Dimmu Borgir, Behemoth & Dark Funeral in Helsinki
Machen wir uns nichts vor: Trotz seiner ruhmreichen Stellung als eines der führenden Länder des Metal und nicht zuletzt dessen extremerer Subgenres ist Finnland im Hinblick auf globale Logistik nicht mehr als ein Nischenmarkt in der hintersten Ecke eines kleinen Kontinents: praktisch nur per Schiff oder Flugzeug zu erreichen und leider auch kein bequemer Zwischenstopp mehr auf dem Weg nach Sankt Petersburg und Moskau. Je weiter die Kraftstoffkosten in die Höhe schießen, desto weniger ausländische Künstler:innen machen überhaupt noch hierzulande Station. Echte Weltstars entscheiden sich ohnehin lieber für eine dreitägige Residenz in Stockholm als eine ordentliche Tournee durch die nordischen Länder. Aber zur Freude der Fans gibt es immer noch ein paar Promoter, die auf andere Art rationalisieren: Zwei oder drei namhafte Bands gemeinsam als Co-Headliner kriegen auch größere Hallen voll und bringen Festivalstimmung in kühle Frühlings- oder Herbsttage. Schon letztes Jahr hatten Behemoth als Teil eines flotten Dreiers in Helsinkis ehrwürdiger Eishalle Station gemacht, nämlich zusammen mit zusammen mit Satyricon und Rotting Christ als The Unholy Trinity. Die diesjährige Tour trug den Titel In League With Satan, mit von der Partie waren Dimmu Borgir und Dark Funeral.

Während die Trinity-Tour ihrem Namen gemäß allen drei Teilnehmern ziemlich ähnliche Spielzeiten zuteilte, folgte League dem Co-Headliner-Prinzip. Behemoth und Dimmu Borgir übernahmen abwechselnd den Hauptslot, wohingegen Dark Funeral die Rolle des Anheizers zukam. Angesichts der fast gleich langen Karrieren der drei Bands war der 30-Minuten-Slot der Schweden etwas arg kurz geraten, zumal sie bereits um 19 Uhr anfingen, als der große Saal erst etwa zur Hälfte gefüllt war. Unbeirrt und konzentrierten zogen sie fünf Knaller nacheinander durch, beginnend mit „Unchain My Soul“ vom jüngsten Album und dem Titelsong der Debütscheibe The Secrets of the Black Arts. Spätestens mit der Ansage von „The Arrival of Satan’s Empire“ sicherte sich Sänger Heljarmadr volle Aufmerksamkeit, indem er darum bat, ihm bei der Anrufung Gottes zu helfen. Die Verwirrung hielt nur eine Sekunde an, bevor die Menge ein vielstimmiges „Haista vittu!“ gen Himmel chantete – die klassische finnische Aufforderung, sich sonstwohin zu scheren.

Als nächstes an der Reihe waren Polens führende Satanspriester Behemoth. Erst vor gut zwei Monaten hatte Nergal zusammen mit ein paar alten Freunden von mir hier auf der Bühne gestanden, namentlich Misþyrming aus Reykjavík. Gemeinsam hatten sie Sventevith zum Besten gegeben, Behemoths Debütalbum aus den frühen Neunzigern. Verglichen mit jener ungeschliffenen Heraufbeschwörung der Vergangenheit waren die aufwendigen Bühnenrequisiten, Kostüme und Pyrotechnik der aktuellen Tour eine ganz andere Welt und demonstrierten nachdrücklich, wie weit sich die Band seit ihren rohen Anfängen entwickelt hat. Die Intensität ist aber glücklicherweise ungebrochen und das Flammenspektakel akzentuiert die Stärken der Darbietung, anstatt mögliche Schwächen zu verdecken. Andererseits unterstrich bei „To Drown the Svn in Wine“ gerade die drastische Reduzierung der Showeffekte die Wirkung des Songs selbst (einschließlich der von Walt Whitman inspirierten Rezitation). Mein einziger kleiner Kritikpunkt ist, dass der Set ohne unnötige Pausen zwischen den Songs noch prägnanter gewesen wäre, und es sich als vorletzte Band ziemen würde, anstelle eines zugabeheischenden Pseudo-Abgangs einfach auf der Bühne zu bleiben und direkt mit dem von allen erwarteten Schlusslied „O Father, O Satan, O Sun!“ loszulegen.

