Blind Channel: Ganz normale Jungs mit einer Menge Fans

2022 war ein gutes Jahr für Blind Channel: neben den üblichen finnischen Sommerfestival-Shows spielten sie beim legendären Wacken Open Air auf der Hauptbühne, veröffentlichten ein neues Album und gingen auf ihre erste Headliner-Tour in Europa. Die Fans der Band können sich noch auf die anstehende Mini-Tour in Finnland freuen, mit Arttu Lindeman als Warm-up (26.12. Kuopio, The Circus, 29.12. Helsinki, Jäähalli, 30.12. Tampere, Pakkahuone, 31.12. Oulu, Tullisali). Wir trafen Aleksi Kaunisvesi (DJ, Percussion) und Joonas Porko (Git, Voc) beim Tuska-Festival, um mehr zu erfahren:

– Ihr habt ein neues Album herausgebracht. Könnt ihr mir mehr darüber erzählen?

JP: Ja, das Album heißt „Lifestyles of the Sick & Dangerous“. Wir haben zwei Jahre lang an dem Album gearbeitet. Wir fingen damit 2020 an, gerade als die Pandemie ausbrach, und danach ist eine Menge passiert. Wir haben bei Century Media einen Vertrag bekommen und die letzten Songs für das Album dann im vergangenen Sommer geschrieben.
AK: Ja, es war ein zweijähriger Prozess, und wir könnten nicht zufriedener sein. Es ist das erste Album, das wir selbst produziert haben, und ja, wir freuen uns, dass es jetzt draußen ist.
JP: Und wir sind so glücklich über das Ergebnis, es gibt Metal-Songs und auch einige Überraschungen.

– Um welche Themen drehen sich die Songs? 

AK: Ich finde, das Album ist definitiv ein echtes Blind Channel Album – es gibt Metal, es gibt Rap, es gibt elektronische Sachen…
JP: Es sind persönliche Geschichten, alles, was wir durchgemacht haben, wie etwa der erste Durchstart für die Band.
AK: Ja, es ist ein bisschen wie ein Tagebuch, und Dinge, welche die Leute zu uns gesagt haben im Lauf der Jahre. Es ist auf jeden Fall ein tolles Album geworden.

– Ich hab da eine Frage. Ich erinnere mich, dass ihr irgendwann mal auf der kleinen Bühne beim Tuska gespielt habt (die kleinste Bühne, die für aufstrebende Bands in der Kattilahalli reserviert ist).
JP: Ja, das war, glaube ich, 2018. Wir haben in diesem Gebäude gespielt, die kleine Bühne, und das war das erste Mal beim Tuska. Ich erinnere mich daran, dass es eigentlich eine ziemlich gute Show war, aber wir waren damals keine große Band. Und Aleksi hier kam 2020 zur Band.

– Ich erinnere mich, dass ihr damals diese weißen Overalls getragen habt.
JP: Wir haben diese Sache mit den weißen Klamotten immer noch am Laufen. Aber jetzt haben sich viele Dinge geändert und wir spielen jetzt auf größeren Bühnen und haben einen wirklich guten Slot.
AK: Und auch eine große Produktion.

– Wie hat sich eure Selbstwahrnehmung vor und nach Eurovision und eurem Durchbruch verändert?
AK: Ich meine, es hat sich nicht allzu sehr verändert, um ehrlich zu sein. Ich meine, die Eurovision war nur eine Episode. Wir wollten nicht stecken bleiben, wir wollten nicht, dass die Leute uns „nur“ von dort kennen. Also haben wir danach sehr schnell weitergemacht, das Album geschrieben, sind wieder auf Tour gegangen und all das. Aber wir sehen Eurovision als ein großes Sprungbrett für uns.
JP: Wir haben den Plattenvertrag bekommen, wir haben eine Menge neuer Fans und wir sind irgendwie über die Eurovision hinweg.
AK: Ja, das denke ich auch. Aber es war eine großartige Erfahrung und wir haben sicher tolle Erinnerungen.

– Und eine Folgefrage zum Eurovision Song Contest: Könnt ihr ein wenig darüber erzählen, wie es damals war, als ihr dort aufgetreten seid, wie es sich anfühlte?
JP: Ich glaube, wir haben die Zeit wirklich genossen, die sozialen Medien und alles, was mit der ganzen Eurovisionssache zu tun hatte.
AK: Es war auf jeden Fall eine tolle Erfahrung. Wir waren dort für zwei Wochen, glaube ich. Und dann haben wir natürlich viel geprobt, weil es eine große Fernsehshow ist…
JP: Ich glaube, es ist die größte Fernsehshow….
AK: … wie ein Musical. Ja….
JP: Die größte neben der Super Bowl….
AK: … es war großartig. Hinter den Kulissen war immer noch eine Pandemie im Gange, während wir dort waren. Wir konnten also nirgendwo abhängen. Wir waren nur in einem Hotel, nur wir sechs und die Crew. Wir haben also nicht viel gemacht, um ehrlich zu sein, wir haben uns Filme angesehen. Wir haben dort auch ein paar Songs geschrieben, die nun auf dem Album sind. Und ja, es war wirklich eine tolle Erfahrung.

