Misterer: “Wir sind verdammt echt!”

Schon wieder eine bemerkenswerte Band aus Finnland, die krasse Töne und Melodien zu verbinden weiß – das konnte ich schon in den ersten Live-Shows feststellen. Nun ist ihr Debütalbum „Ignoramus“ in den Startlöchern und wird auch live im On The Rocks Helsinki am 25. April präsentiert. Wir nutzten die Gelegenheit und plauderten mit Bandmastermind, Drummer und Sänger von Misterer Mikko Herranen über das Album, Affen und … Körpergeruch …  

Wie lange hat es gedauert, das Ignoramus Album aufzunehmen, und war es Teamwork oder steckt da nur eine Person als Hauptsongwriter dahinter? 

Misterer war eigentlich als mein Soloprojekt geplant. Ich hab einige rohe Demos gemacht und die Gitarrenparts dabei gesungen, denn meine Gitarrenkünste reichten für diese technisch anspruchsvollen Teile nicht aus. Das Gebäude, in dem sich mein Studio befand, stand kurz vor dem Abriss und ich dachte, ich nehme schnell mal die Drums für mein Projekt auf, um es dann anderswo fortsetzen zu können. Juhani Flinck ist und war einer meiner Lieblingsgitarristen, wenn es um härteres und eher extremes Zeug geht. An einem gewissen Punkt hatten wir mal diese Idee für eine gemeinsame Thrashband gehabt, also fragte ich ihn, ob er die Gitarren für meine “Projektsongs” aufnehmen könnte. Wir hatten dann zwei oder drei Demosessions. In jeder Session nahmen wir eine Song auf und machten auch die Arrangements. Alles fühlte sich dabei so selbstverständlich, gut und natürlich an, dass wir beschlossen, dieses Projekt in eine richtige Band umzuwandeln.

Es fing alles also mit meinen Demos und Ideen an, aber eigentlich haben drei von uns vier Bandmitgliedern Songs für Misterer bisher beigesteuert und in Zukunft sind jegliche Ideen und Songs von allen willkommen. Lustigerweise ist nun mein Soloprojekt im Prinzip die demokratischte (und dennoch reibungslos funktionierende) Band von allen, in denen ich jemals war.

Vom Standpunkt der Musikproduktion war Ignoramus echtes Teamwork. Ich hatte die Drums in meinem alten Studio aufgenommen und dann hatten wir eine Ein-Tag-Drum-Session im  Sonic Pump Studio für noch ein paar Extra-Aufnahmen. Juhani und Timo nahmen ihre Parts in ihren eigenen Studios auf und Beavis einige Teile mit mir, einige Teile mit Juhani. Ich nahm dann den Gesang auf und hab die Songs in meinem neuen Noise Floor Studio gemixt.

Es ist schwer zu sagen, wie lang es insgesamt gedauert hat, da ich das Projekt viele Male unterbrechen musste, wegen meiner Arbeit als Musikproduzent und Mischpulttechniker. Ich würde sagen, wenn wir das Album in einem Zug hätten aufnehmen können, hätte es etwa zwei Monate gedauert.

Wer ist der “Ignoramus”? In welcher Verbindung steht er mit dem Affen am Cover?

Wir alle sind das, die gesamte menschliche Rasse.

Welches Konzept steckt hinter dem Album und den Texten? Gibt es eine durchgehende Story für alle Songs? Ich höre da ja teilweise Sozialkritik raus, beispielsweise bei Ignorance?

Tja. Die Originalidee war sowas wie ein “Kampflieder” Thema. Ein Kampfsong über die Zerstörung von Mutter Erde, ein Kampfsong über Menschen, die einander vernichten, ein Kampfsong über Geld, einer über Religion etc. Wir alle haben ständig unsere kleinen Kriege am Laufen, einige sind eben sichtbarer und zerstörerischer als andere.

Also handeln die Texte von uns Menschen an sich und unseren Problemen. Ich denke, das ist auch Teil der ursprünglichen Thrash Metal Ideologie.

Ich hatte da den Eindruck, dass Money sowas wie die Parodie von Abbas Money-Song ist?

