Interviews

Semantron: Akustische Reisetagebücher

Semantron nennt sich das Soloprojekt des Multi-Instrumentalisten Dave French, bekannt als YOB Schlagzeuger und als Gitarrist, Bassist, Synthesizer-Virtuose und Percussionist in den Live-Ensembles von Steve Von Till. Vor einigen Wochen kam das Debütalbum „Secrets Of A Krummholz Heart“ auf den Markt und wir möchten mehr darüber wissen!

Wann hast du angefangen, Musik zu machen, Dave? In welcher Band hast du als erstes gespielt?
Obwohl ich mich schon von kleinauf für Musik interessiert hatte, brachte ich mir selbst im Alter von etwa 11 Jahren das Schlagzeugspielen bei und begann, mich mit dem Komponieren von Musik zu beschäftigen. Mit 12 Jahren spielte ich in meiner ersten Band. Alle anderen in der Band waren etwas älter als ich – 15 oder 16 – und wir spielten hauptsächlich Coverversionen. Die Songs, an die ich mich erinnere, waren „Green Manalishi“ von Judas Priest, „The Zoo“ von den Scorpions und „The Four Horsemen“ von Metallica.

Hast du LieblingskünstlerInnen?
Mein Musikgeschmack ist ziemlich vielseitig, und ich neige dazu, mich eine zeitlang intensiv mit einer Band oder einigen Bands zu beschäftigen und dann zu etwas zu wechseln, das für mich neu ist. Das bedeutet nicht, dass ich das Schaffen eines bestimmten Künstlerperson nicht mehr mag oder dass mich das nächste Album nicht umhauen wird, aber nach einer gewissen Zeit der Wiederholung wird etwas (vielleicht etwas völlig anderes) meine Aufmerksamkeit erregen und ich werde mich auf eine neue musikalische Entdeckungsreise begeben. Aus diesem Grund sind meine LieblingsmusikerInnen eine wahrlich bunte Mischung. Eine Band zum Beispiel, die meiner Meinung nach die Musik auf „Secrets of a Krummholz Heart“ stark beeinflusst hat, ist Pink Floyd. Ich liebe Pink Floyd zwar, habe sie aber seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr regelmäßig gehört. Zu meinen langjährigen Favoriten zählen Black Sabbath, Slayer, Rush, Fugazi und King Crimson ebenso wie Dead Can Dance, Erik Satie, Claude Debussy und Fela Kuti. Zu meinen aktuellen Favoriten gehören Greet, Daisy Rickman, Deaf Kids, Alessandro Cortini und Crouch.

Magst du das Experimentieren mit verschiedenen Klängen, wenn du deine Musik komponierst?
Ja, das tue ich. Das Experimentieren mit verschiedenen Klängen ist ein wichtiger Teil meines musikalischen Schaffensprozesses. Der Song „At the Feet of Friendship“ enthält Klänge wie brechendes Eis, durch Bäume rauschenden Wind, die Stimme eines Raben, die in kurze perkussive Töne zerlegt wurde, und Steine, die bei einem Steinschlag in den Cascade Mountains aufeinanderprallen. Im Laufe der Jahre habe ich eine Wäscheleine, schnurrende Katzen, über Gitarrenpedale geleitete Trommeln, Gletscherschmelzwasser und Funkstörungen von einem Windpark in Holland verwendet.

Wie bist du Schlagzeuger bei YOB geworden? Wie war es, in dieser Band zu spielen?
Bevor ich zu Yob kam, waren Mike, Aaron und ich schon seit Jahren befreundet. Im Jahr 2021 fragten sie mich, ob ich Interesse hätte, als Gastschlagzeuger auf einer Tournee mitzuspielen, worauf ich so etwas wie „Shit, klar!“ antwortete. Zu meinem Glück führte das schließlich dazu, dass ich als festes Mitglied in die Band aufgenommen wurde.
Es macht unglaublich viel Spaß, in einer Band mit guten Freunden zu spielen, deren Musik ich schon immer geliebt habe!

Erzähl uns etwas über deine Arbeit als Produzent mit Mitgliedern von Soundgarden. Warst du schon vorher ein Fan der Musik von Soundgarden?
Da ich in der Umgebung von Seattle aufgewachsen bin und während der Grunge-Welle Ende Teenager war, war ich natürlich ein Soundgarden-Fan. Sie waren so etwas wie unsere Black Sabbath. Nachdem ich aus Frankreich nach Seattle zurückgekehrt war, lernte ich Ben Shepherd über einen gemeinsamen Freund kennen. Wir wurden Freunde und spielten hier und da zusammen Musik. Er war sogar eine zeitlang in meiner Band „The Anunnaki“. Ich war damals als Tontechniker in einem Club im Süden von Seattle tätig und arbeitete außerdem in einem Aufnahmestudio im hinteren Teil des Lokals. Als Ben eine Reihe von Songs hatte, die er aufnehmen wollte, bat er mich, das zu übernehmen. Diese Platte heißt „In Deep Owl“. „Deep Owl“ war der frühere Name des Viertels, in dem wir damals herumhingen – heute heißt es Georgetown. Wir hatten viel Spaß bei den Aufnahmen zu dieser Platte, und ich habe dabei eine Menge gelernt.

