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Jim Kroft: „Die meisten dieser Fähigkeiten, habe ich entwickelt, weil sie notwendig waren”

Jim Kroft begegnete mir das erste Mal im Frühjahr 2012 als er mit Martin and James als Support unterwegs war. Ich kann mich erinnern, dass er mich zunächst nicht besonders beeindruckte, aber im Verlauf der Tour spielte er sich jeden Abend ein bisschen mehr in mein Herz. Am Ende war und bin ich begeistert von der Energie und der Leidenschaft, die er auf die Bühne bringt, egal ob es als Solokünstler oder mit Band unterwegs ist. Seine Songs reichen von ruhig bis mitreißend, die Texte sind oft Momentaufnahmen von Gefühlen, die jeder kennt, regen zum nachdenken an. Ich habe mich sehr gefreut, dass er zwischen etlichen Konzerten in Afrika als Teil seines Journeys Projekts und einer Tour mit Jaimi Faulkner noch die Zeit für ein Interview gefunden hat.


Du reist bis gerade für Dein „Journeys“ Projekt durch Afrika. Erzähl mir bitte mehr davon.
Journeys ist ein Projekt hinter dem eine ganz einfache Idee steckt: Ein Mann, eine Kamera, eine Gitarre. Die Idee ist es die Welt zu erforschen und dabei Eigenständigkeit auszuprobieren. Wie viel kann man wirklich schaffen, wenn man auf sich allein gestellt ist?

Wie bist Du darauf gekommen?
Ich hatte gerade meinen Plattenvertrag mit EMI verloren und war in einer Sackgasse angekommen. Es ging also darum, die Bedingungen der Realität zu akzeptieren und mich von da aus weiter zu bewegen. Wenn die Zeiten schwierig werden, muss man sich auf seinen Kern/sein Innerstes besinnen und das fängt mit dem Selbst an.

Hast Du Dir die Länder (für Journeys) ausgesucht oder sind sie auf Dich zugekommen, d.h. bist Du einfach eingeladen worden, dort zu spielen. Oder läuft das ganz anders?
Ich hatte das Glück, das meine Karriere eine Eigendynamik entwickelt hat, durch die einige meiner Songs um die Welt gereist sind. Also hatte ich Einladung von allen Möglichen Stellen – eine Buchungsagentur in China, die Universität in Moskau und eine Hotelanlage in Sansibar. Mann, ich greife einfach zu wenn ein Angebot kommt und nehme die Dinge wie sie kommen!

Hast Du eine oder auch mehrere gute Geschichten von Deinen bisherigen Reisen, die Du mit uns teilen möchtest?
Naja, was mir an der Zufälligkeit meiner Touren am besten gefällt ist, dass die Dinge genauso sehr durch den Zufall bestimmt werden, wie durch Planung. Von Sansibar aus bin ich nach Arusha aufgebrochen, aufgrund einer zufälligen Einladung eines Veranstaltungsortes. Sie haben mich in einem wunderbaren Bed & Breakfast namens Chutney untergebracht und dort traf ich auf eine lebhafte amerikanische Dame, die überall in der Gegend Waisenhäuser aufbaute und unterstützte. Wir haben uns unterhalten, sie hat meine Website angeschaut, gesehen, dass ich Musiker und Filmemacher bin, und bevor ich wusste wie mir geschah, spielte ich schon für die Kinder und machte Aufnahmen für einen Trailer für das Waisenhaus. An diesem Tag habe ich aus erster Hand erfahren, wie sehr Musik Menschen erfreuen kann und was sie für Menschen aller Altersgruppen und Kulturen bedeutet.


