Amorphis: Rote Wolken und brennende Särge

Seit fast zwei Jahrzehnten sind Amorphis eine der beliebtesten und erfolgreichsten finnischen Metalbands. Ihr jüngste Album zeigt die Band wohl stärker denn je: voller Energie und Dynamik und gleichzeitig äußerst melodisch und melancholisch – wie man Amorphis . Mit Frontmann Tomi sprachen wir über die neue CD, Videoclips, Tourpläne, Bücher und seltsame Fragen.


Herzlichen Glückwunsch zum neuesten Amorphis-Album Under The Red Cloud! Kannst du uns ein bisschen
über die Aufnahmen erzählen – worin steckten die Herausforderungen und welcher der neuen Songs war der schwierigste aus technischer Sicht?

Tomi: Ich hatte keine größeren Probleme. Natürlich gibt es jedesmal ein paar schwierige Situationen, wenn du ein Album aufnimmst. Steckt immer ‘ne Menge Arbeit drin, aber ich kann mich jetzt nicht an irgendwelche echten Probleme erinnern. Die Aufnahmen liefen diesmal sogar besonders reibungslos, weil die Vorproduktion schon komplett stand, bevor wir ins Studio gingen. Die größte Herausforderung lag darin, dass wir einen neuen Produzenten hatten, mit dem wir das erste Mal zusammenarbeiteten. Das ist immer so, du weißt vorher nicht, was du von dem neuen Mann zu erwarten hast. Aber er war supernett und ein toller Typ, so dass wir ihm ziemlich schnell vertrauten und ihn besser kennen lernten. Lief im Grunde alles reibungslos.

Ist es im Laufe der Jahre einfacher oder schwieriger geworden, neue Songs zu schreiben?

Tomi: Kommt drauf an... das hängt eigentlich immer vom Song ab. Wir haben jetzt seit 10 Jahren dasselbe Line-Up, das vereinfacht die Dinge. Letztendlich ist es ziemlich einfach, solange jeder voll motiviert ist. Wir machen das hauptberuflich, also sind wir gezwungen, uns bei den Aufnahmen zu konzentrieren und die Songs vernünftig zu proben. Ich denke, das Schwierigste ist jedesmal die Auswahl der Songs, aber wir machen da kein großes Problem draus. Wir haben mehrere Songschreiber in der Band, daher haben wir anfangs immer ziemlich viel Material zur Auswahl.

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Das neue Album klingt ziemlich vollkommen. Worin liegt euer Geheimnis? Schreibt ihr eigentlich zuerst die Texte oder die Melodie?

Tomi: Wir haben zuerst nur grobe Demos. Esa Holopainen komponiert eine Menge. Ich denke, er nimmt die Sachen einfach an seinem Computer auf – ein paar Gitarrenriffs, Melodien und so. Heutzutage ist das ja einfach – wenn du einmal weißt, wie’s funktioniert, kannst du zuhause komplette Demos aufnehmen. Die schicken wir uns dann per E-Mail, sodass sich jeder ein Bild von dem neuen Song machen kann. So arbeiten wir im Prinzip immer: wir schicken uns gegenseitig Ideen und irgendwann treffen wir uns im Proberaum und probieren, wie’s in der Praxis klingt. Es spielt keine Rolle, wer die Songs komponiert. Wir sind für alle Ideen sehr offen. Und wir versuchen, jederzeit demokratisch zu bleiben. Es macht immer Spaß, ein neues Album in Angriff zu nehmen, und es ist superinteressant, die neuen Ideen und Songs zu hören. Schon allein die Zusammenarbeit mit den anderen Jungs ist immer wieder geil.

Das neue Material und das Video ist sehr emotional. Stimmt es eigentlich, dass auf dem neuen Album jemand von euren Kindern mit dabei war?

Tomi: Nee, also nicht dass ich wüsste!