Erzähl uns etwas über deine neueste Veröffentlichung „Semantron – Secrets of a Krummholz Heart“. Wie waren die Aufnahmen?
Die Songs von SoaKH entstanden fast ausschließlich während jahrelanger Tourneen mit Bands wie Soundgarden, Neurosis, Boris, Sleep und Brothers of the Sonic Cloth. Daher sind sie gewissermaßen akustische Reisetagebücher. Der Song „Piha“ zum Beispiel kam mir während einer Tour mit Soundgarden in den Sinn. Der erste Teil sprang mir in Piha, einem Naturschutzgebiet in Neuseeland, aus der Gitarre. Ein weiterer Teil dieses Songs kam mir später in Island in den Sinn, zwischen einer Soundgarden/Black Sabbath-Tournee in Europa und dem US-Teil dieser Tournee mit Nine Inch Nails. Der letzte Teil des Songs entstand, als ich eine Auszeit in Südfrankreich nahm. Alle Songs auf diesem Album haben eine ähnliche Entstehungsgeschichte, abgesehen von „At the Feet of Friendship“, das während der Aufnahmen in einer Blockhütte in den Bergen des Bundesstaates Washington geschrieben wurde.

Der Aufnahmeprozess dauerte insgesamt etwa ein Jahr. Mir war klar, dass ich etwas Zeit für mich brauchte, um meine 15 Songs in die richtige Perspektive zu rücken. Deshalb mietete ich im Winter 2023 eine Hütte ohne Stromanschluss am Fuße des Mount Adams. Ich musste mit Schneeschuhen hin und retour und es gab keinen Strom. Ich nutzte einen Generator, um eine Hausbatterie aufzuladen und versorgte meine Aufnahmetechnik damit. Wenn die Batterie leer war, musste ich eine Pause einlegen, um sie wieder aufzuladen. So wurden die Akustikgitarren und einige E-Gitarren aufgenommen. Das Schlagzeug wurde im Proberaum von Yobs aufgenommen, und die letzten Feinarbeiten, einschließlich des Gesangs, nahm ich zu Hause in Portland vor. Mein lieber Freund Nathan Yaccino, den ich übrigens beim Abmischen der Ben-Shepherd-Platte kennengelernt habe, hat das Album in seinem Studio in Seattle gemixt und ein weiterer lieber Freund, Tad Doyle, hat es fertig gemixt. Diese beiden haben wirklich großartige Arbeit geleistet! Ich bin sehr dankbar für die Sorgfalt, mit der sie beide dafür gesorgt haben, dass es so gut klingt.

ZUM REINHÖREN

Erzähl uns etwas über die Zusammenarbeit mit Tad Doyle bei „Brothers of the Sonic Cloth“. Wie hast du Tad kennengelernt?
Ich lernte Tad kennen, als meine alte Band „The Anunnaki“ und „Brothers of the Sonic Cloth“ bei einem Festival in Seattle auf derselben Bühne auftraten. Am Ende des Abends sagte ich ihm, wie sehr mich ihr Auftritt beeindruckt hatte. Er fand auch nette Worte für meinen Auftritt und wir wurden schnell Freunde. Als BotSC einen neuen Schlagzeuger suchten, rief Tad mich an und fragte, ob ich vorspielen wolle. Es war eine Ehre, in meiner damaligen Lieblingsband aus Seattle zu spielen, und Tad und Peggy sind für mich wie eine Familie geworden.

Wie war die Zusammenarbeit mit Steve Von Till?
Ich arbeite sehr gerne mit Steve zusammen. Er ist einer meiner besten Freunde, und ich halte ihn für einen technischen Zauberer und ein musikalisches Genie. In seiner Live-Band spiele ich mehrere Instrumente gleichzeitig (Percussion, Synthesizer, Bass sowie Samples). Was ich durch seine Herangehensweise bei der Präsentation seines Solomaterials und der Harvestman-Songs im Live-Kontext gelernt habe, hat mir enorm dabei geholfen, einen Weg zu finden, Semantron-Songs auch als Solokünstler live zu spielen.

Hast du irgendwelche Zukunftspläne und Projekte?
Ja! In der Tat war ich gerade als Vorband an einigen ausgewählten Terminen der Tour von Steve Von Till dabei, die letzte Woche zu Ende ging. In nicht allzu ferner Zukunft werde ich wieder solo auf Tour gehen – mit einem Sampler, live geloopten Percussion-Klängen und Gitarre, während ich Gitarre spiele, Synthesizer bediene und singe – in Großbritannien und Europa. Außerdem werde ich ein paar Solo-Konzerte an der Westküste geben und vielleicht sogar ein paar mit der kompletten Band. Ich werde die Konzerte und Termine so bald wie möglich auf Instagram und Bandcamp ankündigen, also haltet die Augen offen!

Und zum Abschluss: Woher stammt der Name der Band „Semantron“?
Ein Semantron ist ein altes klösterliches Musikinstrument, das aus dem Kernholz einer Buche gefertigt ist und üblicherweise gespielt wird, indem man mit Buchenästen auf die Platte schlägt.
(Und als “Krummholz” bezeichnet man hochalpine Bäume, die stark von Witterung und Klima im Wuchs beeinträchtigt sind, Anm.d.Red.)

Text: John Wisniewski  Photos: Semantron

GastmitarbeiterInnen / guest contributions

Reguläre GastmitarbeiterInnen u.a. John Wisniewski, Julia Andreeva, Kate Bird, Melanie Kircher, Tatjana Tattis Murschel, Grit Kabiersch, Marina Minkler, Nina Ratavaara, Elvira Visser