Abgesehen von der Musik bist Du auch Filmemacher, Photograph, Blogger und wahrscheinlich noch viel mehr, von dem ich nichts weiß. Was treibt Dich an und woher beziehst Du Deine Inspiration?
Die meisten dieser Fähigkeiten, habe ich entwickelt, weil sie notwendig waren. Es sind schwierige Zeiten in der Musikindustrie und in diesem Umfeld bin ich groß geworden. Also haben sich Filmemachen, Photographie und so weiter entwickelt, weil ich diese Dinge selber machen musste und es mir zu bestimmten Zeiten einfach nicht leisten konnte, andere mit einzubeziehen. Was die Inspiration angeht, machen ich einfach gerne Dinge. Ich bin nicht jemand, der Dinge den ganze Tag diskutiert, mir gefällt es, spontan meinem Instinkt zu vertrauen.

Was machst Du zur Entspannung?
Das übliche halt! Ich bin normalerweise früh auf und irgendwann bricht mein System zusammen und ich komme in einen Zustand des Nicht-Seins, ha ha! Also Tee, ein Film oder ein Spaziergang für mich.

Ich wollte schon immer wissen, wie aus Jamie Croft Jim Kroft geworden ist und warum? Erzähl mir was davon.
Viele Leute nennen mich Jim und es ging darum, eine Unterscheidung zu treffen zwischen meinen öffentlichen Person und meiner privaten Person. Ich glaube daran, dass man ist wer man ist und nicht davon bestimmt wird, was man tut.

Du machst jetzt schon eine ganze Weile Musik. Was hast Du gelernt?
In den Worten von Charlie Parker „Wenn du es nicht lebst, kommt es nicht aus deinem Horn“

Wenn Du zurückschaust, gibt es etwas, was Du ändern würdest?
Ich bin nicht jemand, der irgendwas bereut oder nostalgisch ist. Vielleicht wäre ich früher Solo-Künstler geworden. Aber unser Leben entwickelt sich nach seinen eigeen Gesetzen.

Gibt es in Deinem Leben und Deiner Musik eine bestimmte Philosophie, der Du folgst?
Ich versuche, meinen Werten treu zu bleiben, mir meiner selbst bewusst zu sein, und unterwegs zu reflektieren und mich anzupassen. Ich glaube, eines der wichtigen Dinge für die eigene Gesundheit ist es, das eigene Potential zu erforschen und auszudrücken. Wir haben alle Potential.

Du hast mir mal gesagt, dass Du eher ein Songwriter als ein Sänger bist. Kannst Du mir das näher erläutern?
Ich glaube, es gibt Künstler mit unglaublichen Stimmen – egal ob Elvis oder Sinatra oder Beyonce oder alle Art von modernen Singer/Songwritern, deren Musik von einem Komitee geschrieben wird. Ich meine einfach, dass ich mein eigenes Material schreibe und dass ein Jim Kroft Song nicht von einem Komitee oder einer Firma geschrieben worden ist, wo Statistiken bestimmen, welch Worte oder Kombinationen von Worten oder welche Songlänge sich am besten verkaufen.

Was sind Deine musikalischen Einflüsse?
Hefeweizen.

Kannst Du mir Deinen Songschreibeprozess beschreiben?
Ich bin immer in diesem Prozess und stehe immer dafür zur Verfügung. Der Prozess ist nicht extern und nichts worüber ich nachdenke. Ich muss mich nur dafür bereit machen und dann kommen die Songs zu mir. Aber wenn ich mich selbst und meine Gitarre ignoriere, kann ich auch ganz schnell austrocknen.

Wenn Du einen Song schreibst, kommt zuerst die Musik oder der Text?
Für gewöhnlich ist es einen Melodie und einen Textzeile, die die Stimmung des Songs einfängt wie „If I’m born too late“…. oder „Tell me where should I begin?“

Du hast schon solo und mit verschiedenen anderen Musikern zusammengearbeitet und warst alleine und mit anderen auf Tour. Gibt es jemanden, mit dem Du gerne arbeiten würdest und warum?
Das ist nichts, worüber ich besonders viel nachdenke. Ich wollte nur besser werden und schauen was passiert!

Gibt es für Dich eine Traum-Tour oder ein Traum-Konzert?
Ich würde gerne wieder mit meiner Band auf Tour gehen. Im Moment baue ich gerade alle neu auf, aber das ist mein Traum. Einfach, klein und wahrhaftig.

