Smugglerrok 2021

6.-7. 8. 2021, Lieto, Turku, Finnland

Die erneute Absage- und Verschiebewelle hat auch dieses Jahr in Finnland Spuren hinterlassen, gerade eine Handvoll von größeren Sommerfestivals schaffte es über die Ziellinie. Und hauptsächlich deswegen, weil das Line-Up nahezu ausschließlich aus einheimischen Bands beziehungsweise Acts aus dem Nachbarland bestand. Bei allen von weiter her blieb es bis Stunden vor dem Auftritt eine Zitterpartie (siehe Dark River Festival 2021)… Klar war jedoch, dass sich das Publikum nach Live-Action sehnte und alle Festivals – teils auch aufgrund der Beschränkungen – nahezu bzw. restlos ausverkauft waren.

Parallel zum Saarihelvetti in Tampere stattfindend, ist Smugglerrok so etwas wie der Nachfolger vom legendären Hammer Open Air, punktet jedoch mit Location direkt im Ortszentrum von Lieto. Das heisst, leicht auch mit einem gewöhnlichen Linienbus innerhalb einer Viertelstunde von Turku-Zentrum aus zu erreichen, Läden und Restaurants in unter 5 min Fussmarsch. Das einzige, was ich an dem rundum gut organisierten Festival verbesserungswürdig finde – bitte für Ortsunkundige genauer beschreiben, an welcher der vielen Haltestellen rund um Turkus Puutori man nach dem Festivalshuttle-Bus Ausschau halten sollte…

Ein großes Plus, das übersichtliche gut aufgeteilte Gelände, von überall guten Blick auf die Hauptbühne. Die kleine Nebenbühne war ausschließlich dem lokalen Talent gewidmet, wo es quer durch Genres ging, von World Music/Classic Rock und Psychedelic über Alternative-Pop und Punk bis hin zu Thrashmetal und Metalcore. Das lässt sich wohl anhand der Bandnamen und Fotos identifizieren: Atomic Annie, Awake Again, Underclass, Sally Pilgrim, Stoned Statues, Avacia, Mark Bertenyi Band. Dazu gab es ein breites Spektrum der Präsentation – die einen spielten, offensichtlich nervös und noch etwas statisch-steif, ihren ersten Festivalgig überhaupt, die anderen zogen eine routinierte Show durch und schäkerten gelassen mit dem Publikum. Jedoch allesamt klasse und Potential, nächstes Mal auf der großen Bühne zu stehen.

Hier zu den GALERIEN von TAG 1 und TAG 2

Über die vielen legendären Acts auf der Hauptbühne muss ich wohl nicht viele Worte verlieren – deren Qualität war auch vor Corona hinlänglich bekannt, jede einzelne Band war sichtlich glücklich darüber, wieder auf einer Bühne zu stehen und Fans ein Best-Of-Programm zu bieten, jede Band bedankte sich bei den Festivalbesuchern für die Unterstützung. Und jede einzelne Band, auch jene auf der kleinen Bühne, wurde enthusiastisch abgefeiert – das Festival war absolut die Anreise wert.

Tag 1 bestach mit Kaiserwetter und direkt bei Geländeöffnung einströmenden Fanscharen. Viele sicherten sich gleich ihren Platz an der Rampe, denn immerhin eröffneten die erfolgreichen Eurovision-Teilnehmer Blind Channel mit ihrem Melo-Metalcore das Festival. Eine energiegeladene Show im wahrsten Sinn des Wortes! Hab noch immer nicht kapiert, warum der Mittelfinger zum Band-Symbol wurde – denn diese Geste seitens der begeisterten Fans an die Band kann man ja super missverstehen 🙂  Nach den aufstrebenden Youngsters bewiesen die alten Hasen Timo Rautiainen ja Trio Niskalaukaus, dass sie in der forcierten Auszeit ebenfalls nix verlernt haben und nach wie vor ein fettes Brett mit neuen und Uralthits – dankenswerterweise incl. “Nyt on mies” –  liefern. Ebenso legendär und alteingesessen, wo Alter nur eine Zahl ist: Melrose mit ihrem Rock’n’Roll-Rockabilly-Punk Gemisch. Puncto Energie und Action auf der Bühne konnten sie fast Blind Channel Konkurrenz machen… (siehe “Flugfoto”)

melrose (34)