So sehr ich Behemoth zu schätzen weiß, war meine Lieblingsband des Abends ganz eindeutig Dimmu Borgir. Zum Glück hatten die Norweger in Helsinki den Hauptslot, immerhin war es ihr ersten „Clubgig“ auf finnischem Boden seit 16 Jahren. Im Oktober 2010 hatten sie zusammen mit Enslaved und Sahg im Kulttuuritalo gespielt, das vor Kurzem zu einer anständigen Rock- und Metal-Venue renoviert wurde, aber zu jener Zeit noch für schlechtes Licht und miserablen Sound berüchtigt war. Danach waren sie nur noch für ein paar Festivals gekommen, bei vollem Tageslicht auf der Hauptbühne, und war ein besonders Vergnügen, die atmosphärische Lightshow der Band endlich mal in einem dunklen Saal genießen zu dürfen. Auch bei Dimmu kamen Pyros zum Einsatz, aber deutlich weniger exzessiv als bei Behemoth.
Der Küchenpsychologie zufolge verbinden sich die Lieblingsalben eines Menschen oft mit herausragenden persönlichen Erinnerungen, und ich maße mir nicht an, diese Theorie in Frage zu stellen. Das neueste Album von Dimmu Borgir erschien gerade rechtzeitig, um zum Soundtrack des bislang schönsten Sommers meines Lebens zu avancieren, und es war mir demzufolge mehr als recht, dass „Grand Serpent Rising“ mit gleich drei Songs repräsentiert war. Aber auch an früherem Material mangelte es nicht; die Zusammenstellung war eine ausgewogene Retrospektive der langen Bandkarriere und enthielt Songs von allen Alben bis auf die beiden ersten. Das Schlangenthema prägte nicht nur das Bühnenbild, sondern spiegelte sich auch in der Auswahl älterer Songs wider, darunter „The Serpentine Offering“, „Reptile“ und „Council Of Wolves And Snakes“. Letzteres begann mit einem ausgedehnten Percussion-Intro, bei dem Shagrath Daray auf einer riesigen separaten Trommel begleitete. Es war etwas seltsam, Dimmu Borgir ohne Galder zu sehen, aber Gitarrist Damage machte als neuer Partner von Silenoz einen soliden Job und stellte sein Können unter anderem beim Solo von „Ascent“ unter Beweis.
Der Set war tight und ein Highlight folgte dem anderen, aber gegen Schluss gab es noch einen besonderen Höhepunkt. Nach dem Hit „Gateways“ aus dem Jahr 2010 erinnerte Shagrath das Publikum daran, dass der Name dieser Tour von „den alten Göttern“ des Black Metal stammte, sprich Venom, deren Sänger Cronos Anfang des Monats verstorben war. Auf ihrer jüngsten EP I, Scvlptor haben Behemoth eine Coverversion von „In League With Satan“ mit Shagrath am Mikro; jetzt kam dafür Nergal auf die Bühne, um zu Ehren von Cronos gemeinsam mit Dimmu Borgir den Klassiker von 1981 zum Besten zu geben. Nach dieser würdigen Hommage gipfelte der Abend in der Hymne „Progenies Of The Great Apocalypse“ – perfekter Abschluss einer ultrageilen Show. Tusen takk!

Setliste Dimmu Borgir:
- Ulvgjeld & Blodsodel
- Mourning Palace
- Kings of the Carnival Creation
- Council of Wolves and Snakes
- As Seen in the Unseen
- Ascent
- Reptile
- The Serpentine Offering
- Puritania
- Gateways
- In League With Satan
- Progenies of the Great Apocalypse