 

 

– Ihr seid eine ziemlich einzigartige Band, denn ihr spielt sowohl bei Metal-Festivals als auch bei „weniger Metal“-Festivals. Warum glaubt ihr, dass ihr zu all diesen verschiedenen Veranstaltungen passt?

JP: Ja, das haben wir uns auch schon gefragt, weil wir zum Beispiel diese Woche und heute Abend auf dem Metalfestival Tuska spielen und morgen auf einem Festival für elektronische Musik Das Publikum ist also ganz, ganz anders. Aber ich weiß nicht, das ist seltsam und ich denke, dass es gleichzeitig eine wirklich gute Sache ist, dass unsere Musik sowohl für Metalheads als auch für das Pop-Publikum funktioniert.
AK: Ich denke, das liegt daran, dass wir aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen kommen.
JP: Einige von uns sind Metalheads und Aleksi ist ein DJ.
AK: Nico [Moilainen] kommt ja aus der Rap-Szene und so weiter. Es ist also eine tolle Kombination und ich denke, es ist alles sehr natürlich. Ich denke, das spiegelt sich in unserer Musik wider, und deshalb haben wir Fans aus der elektronischen Musik, und wir haben Fans aus dem Metalcore. Ich denke also, das ist der Schlüssel.

– Ich habe euer letztes Musikvideo „Bad idea“ gesehen. Ich frage mich nur, wie ihr auf diesen besonderen visuellen Stil gekommen seid, die Rosen – was bedeuten sie?
JP: Ja, ich glaube, es war wieder Nicos gute Idee mit den Rosen und dem Totenkopf.
AK: Wir haben eigentlich zwei Musikvideos für den Song gedreht, eines mit einer Art Horrorstory. Aber als wir es dann fertig hatten, fanden wir…
JP: …das erste Gefühl war „das ist nicht das, worum es in dem Song geht“.
AK: Und dann haben wir ein weiteres Video gedreht, das wir dann veröffentlicht haben. Und dann, nach der Veröffentlichung, dachten wir: „Hey, dieses vorherige Video ist auch irgendwie cool“. Also haben wir es auch veröffentlicht. Es gibt also zwei Musikvideos zu dem Song.
JP: Aber du hast nach dem Totenkopf und den Rosen gefragt? Ich glaube, das liegt daran, dass es eine Art verdrehtes Liebeslied ist.
AK: Also passt es irgendwie zum Thema.

– Wie seid ihr in der nationalen Neujahrsshow des finnischen Fernsehens gelandet? Denn in manchen Ländern ist es eine Präsidentenperson, der die Neujahrsansprache hält.
AK: Du meinst die, die wir letztes Jahr gemacht haben? Ja. Ich weiß nicht, wie wir dort gelandet sind. Sie fragten uns, und wir sagten, natürlich wollen wir eine Show an Silvester spielen.
JP: Und sie fragten, ob es möglich ist, dass Blind Channel zu Silvester im Fernsehen spielt, und wir sagten, verdammt ja! Und wir haben eine große Produktion und eine Menge Pyros und alles.
AK: Das einzige Problem war, dass wir unseren letzten Song zeitlich anpassen mussten, weil der letzte Refrain von „Dark Side“ genau zum Jahreswechsel kommen sollte. Und das war das einzige, was nicht einfach war. Wir hatten das Timing. Wir hatten unseren Monitormenschen im Ohr, der sagte: „Okay, Leute, fangt den Song an… jetzt!“ Das lief ziemlich gut und es ist eine tolle Show. Es war auf jeden Fall großartig, dort zu spielen.

– Aleksi, da du gerne als DJ auflegst und Samples verwendest, wie trägt deine besondere Expertise zur Band bei?
AK: Ja, ich bin auch Produzent, also als wir das Album gemacht haben, war ich derjenige…
JP: …der hinter dem Computer saß…
AK: … irgendwie für die Produktion verantwortlich, ich denke, das ist mein größter Anteil. Natürlich wird mein Live-Set immer besser und wir bauen es immer mehr auf, das ganze Scratching und all das Zeug, das ich mache, passt auch zu den alten Songs. Als ich zur Band kam, haben wir uns darüber den Kopf zerbrochen – wie kann ich die alten Songs spielen?
JP: Und wir sind super kreativ.
AK: Und das Set sieht jetzt wirklich fantastisch aus. Also bin ich wirklich begeistert davon.
JP: Bei unseren Live-Shows sieht man, dass es auch DJ-Parts gibt, und die sind frisch, zwischen Rock und Metal.
AK: Ja, das ist ein toller Kontrast.

– Ich denke, wir haben derzeit eine Menge Elektronik in fast jeder Art. Es gibt viele Folk-Bands, die spielen alte, ursprüngliche Instrumente, aber sie verwenden viel elektronische Nachbearbeitung.
AK: Ja, das ist wahr. Und wir haben Vinyl-Scratching. Ich benutze kein echtes Vinyl, sondern Scratch-Sounds und solche Sachen.
JP: Es lehnt sich auch irgendwie an Nu Metal an.