Tja, kommt darauf an. Es mag da einiges geben, dass einem bekannt vorkommt :).  Der Hauptunterschied sind die Texte. Bei ABBA heisst es “must be funny in the rich man’s world”, aber ich singe “So much funny in the rich man’s world”, also gibt es einen Unterschied. Die Leute jagen dem Geld nach, aber ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass die Reichen die egoistischeren und brutaleren “single players” sind als wir, die täglich um das nackte Überleben kämpfen müssen. Darum finde ich die Welt der Reichen seltsam und sogar lustig. Viele Leute scheinen ihre sozialen Fähigkeiten einzubüßen, sobald sie viel Geld machen.

Du bist bekannt als Sänger und Schlagzeuger – wie kamst du auf die Idee, beides zu kombinieren? Es gibt ja nicht viele Bands mit singenden Drummern … 

Ich denke, das kommt daher, dass es ziemlich schwierig ist  :). Tja, ich hatte diese Idee schon, als ich meine Soloalben herausbrachte, aber da war die Zeit noch nicht reif, nun ist sie es. Ich weiß nicht warum, aber es fühlte sich einfach richtig an, nun beides zu machen, das Schlagzeug am Platz des Sängers aufzubauen und einfach auszuprobieren, ob es funktioniert. Eine der besten Entscheidungen in meiner gesamten Karriere. Ein Lead-Sänger und Drummer zu sein ist echt geil!

Was ist schwieriger – singen und Schlagzeug spielen oder singen und Gitarrespielen (was man ja eher zu sehen gewohnt ist bei Rock/Metalbands)?

Meine Gitarrenkünste würden für Misterer nicht ausreichen. Ich habe Bass gespielt und Leads gesungen und war auch Lead Sänger und spielte Keyboards. Von diesen drei Varianten ist der schlagzeugspielende Sänger wohl der härteste Job. Aber ich mag Herausforderungen, darum geht es ja ohnehin im Leben.

Thrash Metal scheint sich nun wieder im Aufwind zu befinden, ich denke da an ganz junge Thrash Acts (z.B. die Teenager Alien Weaponry aus Neuseeland) und auch Reunions von “Vintage-Bands” wie etwa The Hirvi. Wieso glaubst du läuft das Thrash Revival gerade ganz gut?

Keine Ahnung. Vielleicht weil einige von uns Thrash-Heads in ein Alter kommen, wo man sich wieder zurück zu den Wurzeln bewegt. Das ist hauptsächlich mein Grund, warum ich wieder gerne Thrash spiele. Die Jüngeren suchen sich immer gerne neue Trends und coole neue Musik. Da ist es irgendwie natürlich, die Kraft und die Möglichkeiten von Thrash Metal zu entdecken und sich dieses Genre zu eigen zu machen.

Was kommt auf Misterer nach dem Album-Release-Gig zu? 

Gigs, Tourneen, neue Alben, neue Gigs, neue Tourneen, Parties, ein gutes Leben. Ich glaube, wir sind eine der letzten Botschafter für echten Metal und Rock’n’Roll. In einer Welt von modulierten Gitarren, Gesang vom Band, Drum-Triggern und all dem Plastik-Kram heutzutage. Nicht so viele Bands wagen noch zu sein, was sie eigentlich sind.

In meiner Arbeit als Musikproduzent kam ich in Situationen, wo Leute sogar auf ihren Live-Alben mit Overdubs und anderen Reparaturen gearbeitet haben, weil es die Technologie ermöglicht. Wenn du dir Live-Alben anhörst, kannst du nicht mehr sicher sein, was echt und was ein Fake ist. Wir sind verdammt echt! Wir machen Fehler, wir riechen schlecht, wir fluchen und wir machen auf Party wie Männer, aber zur selben Zeit sind wir eine talentierte harte Band, die ihren Scheiss besser kennt und macht als andere. Das ist es auch, was Rock ‘n’ Roll für mich bedeutet, immer die 100% zu geben und authentisch zu sein!

Bandfoto: Tapio Wilska, live photos: K. Weber

Klaudia Weber

Klaudia Weber

Rücksichts- und gnadenlose Diktatorin, kniet vor mir! Anders gesagt: Chefredakteurin, Übersetzerin, Webseiten- und Anzeigenverwaltung, also "Mädchen für alles" - - - Schwerstens abhängig von Büchern (so ziemlich alles zwischen Herr der Ringe und Quantenphysik) und Musik, besonders von Metal finnischer Prägung. Weiters Malen, Zeichnen, Film, Theater... also könnt ihr mit einer vielseitigen Website rechnen.