Andor

Streaming / TV-Serien Disney+ K-12 2022

Vor ein paar Tagen stolperte ich irgendwo im Internetz über einen Kommentar, der Andor als „Arbeiterklasse Star Wars“ bezeichnete. Brachte mich zum Nachdenken – und ja, kann ich eigentlich nur bestätigen:

Der seelenzerstörend dröge, schmutzige Alltag von Bauern, Plünderern, Soldaten oder einem abgetauchten Jedi (zu Letzterem zeigte erst unlängst ein Star-Wars-Spin-off mehr) kommt in den Star Wars Filmen nur am Rande vor. Meist sieht man High-Tech-Gesellschaften in üppigen malerischen Umgebungen, die Handlung dreht sich hauptsächlich um eine herrschende Klasse mit (Sith-)Lords, Imperatoren, Prinzessinnen, Senatoren und Jedi-Ritter drumrum, dann auch die Kommandanten auf Schlachtschiffen und Todessternen, wo Soldaten, Personal und Roboter mehr oder weniger nur dekorative Hintergrundelemente abgeben. Jene Charaktere, die als „Unterschicht“ durchgingen, haben abenteuerliche Berufe wie Schmuggler, Kopfgeldjäger oder Rebellenpiloten mit Lebensretter-Missionen; Urwald-Stämme mit Low-Tech kommen als niedlich rüber – obwohl sie zum Überleben anscheinend regelmäßig Menschen jagen und zu Gulasch verarbeiten….
Ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus will.

Im Grunde genommen treffen wir erst in „Solo“ und natürlich in „Rogue One“ zum ersten Mal Durchschnitts-Leutchen in „schmutzigen“ Situationen, aber auch das nur in wenigen Szenen.
Andor – die Vorgeschichte zu letzterem Spin-Off-Film – konzentriert sich hingegen voll und ganz auf eine Realität, die eine desillusionierte Arbeiterklasse wohl auch genau so erlebt. Menschen, die kaum mehr vom Leben kennen als das nackte Überleben, irgendwie, mit allen Mitteln – und daher wohl die bisher düsterste, „erwachsenste“ Star Wars-Serie bisher. Als wäre es ein Dokumentarfilm, zum Glück von einem weit entfernten Planeten: Zerstörte Natur, rücksichtslos ausgebeutete Menschen und andere Kreaturen, erschreckende Szenen, die offensichtlich vom noch erschreckenderen realen Leben auf dem Planeten Erde inspiriert sind.

Die erste Andor-Episode hat viel mehr von Film Noir als Star Wars, oder einem Le Carré-Spionagethriller oder „Law & Order“: ein zynischer „Detektiv“, der bei strömendem Regen durch finstere Gassen stapft, auf der Suche nach einer Frau, die zuletzt in einem Strip-Club gesehen wurde; korrupte Polizisten, Rückblenden auf eine schwierige Jugend und noch mehr Ärger am düsteren Horizont eines hinterwäldlerischen Planeten. Kein klares Schwarz-Weiß-Gut-Böse, sondern eine Menge zwielichtiges Grau …

Ich war schon immer ein Fan von Krimis, daher kam dies als positive Überraschung, obwohl ich die Story und die Rückblenden anfangs etwas verwirrend fand. Diego Luna als Cassian Andor ist einfach nur zum Niederknien – er macht den Charakter sofort sympathisch, obwohl er weder nett noch heldenhaft rüberkommt. Eher „Constantine“ als „Batman“ – allerdings könnte es sein, dass die Story sich in zukünftigen Episoden etwas in Richtung Mission Impossible/James Bond entwickeln könnte. Na hoffentlich 🙂
Nach den ersten Episoden kann ich Serienentwickler Tony Gilroy, den Regisseuren Benjamin Caron, Toby Haynes und Susanna White sowie der großartigen Besetzung nur gratulieren – die Erwartungen der Fans werden hier mehr als erfüllt.

Wir wissen bereits, wie Andor endet*, was Diegos Darstellung eine weitere tragische Dimension gibt, abgesehen von der sich entfaltenden Hintergrundstory (ebenfalls herzzerreißend: Fiona Shaw als Maarva Andor).
Kurz, ich bin hin und weg und freue mich auf weitere düstere Geschichten aus dem Star Wars-Universum. Beide Daumen hoch.

* Falls du keine Ahnung hast, wovon ich rede, dann schau dir „Rogue One“ besser erst an, wenn du alle Andor-Folgen gesehen hast…

  • 10/10
    Bewertung / rating - 10/10
10/10

Klaudia Weber

Rücksichts- und gnadenlose Diktatorin, kniet vor mir! Anders gesagt: Chefredakteurin, Übersetzerin, Webseiten- und Anzeigenverwaltung, also "Mädchen für alles" - - - Schwerstens abhängig von Büchern (so ziemlich alles zwischen Herr der Ringe und Quantenphysik) und Musik, besonders von Metal finnischer Prägung. Weiters Malen, Zeichnen, Film, Theater... also könnt ihr mit einer vielseitigen Website rechnen. Mag.phil., zwei in 5 Jahren parallel abgeschlossene Vollstudien (English & American studies, Medienkommunikation) und stolz darauf, denn als Mädel aus einer Arbeiterfamilie in einem erzkonservativ-katholischen Land ging das nur dank Stipendium und etwas später im Leben als andere....