Wir haben gehört, dass in Deutschland gerade ein Buch über euch erschienen ist. Kannst du uns verraten, was die Fans auf seinen Seiten finden?

Tomi: Ja, das Buch kam letztes Jahr in Finnland raus und wurde jetzt ins Deutsche übersetzt. Das hat ein Finne geschrieben, der 3 ​​Jahre oder so daran gearbeitet hat. Da sind jede Menge Bilder aus alten Zeitschriften drin, Interviews und so, eigentlich die ganze Biografie von Amorphis. Er ist Reporter für ein paar finnische Rockmagazine, aber es ist sein erstes komplettes Buch. Er erzählt darin die Geschichte der Band von den frühen 90er Jahren an. Er wollte sich vor allem auf die Anfangsjahre konzentrieren, aber es sind auch jede Menge Stories aus Pasi Koskinens Zeit drin und zu jedem Album [bis in die Gegenwart]. Ich denke, es ist ein gutes Buch, das nicht einfach an der Oberfläche bleibt, sondern auch den Fans eine Menge bietet, die mehr wissen wollen und tiefer schürfen möchten.

Zu „Death Of A King“ gibt es ein Video, kannst du uns Näheres über diesen Clip erzählen? Wo habt ihr ihn gedreht und wer hat Regie geführt?

Tomi: Wir haben in Finnland gedreht, und der Regisseur hat viel Wert auf Naturaufnahmen gelegt, weil auch auf dem Album viel von der Natur die Rede ist. Das Wetter war super, und wir drehten alles an einem Tag. In Hämeenlinna, das ist eine finnische Kleinstadt mit reichlich Natur. Hat richtig Spaß gemacht. Direkt nebenan war ein Truppenübungsplatz, und die Szenen mit dem brennenden Sarg am Schluss haben wir im Sperrgebiet gedreht.

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Sind noch mehr Videos zu Under The Red Cloud geplant?

Tomi: Ja, da kommt wohl noch was. Beziehungsweise ist sogar schon draußen [„The Four Wise Ones“]. Das haben wir auf der letzten Europatour gedreht, also quasi ein Live-Video. Ich finde es nicht gerade das beste Musikvideo aller Zeiten, aber es ist okay.

Glaubst du, dass Videos für Amorphis ein wichtiges Instrument sind, um neue Fans zu zu gewinnen?

Tomi: Ich muss sagen, es ist sauschwer, ein gutes Video zu machen, mit dem du wirklich zufrieden sein kannst. Es ist einfacher, falls du eine klare Idee oder Vision hast, aber eine Herausforderung ist es immer. Wir sind grundsätzlich pessimistisch, wenn wir ein neues Video drehen sollen. Ich weiß nicht… wär sicher cool, mal so ‘ne Art Kurzfilm zu machen, aber das ist sehr aufwendig und vor allem extrem teuer. Machen würde ich’s trotzdem gerne, stell mir das ziemlich spaßig vor. Als ich jünger war, hab ich gerne Musikvideos geguckt und fand’s interessant, die Bands spielen zu sehen. Ich denke auch, das Videos ein gutes Promowerkzeug für Bands sind – heute, wo man sie problemlos im Internet findet, sogar noch mehr als damals in den 90ern.
Im Fernsehen sieht man Finnland heutzutage kaum noch Musikvideos. In den 90er Jahren hatten wir eine unheimlich populäre Musiksendung, die ich fast jedesmal geguckt habe, aber heute haben wir sowas gar nicht mehr. Auch MTV – Music Television…“ – ist nur noch Realityshows und keine Musik mehr. Absolut öde. Daher ist es cool, dass man alle Musikvideos im Internet findet, und das in einwandfreier Qualität.

Hörst du dir eure älteren Alben an?

