ungeachtet der bereits erwähnten Hitze wohlige Schauer erzeugte. Dieses gnadenlose Hitpotpurri hätte eigentlich viel besser als krönender Abschluss am Sonntag gepasst als direkt am ersten und noch voll hellichtem Tag …

Über Zeal & Ardor und die Metalcorer Ghøstkid kann ich nur sagen, dass sie besser waren als vorher vermutet, aber mehr als jeweils zwei, drei Songs tat ich mir nicht an.

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Pendulum, die Electronic Music Headliner von Tag 1, punkteten mit toller Lichtshow und brachten mit derben, dominierenden Beats die Metaller sogar ganz hinten sofort zum Tanzen. Eine derartige Metal-Techno-Party an einem lauen Sommerabend schien für die meisten Tuska-Gäste auch genau das Richtige zu sein. Da aber dieses Jahr keiner der Headliner so richtig meine Abteilung war, überlegte ich mir Alternativen, wie etwa die Aftershows im On the Rocks, Praha und Lepakkomies (mit u.a. Bob Malmström, Kneel Before The Death, Brymir, Mørket und vielen Metal-DJs).

Eine weitere Option bot die Indoor Kvlt Bühne, dieses Jahr unter der Patenschaft des finnischen Inferno Metal-Magazins: Suotana dürften eine der besten neuen Bands der letzten zehn Jahre sein, sowohl auf Platte als auch live. Hier vereint sich Energie, Humor und musikalisches Können mit ökologisch engagierten Texten, in denen die Natur ihrer lappländischen Heimat eine Hauptrolle spielt.

SAMSTAG 29.6.2024
Dieser Tag brach den Besucherrekord, ausverkauft mit 23.000 Tickets – und das merkte man schon daran, dass man sich nicht mehr überall völlig „staufrei“ am Gelände bewegen konnte. Insgesamt sollte das 2024 Tuska-Wochenende 60.000 Metalheads anlocken. Regen am Vormittag sorgte für etwas Abkühlung, zusätzlich sorgten Wind und Bewölkung für etwas angenehmeres Klima am Asphaltgelände als am Vortag.

FOTOGALERIE HIER

Rytmihäiriö waren auch diesmal – wie bereits bei vielen anderen finnischen Festivals – der Anheizer am frühen Nachmittag. Dabei würde gerade diese Band nach ein paar Bieren oder Gambina-Shots noch besser rüberkommen. Der (vermutlich noch) relativ niedrige Pegel der Anwesenden tat der Stimmung freilich keinen nennenswerten Abbruch. Bemerkenswert, dass das Zelt schon so früh dermassen rappelvoll war, sodass sich Sänger Une unbesorgt zum Crowdsurfen während der verlängerten Version von „Saatana on herra“ begeben konnte.

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Auf der Hauptbühne lieferten die Dänen Vola atmosphärischen, musikalisch ansprechenden Progmetal, was gleich nach Rytmihäiriö leider eine Spur zu besonnen rüberkam. Jedoch eine allseits versierte und sympathische Band, die man Fans von z.B. Riverside oder Leprous uneingeschränkt empfehlen kann.

Devourment mit ihrem brutalen Grind drohten Zelt und Fans schier akustisch zu plätten, daher lieber zur Nachbarbühne trotz -core-Angebot. Für die Schweden Solence war Tuska der letzte Gig ihrer Tour und sie gaben neben einem Lobgesang auf die Mathematik auch den neuen Song „All of the pain must go“ für ihre begeisterte Fangemeinde zum Besten.

Die wiederauferstandenen Legenden Tarot lieferten einen starken Einstieg mit „Pyre of Gods“ – sofortige Gänsehaut! Wie schön, die Altmeister um die Gebrüder Hietala wieder vereint und in beneidenswerter Form zu sehen. Ich habe diese Jungs aus Savo wirklich vermisst, allen voran Marco mit der tollen Stimme, den megacoolen Zac mit Kaugummi und/oder Kippe im Mundwinkel (DAS weckt Nostalgie!), dazu der schräge Humor mit den unverblümten, teils politischen Ansagen – bisschen wie Metal-Comedy-Club. Mussten da einige längere Blödeleien technischen Schluckauf bei Keyboard und bei Marcos Mikro überbrücken? Egal, das gehört bei Live-Shows dazu, nichts kann den Genuss der genialen Tarot-Hits (Rider of the Last Day!!) trüben!