Beast in Black hatten in der Zwangspause anscheinend so viele Pyroeffekte gebunkert, dass sie dem Smugglerrok-Publikum ein ganzes Arsenal fast den gesamten Gig über um die Ohren knallten – eine wahrlich gewaltige Show, mit lautstarken Rufen nach Zugabe als die logische Konsequenz – leider bei einem strikten Festival-Zeitplan nicht möglich. Und immerhin folgte die finnische Hitfabrik Amorphis, die in Turku gewissermaßen das Live-Bild zu ihrem gerade erschienenen Live-Album lieferte – wie immer ein fantastischer Gig, wo man jedes einzelne Bandmitglied (einige nur kurz) von einem Ohr zum anderen selig grinsen sehen konnte… fast ebenso selig wie die Leute im Publikum…

Das VIP Ticket machte sich am Tag 2 voll bezahlt, da nur dort die Fans wirklich rundum vor dem hartnäckigen, nahezu den ganzen Tag andauernden Nieselregen geschützt waren. Daher waren zu Anfang wohl nicht ganz so viele Besucher da wie am Vortag, so richtig voll wurde erst etwa ab der Hälfte des Programms. Die erhöhte Luftfeuchtigkeit beeinträchtigte die Stimmung jedoch keineswegs. Kotiteollisuus kombinierten mal wieder Metal mit Stand-Up-Comedy: Frage ans Publikum, wieso Smugglerrock, was wurde denn geschmuggelt – Antwort: Schnaps!! – Achja, logo, was denn sonst! Buntes Glamrock-Party-Feeling kam mit Andy McCoy und seinem Klassiker-Programm auf – neben seinem herrlich schrägen Stadi-Slangi brachte er auch wortwörtlich ein bisschen Sonnenschein aus Helsinki mit. Kilpi boten einen Heavy/Power Metal Ohrwurm nach dem anderen – wow, was für ein toller Sänger! Und dass bei Stam1na ein deftiges Moshpit tobte, muss wohl nicht extra erwähnt werden… Bei Apocalyptica, verstärkt durch Sänger Tipe Johnson bei einigen Songs, sorgte der Nieselregen für zusätzliche magische Atmosphäre. Ich persönlich (wie schon am Vortag bei Amorphis) vermisste nur einige meiner Faves im relativ knappen Festivalprogramm, z.B. “Bittersweet”. Und der Headliner Europe – tja, sogar Schnee und Hagel hätten diesen Gig nicht vermiesen können. Nicht nur der Hitreigen, auch die gute Laune der alterslosen Herren und die professionelle Show hielten sogar mich – durchnässt, etwas durchfroren – bis zum Schluss in Bann.

Abschließend ein Dank an die Organisatoren, die trotz aller Schwierigkeiten nicht das Handtuch warfen, ein Dank an alle freiwilligen Helfer, deren unermüdlicher Einsatz, Humor und Enthusiasmus (wie zB Barpersonal, auch zu später Stunde) derartige Festivals überhaupt möglich machen. Und danken muss ich auch dem disziplinierten Publikum, das sich an die Auflagen mit Abstand, Masken etc hielt. Fazit: Tolles Festival, komme gerne wieder!

Klaudia Weber

Rücksichts- und gnadenlose Diktatorin, kniet vor mir! Anders gesagt: Chefredakteurin, Übersetzerin, Webseiten- und Anzeigenverwaltung, also "Mädchen für alles" - - - Schwerstens abhängig von Büchern (so ziemlich alles zwischen Herr der Ringe und Quantenphysik) und Musik, besonders von Metal finnischer Prägung. Weiters Malen, Zeichnen, Film, Theater... also könnt ihr mit einer vielseitigen Website rechnen. Mag.phil., zwei in 5 Jahren parallel abgeschlossene Vollstudien (English & American studies, Medienkommunikation) und stolz darauf, denn als Mädel aus einer Arbeiterfamilie in einem erzkonservativ-katholischen Land ging das nur dank Stipendium und etwas später im Leben als andere....