Interviews

Wes Orshoski: Auf der Spur einer mythischen Figur

Der Filmemacher Wes Orshoski, bekannt für seine Dokumentationen über The Damned, Lemmy und Shuggie Otis*, arbeitete in den vergangenen Jahren an der Lebensgeschichte von Paul Di’Anno, über seine Karriere, dessen Ende, Krankheit und eine heroische, riskante und dramatische Rückkehr zur Bühne. Die Doku „Di’Anno – Iron Maiden’s lost singer“ (siehe Trailer unten) ist nun auch als DVD/BluRay erhältlich. Wes erzählt uns mehr dazu:

Wie kam es zu deiner Dokumentation über Paul D’Anno, Wes? Was hat dich an seinem Leben interessiert?
Matt Green von Cleopatra Records, mit dem ich bereits an anderen Projekten zusammengearbeitet hatte, hat mir das Projekt vorgeschlagen. Er kannte Paul und den Gitarristen der Killers, Cliff Evans, seit über 30 Jahren und wusste, was für ein wilder Kerl Paul war. Interessant fand ich, dass ich sehr wenig über sein Leben wusste, sein Name in vielen Kreisen aber immer noch mit viel Respekt gehandelt wird. Nach all diesen Jahrzehnten war er immer noch eine mythische Figur. Ich fand, das war ein faszinierender Ausgangspunkt.

Wann und wie hatte Paul die anderen Mitglieder von Iron Maiden kennengelernt, um die Band zu gründen?
Der frühere Drummer Doug Sampson lud ihn zu einem Vorsingen ein und, wie Doug im Film sagt, wussten er, Steve Harris und Dave Murray sofort, dass er der Richtige für den Job war.

Kannst du uns mehr über Paul erzählen? Er war an Corona erkrankt und zwei Fans versuchten, seine Karriere wiederzubeleben.
Er war nicht an Corona erkrankt. Er könnte es sich irgendwann eingefangen haben, aber er saß fast ein Jahrzehnt im Rollstuhl, als Kastro Pergjoni eine Crowdfunding-Kampagne startete und Maiden-Superfan und -Autor Stjepan Juras Paul überzeugte, sich in Kroatien behandeln zu lassen, wo er für einen Bruchteil der Kosten hervorragend versorgt werden konnte. Während der Pandemie verschlechterte sich Pauls Gesundheitszustand so sehr, dass das britische National Health System ihn nicht mehr behandeln wollte, da sich sein Gesundheitszustand ihren Richtlinien zufolge nicht mehr verbessern würde. Paul war bereit, gewisse Risiken einzugehen, und die Ärzte in Kroatien waren es auch. Dort erlebte er eine dramatische positive Veränderung.

Wie waren Pauls frühe Tage?
Er war ein Junge, der in East London aufwuchs und Musik, alle Arten von Musik, liebte. Er begann, in Bands zu spielen. Einer seiner ältesten Freunde und Nachbarn ist Steve „Loopy” Newhouse, ein Originalmitglied der Iron Maiden Roadcrew.

Wie waren die frühen Jahre von Iron Maiden mit Paul, so um 1981? Und welche Ereignisse führten dazu, dass Paul die Band verließ?
Meiner Meinung nach war diese Zeit großartig für alle, Band und Crew. Es gab eine gewisse Chemie im Line-up mit Paul und in der Musik, die Steve (und gelegentlich Paul) schrieben, was die Leute fast sofort ansprach. Nach einer Weile schien der Druck Paul zu viel zu werden. Wenn man den Erzählungen glaubt, hat er sich selbst sabotiert, sei es durch seine Kleidung und sein Make-up, seinen Drogen- und Alkoholkonsum oder das Fehlen bei Shows.

Wie plante Paul sein Comeback?
Nachdem Paul eine physikalische Therapie und eine umfangreiche Operation hinter sich hatte, übernahm Stjepan die Aufgaben des Booking-Agents und organisierte eine umfangreiche Brasilien-Tournee, was den Beginn seiner Rückkehr markierte, die auch Shows in Europa, Südamerika, Mexiko, Zentralamerika und Australien umfasste.

Wie ist der Film bei Festivals angekommen? Wie reagieren die Fans auf den Film?
Die Leute mochten den Film soweit. Und die Reaktionen variieren von Region zu Region. Amerikaner scheinen bei vielen der emotionaleren Momente im Film viel stärker mitzufühlen. Aber insgesamt scheint der Film gut anzukommen.

Könnten wir kurz über die Entstehung des „Lemmy”-Dokumentarfilms sprechen? Warst du schon immer Fan von Iron Maiden und Motörhead? Wie kam es zu dem Film „Lemmy”?
Ich bin als Metalhead aufgewachsen, ja. Aber ich wurde ein noch größerer Fan von Lemmy und Paul und ihrem Schaffen durch die Arbeit an diesen Dokumentationen. Ich habe die Idee für den „Lemmy”-Film in einer E-Mail mit nur einem Satz seinem langjährigen Pressesprecher vorgestellt und gefragt, ob Lemmy und seine Leute Interesse an einem Dokumentarfilm hätten. Und so verrückt es klingt, es hat funktioniert. Ich habe in diesem Moment nicht wirklich realisiert, wieviel Glück ich da hatte.

* The Damned: Don’t You Wish That We Were Dead (2015), Lemmy (2010) und Shuggie Otis: Live in Williamsburg (2015)

Interview: John Wisniewski
Photos: @ 2020 Wes Orshoski von seiner Website und CleopatraRecords

DI'ANNO: Iron Maiden's Lost Singer (Official Trailer)

Klaudia Weber

Chefredakteurin, sprich Mädchen für alles hier