Quo Vadis, Jon Schaffer?

Kurz nachdem ich diesen Artikel geschrieben habe, stöpsele ich mein iPhone an das Radio im Auto und drücke in der Musik App auf Shuffle. Es kommt als erster Song: ‚Ten Thousand Strong‘ von Iced Earth, kein Witz! „We’ll gather, race off and fight the elder, the consequence of what’s in the net“. Über zehn Jahre alt, aber trotzdem klingt es wie ein Ankündigung für das, was am 6. Januar 2021 passieren sollte.

 

Es ist das Jahr 1998, als mich der Heavy Metal packt. Blind Guardian, Metallica und Iced Earth hatten mich mit ihren aktuellen Alben so richtig gepackt. Es entstand eine Liebe, die, zumindest im Falle Blind Guardian und Iced Earth, über viele Jahre halten sollte. Letztere Band sah ich einige Male auf Festivals, bevor ich sie 2014 zum ersten in einem Club erlebte. Da ich die Band noch nie getroffen hatte und ich unbedingt Jon Schaffer kennenlernen wollte, war es mir sogar einen dreistelligen Betrag wert, um die Band im Rahmen eines Meet & Greet zu treffen. Jener Jon Schaffer hat stellte sich als sehr angenehmer, entspannter Gesprächspartner dar, mit dem es wirklich Spaß machte sich auszutauschen. Bis hierhin war meine Welt in Bezug auf Iced Earth absolut in Ordnung.

 

 

Diese Welt geriet in den vergangenen Jahren aber immer wieder in leichte Turbulenzen. Der Grund: Wiederholte Interviews mit Jon Schaffer, die mich an ihm und seiner politischen Gesinnung zweifeln ließen. Vieles konnte ich den Interviews aber nur zwischen den Zeilen entnehmen, also schob ich Bedenken, die sich hinsichtlich Jon’s Geisteszustand anbelangt, stets beiseite. Dass Jon Konzerte mit Südstaatenflagge als Kopfschmuck absolvierte? Das wird man einem US Amerikaner wohl zugestehen müssen, dachte ich mir naiv.

Und dann kam der 6. Januar 2021. Dass es Donald Trump schaffte, einen Mob, der seinem Meer aus Lügen verfallen ist, derart aufzustacheln, dass er bereit ist, die Grundwerte der Demokratie mit Füßen zu treten, wundert mich nicht. Das sich in diesem Mob aber offensichtlich auch Jon Schaffer befand schockiert mich zutiefst. Warum mich gerade dies so schockiert, kann ich gar nicht genau sagen. Liegt es daran, dass er ein Held meiner Jugend ist? Oder daran, dass ich immer noch seine Musik liebe? Oder doch daran, dass ich ihn persönlich kennen gelernt habe und ihm siegessicher nie zugetraut hätte? Wahrscheinlich alles drei.

 

 

Bereits am 6. Januar distanzierten sich viele amerikanische Musiker von dem Mob im Kapitol. Die Meldungen kamen etwa zeitgleich mit der Meldung von Jons Beteiligung, insofern hatten sie noch keinen Bezug zu ihm. Wenige Tage später, für mich fast überraschend schnell, kamen Distanzierungen von musikalischen Weggefährten, allen voran von seinen Bandkollegen und auch von Blind Guardian (Sänger Hansi Kürsch betreibt gemeinsam mit Jon die Band Demons & Wizards). Bislang haben sich die Genannten nur von der Aktion als solcher, nicht jedoch von Jon als Person distanziert. Das Argument, dass man zunächst die Aufarbeitung abwarten möchte, kann ich verstehen und akzeptieren.

Gleichzeitig werfen diese Statements und der Umstand von Jon’s Beteiligung zahlreiche Fragen auf. Wie geht es weiter mit Iced Earth? Wie geht es weiter mit Demons & Wizards? Wird Jon überhaupt weiter Musik machen können, jetzt wie ihm nicht nur die Festnahme, sondern auch ein langjähriges Flugverbot droht? Und für mich fast die schwierigste Frage: Werde ich jemals wieder die Musik von Jon vorbehaltlos hören können? Die Antwort kann ich noch nicht abschätzen.

Timo Pässler

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