Interviews

Deeper Graves: Maximale Freiheit

Nach einer vierjährigen Pause seit dem letzten Album ist nun das dritte Werk des in Indianapolis ansässigen Post-Punk-/Gothic-Rock-Projekts Deeper Graves „Pull Me Toward The Dark“ auf dem Markt (über Disorder Recordings). Der Mann hinter diesem Soloprojekt, Jeff Wilson (bekannt durch u.a. Chrome Waves, Contrition, ehemals bei Nachtmystium und Wolvhammer, zudem Inhaber von Disorder Recordings), erzählt uns mehr darüber:

Jeff, unterscheidet sich das neue Deeper-Graves-Album „Pull Me Toward the Dark“ von deiner bisherigen Musik? Hast du viele verschiedene Genres kombiniert ?

Ich denke, das einzig Drastische, das es von allem anderen unterscheidet, was ich bisher gemacht habe, ist, dass ich auf diesem Album mehr singe.
Es gibt immer noch dieselbe Stimmung, die auch auf den anderen Alben oder anderen Projekten zu finden war. Ich denke, es ist eher eine Mischung aus Emotionen als eine Mischung aus Genres.

Welche Art von Musik hast du während der Aufnahmen zum Album gehört? Hast du Lieblingskünstler?
Ich höre im allgemeinen keine Musik, es sei denn, meine Frau und ich kochen oder nehmen am Esstisch eine Mahlzeit ein. In den letzten Jahren habe ich mich eher für Podcasts interessiert.
In meinem Kopf spielt genug Musik, um den Raum zu füllen. Die meisten dieser Songs wurden vor etwa einem Jahr geschrieben, daher fällt es mir ehrlich gesagt schwer, mich daran zu erinnern.

Könntest du uns etwas über die Aufnahmen zu den Titeln „Where Do We Go From Here“ und „Over the Shoulder“ erzählen? Wie verliefen die Sessions für das neue Album?
Beide Stücke waren Überbleibsel von einem Album einer anderen Band, das später in diesem Jahr erscheinen wird. Ich hatte einfach das Gefühl, dass sie ein Zuhause brauchten, und dieses Projekt war perfekt für diese Tracks.
Ich habe alles in meinem Heimstudio aufgenommen; ich versuche heutzutage, so viel wie möglich selbst zu machen. Ich mag es nicht, unter Zeitdruck zu stehen oder beim Aufnehmen von Ideen hohe Kosten zu haben.

Wirst du irgendwelche Live-Konzerte geben?
Ich bezweifle stark, dass das Interesse an dem Projekt groß genug ist, damit sich der enorme Aufwand an Vorbereitung lohnt, der notwendig wäre, um das alles auf die Beine zu stellen. Für frühere Alben gab es Tourtermine, aber die Pandemie hat das alles irgendwie zunichte gemacht. Das finanzielle Risiko, zu reisen und für einen Hungerlohn quer durch das Land in Quarantäne zu sitzen, war einfach zu groß.
Ich bin nun lieber zu Hause als früher. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, werde ich sie in Betracht ziehen, aber ich suche nicht aktiv danach.

Von all den vielen Bands, in denen du gespielt hast, welche hat dir am besten gefallen? Welche hat dir die größte kreative Freiheit gegeben?
Nun, diese hier gibt mir offensichtlich die größte Freiheit, da ich mich mit niemandem anderen auseinandersetzen muss. Die Termine richten sich nur nach meiner eigenen Zeit, was mir lieber ist.
Es gibt bei diesem Album hier auch kein Label, also könnte ich morgen etwas veröffentlichen, wenn ich wollte.
Alle Projekte haben positive Erinnerungen, aber alle haben/hatten auch negative. Die behalte ich lieber in der Vergangenheit und schaue nach vorne.

Wie sieht die Darkwave-Szene heutzutage aus? Gibt es nun viele Bands, die versuchen, mit verschiedenen Sounds zu experimentieren?
Ich habe keine Zeit, mich mit Szenen zu beschäftigen. Ich schaue mir etwas an, wenn es das Projekt eines Freundes ist oder wenn mir jemand etwas vorschlägt.
Ich bin ein Workaholic, der sein Gehirn nicht abschalten kann, also bin ich einfach damit beschäftigt, mein eigenes Ding zu machen.
Ich bin nicht mehr so gesellig, ich verlasse kaum noch mein Haus, geschweige denn, dass ich zu Konzerten  gehe oder so.

Hast du eine Weltanschauung? Wie siehst du die Welt im Moment generell?
Ich belasse es einfach dabei, dass alle komplett einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. 90 % der Bevölkerung gehören entweder dem roten oder dem blauen Kult an.
Als jemand, der sich tatsächlich mit Politik beschäftigt und eine differenzierte Meinung haben kann, glaube ich nicht, dass die meisten Leute meine Weltanschauung hören wollen.

Übernimmst du die gesamte Instrumentierung selbst? Wer ist noch auf dem Album zu hören?
Nachdem ich auf den vorherigen Alben Gäste hatte, war es eine bewusste Entscheidung, niemanden sonst auf diesem Album zu haben. Ich habe die gesamte Instrumentierung, das Engineering, das Artwork, die Fotografie – einfach alles – selbst gemacht.

Wie werden die Hörer deiner Meinung nach auf das neue Album reagieren?
Ich glaube, sie werden es so aufnehmen, wie sie heutzutage so ziemlich alles andere aufnehmen: fünf Minuten Aufmerksamkeit und dann weiter zum Nächsten.

Wann hast du zum ersten Mal ein Instrument in die Hand genommen und dich für Musik interessiert?
Ich habe mit etwa 13 angefangen, Gitarre zu spielen, habe mich bis Ende 20 auf das Konzept der Band verlassen und dann in meinen 40ern erkannt, dass ich es auch ganz alleine schaffen kann.
Diese Erkenntnis hätte ich wahrscheinlich früher gewinnen sollen. 😉

Deeper Graves bandcamp

Deeper Graves at Earsplit

Interview: John Wisniewski, photos: Jeff Wilson

GastmitarbeiterInnen / guest contributions

Reguläre GastmitarbeiterInnen u.a. John Wisniewski, Julia Andreeva, Kate Bird, Melanie Kircher, Tatjana Tattis Murschel, Grit Kabiersch, Marina Minkler, Nina Ratavaara, Elvira Visser