– An einem Tag wart ihr einfach nur Jungs in einer Band mit der Angst, diese zu verlieren. Und am nächsten Tag habt ihr eine große Fangemeinde und einen vollen Terminkalender, ihr wurdet praktisch über Nacht berühmt. Wie denkt ihr darüber aus persönlicher Sicht? Habt ihr das Gefühl, dass ihr noch immer das gleiche Leben lebt? Spürt ihr eine Art Druck durch die vielen Fans? (Anmerkung: In einem Kaufhaus in Helsinkis Zentrum, dem Forum, hing zum Beispiel ein sieben Stockwerke hohes Banner als Werbung für das neue Album der Band.)
AK: Ich meine, es ist definitiv dasselbe, wir leben dasselbe Leben. Aber die Sache ist die, dass wir oft vergessen, dass wir so viele Fans haben. Wir kamen heute am Flughafen an, aus Stockholm eingeflogen, und da haben ungefähr 50 Leute auf uns gewartet.
JP: Und wir waren ein bisschen in Eile. Manchmal ist es also schwierig, weil man seine Fans natürlich nicht enttäuschen will, aber manchmal ist es einfach unmöglich, zu jedem Hallo zu sagen und mit jedem Fan ein Foto zu machen.
AK: Aber auf einer persönlichen Ebene finde ich es wirklich cool, und ich bin wirklich glücklich darüber, dass wir so viele Fans haben und dass sie sich wirklich für unsere Musik begeistern…
JP: … und sie sind auch in den sozialen Medien sehr aktiv und sie kommen zu den Konzerten.
AK: Ich denke, es hat sich nicht allzu viel verändert. Wir neigen nur dazu zu vergessen, dass wir nicht überall hingehen können.
JP: Und ich glaube, dass viele Künstler heutzutage zu Arschlöchern werden können, weil sie so viel [Aufmerksamkeit] und alles bekommen, aber bei uns, wenn jemand etwas Dummes sagt – wir sind dann gleich…
AK: Wenn jemand den Kopf in den Wolken hat, holen wir ihn immer zurück.

– Das mag ich an der finnischen Kultur, dass sowas wie Angeberei nicht üblich ist.
AK: Ich glaube, das ist wirklich eine finnische Eigenart.
JP: Natürlich muss man entschlossen sein, aber man darf kein Arschloch sein.

– Könnt ihr mir ein wenig darüber erzählen, was ihr neben der Musik in eurem Privatleben gerne macht?
AK: Ich hänge normalerweise in meinem Studio ab, auch außerhalb der Musik, die ich mache. Wenn ich nicht arbeite, mache ich keine Musik, aber trotzdem etwas mit Synthesizern oder Gitarren und sowas.
JP: Wenn wir nicht auf Tour sind, sind wir meistens im Studio. Wenn ich Zeit habe, treibe ich gerne Sport, ich gehe laufen oder spiele Badminton oder sowas, und ich bin ein sehr geselliger Mensch. Ich treffe mich gerne mit meinen Freunden.
AK: Einfach all das Zeug, was normale Jungs in unserem Alter so machen.
JP: Und natürlich muss man Partys feiern, wenn man Zeit dafür hat, klar.

– Seid ihr immer noch in Oulu ansässig?
AK: Eigentlich wohnen nur zwei von uns noch dort, unser Bassist Olli Mattela und unser Schlagzeuger Tommi Lalli. Sie leben noch in Oulu, aber der Rest von uns lebt in oder in der Nähe von Helsinki, also sind wir sozusagen hier ansässig, aber wir sind ständig auf Reisen. Es spielt also wirklich keine Rolle.
JP: Es ist immer noch ziemlich einfach, weißt du, Finnland ist ein kleines Land, es macht nichts, wenn man in einer anderen Stadt lebt, oder?

– Und was inspiriert euch persönlich als Künstler?
AK: Ich denke, das sind natürlich viele andere Künstler. Und als vor zwei Tagen Korn auf einem anderen Festival spielten, wo wir auch auftraten, fiel mir auf, dass es mich wirklich inspiriert, andere Bands live zu sehen. Weißt du, das bringt dich immer in die Stimmung, ins Studio zu gehen, einen tollen Song zu schreiben oder eine Show zu spielen. Das ist also wirklich inspirierend.
JP: Und wenn man andere Bands sieht, große Bands, kann man mehr Ideen bekommen – nicht um von ihnen zu klauen, aber man fängt an, selbst darüber nachzudenken, was wir besser machen könnten.
AK: Sicherlich auch Filme. Filmsoundtracks sind eine große Inspiration für das Studio.
JP: Ja, und ich bin ein Fan von amerikanischen Künstlern, sowas wie „California Dreams“ (eine Sitcom aus den 1990er Jahren über eine Gruppe von Teenagern, welche die besagte fiktive Band gründen; Anm. d. Red.)

– Ok, ich bin am Ende meiner Fragen angelangt. Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt.

AK: Danke vielmals!

photos & text: Askar Ibragimov

Askar Ibragimov

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