Heilung, Eivør, Lili Refrain @ Black Box

30.10.2022 Jäähalli Black Box, Helsinki, Finnland

In der Nähe von Jäähalli kämpft eine Person mit dem Automaten des Parkplatzes, und unter einer modernen Jacke kann ich das Outfit eines historischen Kostüms erkennen. Heute Abend wird es noch mehr dieser geschminkten, Hörner tragenden Zuschauer geben. Auch wenn es in der Black Box Jäähalli wahrscheinlich völlig dunkel sein wird (rundum eine Verkleidung aus schwarzem Stoff), haben die Heilung-Fans das Gefühl, dass sie entsprechend gekleidet sein sollten. Sehen konnte man sogar ein Bärenfell und einen Fuchskopfschmuck (einen davon traf die Chefred, siehe FOTOGALERIE).

Eröffnet wurde der Abend von Lili Refrain, einer italienischen Musikerin, die dem Nordic Folk sehr nahe kommt. Sie tritt allein auf, indem sie ihre Instrumente live in eine Loop-Station einspielt und so zu ihrer eigenen Begleitung wird. Es ist eine schwierige Aufgabe, allein vor einer Arena aufzutreten und vor allem vor einer Band, die dafür bekannt ist, das Publikum völlig in den Bann zu ziehen. Bei manchen Auftritten muss man sich durch ein vom Veranstalter aus direkter Umgebung zusammengewürfeltes Warm-up durchschlagen, das überdies nur lose der allgemeinen Genreausrichtung des Headliners entspricht. Hier ist es anders, Lily passt genau hinein, sie wirkt feierlich und ist doch ausdrucksstark; sie holt mit ihrer Gesichtsbemalung und Gestik das Beste aus ihrem Soloauftritt heraus.

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Als nächstes folgt Eivør – eine bekannte nordische Folk-Künstlerin von den Färöer Inseln. Während sie in der Szene schon seit einiger Zeit bekannt ist, wurde ihre Karriere in den letzten Jahren durch ihre Autorenschaft beim Soundtrack der Netflix-Wikinger-Serie „The Last Kingdom“ weiter vorangetrieben (nachdem ich einige der Episoden gesehen habe, in denen der Protagonist sporadisch unnötige Gewalt anwendet, glaube ich jetzt, dass der OST der beste Teil der Serie ist). Die Hälfte der Setlist bestand daher aus den Kompositionen der Serie. Ihre Musik ist vielleicht weniger „tribal“ als die von Lily und Heilung und weist mehr moderne Synthesizer-Effekte auf, aber die Gesamtstimmung und die lyrischen Themen passen gut zum Gesamtbild.

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Heilung ist dieses Jahr bereits zum zweiten Mal in Helsinki, aber dieses Mal ist es ein neues „Ritual“ nach der Veröffentlichung des dritten Albums Drif. Nach meiner ersten Heilung Live-Erfahrung 2019 haben sich einige Dinge geändert – die Show ist jetzt orchestrierter, der Sound ist dank der zusätzlichen Sängerinnen (Mira Ceti, Emilie Lorentzen und Annicke Shireen) komplexer und es ist schön beleuchtet. In den sozialen Medien loben die Bandmitglieder besonders das Lichtdesign von Kilian Keuchel (Lifelight design). Schon vor Beginn der Show kann man sehen, was zu erwarten ist – es gibt Projektionen von „Heilung-Symbolen“ auf den schwarzen Vorhängen, welche die Arena umgeben. Wenn die Show beginnt, werden diese Projektionen noch größer und offensichtlicher und bedecken alles, vom Hintergrund bis zur Decke über dem Publikum.

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Das „Ritual“ selbst ist unbestreitbar ein sehr starkes Erlebnis und zieht das Publikum voll in seinen Bann. Während die Vorbands als mehr oder weniger traditionelle Aufführung einzelner Kompositionen eingestuft werden können, geht es bei Heilung trotz der amtlichen „Show“ nicht um diese Show selbst und nicht um das Mitsingen wie bei einem gewöhnlichen Rockkonzert. Natürlich ist es visuell atemberaubend und wird mit den Jahren immer besser. Und die Band animiert zum Mitsingen. Doch für mich geht es mehr darum, etwas in meinem Inneren kennenzulernen, während ich voll in die Heilung Kompositionen eintauche, von feierlichen bis hin zu fröhlichen Stücken. Das Ritual besteht nicht aus einer Reihe von Liedern, sondern aus einem kontinuierlichen Erlebnis, die Band spricht nicht zum Publikum und gibt keine Zugaben. Stattdessen kann man sich von den sich einstellenden Gefühlen regelrecht verschlingen lassen, wenn man sich nur intensiv genug darauf einlässt.

Das Ritual beginnt bei den eher fesselnden Stücken – wie Krigsgaldr – und endet mit einem langen Hamrer Hippyer, bei dem die gesamte Menge auf der Bühne zu einem fröhlichen Durcheinander wird, Stage-Diving inklusive. Es ist üblich, dass eine Band auf Tournee viel neues Material einsetzt, aber Heilung weicht auch hier vom üblichen Muster ab. Glaubt man setlist.fm, wird nur Anoana, der Lieblingssong von Maria Franz, vom Drif-Album, gespielt, während der Großteil der Songs noch vom zweiten Album Futha (2019) stammt. Liegt es daran, dass die Show geografisch stärker mit dem Norden verbunden sein soll als das Album (das bis nach Assyrien bzw. in den modernen Irak führt)? Oder hat die Band beschlossen, für die kommenden Shows Raum für Veränderungen zu lassen? Ich würde auf Letzteres tippen – Heilung braucht Zeit, um neue Platten zu machen, und vielleicht müssen neue Kompositionen choreographisch angelegt werden, was ebenfalls Zeit braucht.

Ich fühlte mich völlig in den Bann gezogen, als ich Heilung zum ersten Mal sah, und machte mir daher sorgen, ob sich der Effekt beim dritten Mal wiederholen würde? Das geschah tatsächlich. Mehr brauchte ich nicht. Großartiges Konzert.

Askar Ibragimov

Fotos, Konzert- und Festivalberichte - - - http://www.askaribragimov.com/