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Sonata Arctica hatten auch vor 25. Jahren erstmals beim Tuska gespielt und an deren Beliebtheit hat sich, der Menschenmasse nach zu schließen, nichts geändert. Mein Lieblingssong „I have a right“ kam früh im Programm, sehr gut, denn die Winterlandschaft im Hintergrund trug nicht viel zur echten Abkühlung bei. Dann doch lieber etwas Schatten im Zelt bei:

Kaunis Kuolematon hatten diesmal einen deutlich besserem Sound als bei ihren Clubgigs, sodass ihre Power-Melancholie noch viel besser rüberkam: „Peilikuva“ und „Syttyköön toinen aurinko“ hintereinander waren schon an sich Perfektion, im Anschluss kam „Paha ihminen“ als Sahnehäubchen, noch dazu vom Publikum teilweise alleine gesungen – ein weiteres Highlight des Tages.

Stam1na fuhren mit großer Produktion auf incl. LED-Hintergrund und Backgroundsängerinnen. Die Band sind alte Bekannte beim Tuska, aber wo früher hauptsächlich hektisches Moshen angesagt war, besticht das Songmaterial mittlerweile mit Vielseitigkeit und Tiefgang. Da ist es auch keine Schande, bei „Kannan sinut läpi hiljaisen huoneen“ ein paar Tränchen zu verdrücken.

Die Electro-Metal Trance Party kompatiblen Songs von Health bedeuteten für mich nur eine Überbrückung der Wartezeit für Amorphis – und auf diese Band schienen so gut wie alle Anwesenden ebenfalls gewartet zu haben. Einer jener Acts, den man immer wieder gerne sieht und wo man bestenfalls über den Inhalt ihrer üblichen Best of Albenquerschnitt-Setlist meckern könnte. Was wirklich auffiel war der sekundenlange Total-Tonanlagen-Aussetzer im ersten Drittel der Show, von welchem die Band selbst wegen Ohrmonitoren eventuell gar nix mitbekam …

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Während Turmion Kätilöt wohl den absoluten Publikumsrekord für diese Bühne aufstellten, boten die Polen Riverside im Zelt hochkarätigen Prog-Hardrock mit gutem Groove zum entspannt Chillen. Die ruhige Atmosphäre mag allerdings täuschen, dahinter steckt massive Gefühlsgewalt, die auch immer wieder durchbricht. Songs, die ins Ohr gehen und zugleich faszinieren, keine sperrigen Gefrickel-Orgien. Außerdem hatten die Jungs wohl (wieder) eine Menge Spaß auf der Bühne. Nach Pjotrs Tod 2016 schien die weitere Existenz von Riverside ungewiss, aber hier erwies sich die Band als vital, kraftvoll und in jeder Hinsicht zukunftsfähig. Definitiv einer der Höhepunkte am Samstag, diese Band sehe ich mir gerne wieder live an.

Bring Me The Horizon: Dieser UK Alternative Metal Act zeigte beeindruckend, warum sie derzeit ein super angesagter Live-Act. Leider durften nur ein paar Auserwählte die massive Show vom Pit aus knipsen… Und ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob sie wirklich mehr Leute vor der Bühne versammelten als zuvor Amorphis. Und ob die Fans die gesamte Show über dablieben, denn ich wählte wieder die Alternativen.

Eine massive Schlange vor Kvlt Bühne gab es schon wegen Putro in Black, nicht viel besser war es bei The Abbey, die anstelle des Headliners ein feiner Abschluss des Tages gewesen wären. Leider war es einfach zu voll, daher nach zwei Songs lieber wieder raus, let’s call it a day.

FORTSETZUNG FOLGT!

Contributors

Klaudia Weber

Rücksichts- und gnadenlose Diktatorin, kniet vor mir! Anders gesagt: Chefredakteurin, Übersetzerin, Webseiten- und Anzeigenverwaltung, also "Mädchen für alles" - - - Schwerstens abhängig von Büchern (so ziemlich alles zwischen Herr der Ringe und Quantenphysik) und Musik, besonders von Metal finnischer Prägung. Weiters Malen, Zeichnen, Film, Theater... also könnt ihr mit einer vielseitigen Website rechnen. Mag.phil., zwei in 5 Jahren parallel abgeschlossene Vollstudien (English & American studies, Medienkommunikation) und stolz darauf, denn als Mädel aus einer Arbeiterfamilie in einem erzkonservativ-katholischen Land ging das nur dank Stipendium und etwas später im Leben als andere....