Tomi: Selten. Was ich mir anhöre, sind die, auf denen ich nicht selber singe. Ich hör nicht gerne meine eigene Stimme und will auch keine Live-Videos von mir sehen. Ich hasse das sogar. Ich weiß nicht warum, vielleicht ist es ein typisches Sängerproblem, aber ich hasse es nun mal. Zum Beispiel, wenn wir bei einer Show backstage abhängen und jemand findet auf YouTube einen Clip von einer unserer vorigen Shows, da sag ich nur „oh fuck, bloß weg damit! Nicht, dass ich unsere Alben langweilig fände, aber weißt du, im Internet gibt’s so viel gute Musik, da will ich doch lieber was anderes hören!

Apropos was anderes hören: was war das letzte Album, das du gekauft hast? Was gefällt dir daran?

Tomi: Oh, ich kauf mir kaum noch CDs, was eigentlich ziemlich blöd von mir ist. Aber mal sehen, was hab ich in letzter Zeit gehört… Morbid Vömit, das ist eine Death-Metal-Band aus Finnland. Und Lasten Hautausmaa, das sind auch Finnen, wie soll ich die beschreiben… DepriRock, oder sowas in der Art. Ansonsten…

Und gibt es irgendwelche Bücher, Filme oder Songs, die du jedem empfehlen würdest?

Tomi: Ich glaube, der ist aus Dänemark Lars von Trier! Ich mag seine Filme, die sind wirklich tragisch und nicht so hollywoodmäßig. Ich mag Dramen, dafür hasse ich Komödien, weil die in fast immer grottenschlecht sind. Es gibt ein paar wirklich große Komödien, aber in der Regel sind sie stinklangweilig und die Witze einfach nur flach. Ich mag City of God, und Quentin Tarantinos Filme können auch einiges. Ich mag vor allem traurige Filme, romantische Komödien geben mir nichts. Auch Actionfilme nicht, die sind im Grunde wie Komödien. Aber der Film über diesen Drummer gefiel mir, Whiplash. Der war super.
Was Bücher angeht, ich lese nicht viel. Der Pate [Mario Puzo] ist natürlich großartig. Ich lese hauptsächlich finnische Schriftsteller, und ich mag schwedische Krimis.

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Zeit für eine seltsame Frage: Falls du die Möglichkeit hättest, für einen Tag dein Geschlecht zu wechseln und als Frau rumzulaufen, würdest du dich trauen, das auszuprobieren, und was würdest du in der neuen Gestalt machen?

Tomi: Ja sofort, das wär super! Aber ich weiß nicht, was genau ich machen würde. Das ist mal ‘ne wirklich schwierige Frage! Vielleicht mit anderen Mädels auf eine Party gehen, das wäre sicher spaßig. Schon um zu sehen, über was sich Frauen so unterhalten, wenn sie unter sich sind. Nicht, dass ich mit irgendwelchen Unanständigkeiten rechnen würde, aber… naja, wenn Männer dabei sind, geben Frauen sich doch meist besonders nett. Sobald keine Jungs in der Nähe sind, geht es wahrscheinlich ganz anders zur Sache. Wär mal lustig, einfach unter Mädels abzufeiern und ein paar Bierchen zu kippen.

Und zum Abschluss: Auf welche Frage hat du eigentlich keine Lust mehr und musst sie trotzdem immer wieder beantworten?

Tomi: Natürlich geht es immer um das neueste Album oder die Tour oder warum ich meine Dreadlocks abgeschnitten hab. Aber klar, wenn du als Sänger ein Interview gibst, musst du über die Band reden, verstehe ich ja auch. Das ist Teil des Geschäfts und ich hab kein Problem damit. Manchmal kommen auch allzu abgedrehte oder stereotype Fragen oder welche, die mir einfach zu philosophisch sind. Aber meistens macht es einfach nur Spaß!

Alles klar, und dankeschön für das Interview!

Mehr Infos hier:
http://amorphis.net/
https://www.facebook.com/amorphis

Interview Varvara Murasheva, Julia Andreeva
Photo: Julia Andreeva

Contributors

Julia Andreeva

Julia Andreeva

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