Was sind Deinen Gedanken zur heutigen Musikindustrie?
Ich denke, wir müssen die Realität dessen, was sie ist, akzeptieren und sie neu erfinden mit positiver Einstellung, Träumen und neuen Denkweisen.

Du hast als Independent Musiker angefangen, warst dann bei einer großen Plattenfirma und bist jetzt wieder unabhängig, wobei dieser letzte Schritt nicht Deine Entscheidung war. Was sind Deiner Meinung nach die Vor- und Nachteile vom unabhängig sein und vom Vertrag mit einer Plattenfirma.
Wenn man bei einer Plattenfirma unter Vetrag ist, ist man Teil des Systems signed – man wird automatisch im Radio gespielt, bekommt Unterstützung für eine Tour und Geld, um Platten aufzunehmen.

Als Independent Musiker ist man ein einsamer Wolf, pleite und muss alleine klarkommen.

Aber auf der anderen Seite, wenn ich noch bei EMI wäre, hätte ich nie im Leben mit Magiern mitten in Uganda wolfsmässig geheult oder ungläubig auf die dystope Skyline von Chongqing mit seinen 34 Millionen Einwohnern gestarrt…

Ich würde gerne einen Blick zurückwerfen auf das „One Story One Song“ projekt, das Du gemacht hast.
Dabei ging es darum, Songs zu schreiben, die von Geschichten meiner Fans inspiriert waren.


Wie bist Du auf die Idee gekommen?
Aus Neugier.

Was war die Antwort darauf?
Songs zu scheiben und dabei zu genießen, dass man Einblicke in das Leben verschiedener Menschen bekommt…

Was war am überraschendsten oder interessantesten daran?
Die Ehrlichkeit der Menschen

Wie würdest Du Deine Beziehung zu Deinen Fans beschreiben?
Sehr, sehr persönlich. Sie wissen, wie ich jede und jeden einzelnen von ihnen wertschätze.

Du bist sehr aktiv in den sozialen Medien, um Werbung für Deine Musik zu machen und mit Menschen in Verbindung zu bleiben. Was sind Deinen Gedanken zu dem Thema?
Ich finde die sozialen Medien großartig. Aber ich denke, dass die Cooporation Facebook vom Teufel persönlich kommt… aber nicht die Menschen auf Facebook.

Was sind Deine Pläne für die nähere Zukunft?
Ich plane Journeys 3.

Zum Ende noch ein paar Fragen, die ich sonst nirgendwo unterbringen konnte:

Wenn Du eine Superkraft haben könntest, was wäre das und was würdest Du damit machen?
Die Fähigkeit, nach zu vielen Hefeweizen keinen Kater zu haben.


Du hast einen ganz miesen Tag. Was ist die eine Sache, die ihn sofort besser macht?
Eine Tasse PG Tips.

Du bist dran mit Essen kochen – was gibt es?
Bolognese.

Gibt es ein Buch oder einen Film, die Dich besonders beeinflusst haben?
Good Will Hunting

Gibt es im Moment ein Album oder eine Band, das DU derzeit besonders häufig hörst?
Jaimi Faulkners neues Album – Up all Night

Danke für dieses Interview.

DANKE DIR! X


Bonus:
Bei uns bei Stalker gibt es die Rubrik 7 Todsünden: Es wäre klasse, wenn ihr mir dazu ein paar Kommentare liefern könntet.

Ich denke die Menschheit sollte einfach mal runterkommen und aufhören, sich gegenseitig über den Haufen zu schießen, sich im Internet fertigzumachen oder unsere Welt zu zerstören!

http://www.jimkroft.com

Autor: Stefanie Oepen, photos / Fotos: J. Kroft, S. Oepen

GastmitarbeiterInnen / guest contributions

Reguläre GastmitarbeiterInnen u.a. Melanie Kircher, Tatjana Tattis Murschel, Grit Kabiersch, Marina Minkler, Maria Levin, Jasmine Frey, Nina Ratavaara, Elvira Visser, John Wisniewski

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