Leprous, The Ocean, Port Noir

5.11.2019, Köln, Kantine

Viele der Shows auf dieser Europatour von Leprous sind bereits im Vorfeld ausverkauft und es gibt immer wieder Updates hinsichtlich Festivalshows – seht euch eine davon an, wenn ihr könnt. Obwohl ich hoffe, dass aus Leprous keine große Festivalband wird, da diese Musik viel besser in intimere Venues passt. Wenn andere Bands ein Erlebnis sind, sind Leprous Live ein Gefühl, und ganz besonders das letzte Album, dessen Musiktherapie eher was für Clubräume ist. Wo soll ich beginnen – Leprous ist meine Entdeckung für 2019, eventuell etwas spät, aber immerhin habe ich diese Band noch rechtzeitig entdeckt, um sie auf dieser Tour zu genießen.

In Köln, einer Stadt, in welcher Weltklasse-Acts nicht fremd ist, fand das Konzert an einem Ort statt, an dem man Mordopfer verstecken könnte. Selbst mit ausgeklügelten Karten-Apps war es nicht einfach, den Club und dann dessen Eingang zu finden. Klein, dunkel und SEHR versteckt inmitten von schlecht beleuchteten Industriegebieten, Postlagern, Ford-Montagelinien und alten Kabelfabriken. Gleichzeitig fühlte es sich privat, zurückgezogen und geheimnisvoll an, wie ich Live-Konzerte von Bands mit einer emotionalen Konnotation gerne genieße. Es ist keine Party oder ein Festival, auf dem lauter Soundtrack zu hören ist, das hier ist persönlich. Leprous ist persönlich.

Mit auf Tour zwei weitere Bands – Port Noir und The Ocean, beide etwas Neues für mich. Es stellt sich heraus, dass die Reihenfolge der Bands nicht unbedingt ein Maßstab für deren Qualität ist. Port Noir – eine ausgezeichnete Wahl, sie kriegen mein Stalker-Elch-Gütesiegel! Solides Trio aus Schweden, das gut zum Hauptact passt. Auch hier hoffe ich, dass PN kein riesiger Festival-Act wird, denn ihre Musik und ihre Stimmung lassen sich am besten in einer kleineren Halle vermitteln. Dunkel und heavy, mit gutem Gesang und großartigem Instrumentalmanagement, beweisen die Jungs, dass drei Leute reichen, wenn jeder ein Meister seiner Instrumente ist. Metal meets Lounge meets Heavy, gut und geht schnell ins Ohr und man würde gerne auch alle Texte zum Mitsingen kennen. PN ist eine sehr gute Clubband, die ich gerne wieder ansehe – verpasst sie bloß nicht, wenn sie wo in der Nähe spielen.

Dann kam The Ocean und obwohl der Name schon attraktiv wirkte, wieso all der Nebel? Die Bühne füllte sich mit so viel Smoke-Effekten und blieb auch so, dass ich ehrlich gesagt nicht viel sagen kann … Eine Band oder ein ganzes Orchester? Keine Ahnung, man konnte kaum was sehen. Na gut, geheimnisvoll und fotogen vielleicht, aber wenn eine Band mysteriös aussehen möchte, bitte eher schwarze Kapuzenmäntel oder ausgeflipptes Make-up verwenden als all diesen Nebel, da dies mehr Aufmerksamkeit erregt als eine Bühne voller weißer Flusen, die von einigen grünen Laserlichtern beleuchtet wird. Nicht cool und ziemlich langweilig. Die Musik – melodischer Doom mit adäquatem Gesang – wirkte eher beliebig, nichts allzu besonders Denkwürdiges. In diesem Fall ist der Ozean leider ertrunken… in seinem eigenen Nebel.

Und so hatte der Headliner einen leichten Job. Wir waren aufgewärmt und hungrig und sehr bereit. In den Pausen zwischen den Sets wurde das Publikum ungeduldig. Viele haben Leprous bei ihrem letzten Besuch in Köln vor ein paar Jahren gesehen, und ich hörte immer wieder positive Eindrücke davon. Ich habe oft gehört, dass Leprous nun die Geschichte der alternativen Musikszene neu schreibt und mit all meiner Begeisterung wollte ich so schnell wie möglich ein Teil davon sein. Ihre Platten sind alle sehr unterschiedlich und differenziert, vereint durch hochtechnische musikalische Arrangements und den sehr abwechslungsreichen Stimmumfang des Leadsängers Einar. Leprous ist bekannt für progressive Sounds, vielseitige Vocals von tief bis hoch, familiäre Verbindungen zu norwegischen Black Metal-Keyboardern und persönlichen Texten, die sich mit emotionaler Instabilität befassen. Was kann man daran nicht innig lieben?! Das neueste Album „Pitfalls“ lässt keinen unberührt, auch wenn es wieder ein Schritt in eine andere Richtung ist im Vergleih zu vorherigen Veröffentlichungen der Band. Leprous ändern ihren Sound, aber es gibt einen dünnen roten Faden durch die gesamte Musikgeschichte und Noten, die alles miteinander verbinden. Es ist die Art von Musik, die Gänsehaut verleiht, auf einer unerklärlichen Ebene fühlt man die Texte und kann sich in jedem Song von etwas anderem angesprochen fühlen.

In ihrer visuellen Präsentation sind die Norweger mit ihren sauberen Frisuren sowie schwarzen Outfits mit Hemd und Krawatte stilvoll und doch unauffällig, und so könnte es jeder von uns sein. Jeder außer dem Schlagzeuger, der mit nacktem Oberkörper derbe mit seinem Instrument umgeht und diesem düster emotionalen Ensemble mit melancholischen Versen eine Prise an sexy Würze verleiht. Videoprojektionen im Hintergrund unterstützen jeden Song als modernen Touch; wunderschön, geschmackvoll und stilvoll, fast Hipster-Metal aber nicht ganz, dank expliziter emotionaler Inhalte und Live-Cello. Der Sänger teilt seine Bühnenzeit zwischen Mikrofon und Keyboard auf und zeigt bei beidem seine exzellente Meisterschaft. Raphael Weinroth-Browne, ein sehr talentierter Gastcellist aus Kanada, ist hier mit auf Tour – großartig.

Meine Erwartungen bestätigten sich und diese Band bleibt meine Entdeckung des Jahres – Leprous ist ein wahres Juwel. Eine Band, die innovativ, ausdrucksstark, inhaltsreich und einfach unvergesslich ist. Talentierte Musiker, gekonnte Arrangements, ehrliche Texte und exzellente technischer Ausführung. Sehr professionell. Es ist neu und anders, einprägsam und trifft doch eine Erkenntnis, seit langem begraben und unausgesprochen: Haben wir nicht alle etwas Dunkelheit in unserem Leben, mit welcher wir uns nur schwer auseinandersetzen oder die wir uns nicht einmal eingestehen können?

Mit Leprous haben wir Tall Poppies, Dark Coal und die Congregation durchgemacht, sind jetzt in Pitfalls gestolpert, und egal wie dunkel, tief und unsicher es ist, es wird nie langweilig und wir lassen uns fallen, glücklich, und wollen mehr.

Text: Marina Minkler photos: STALKER

GastmitarbeiterInnen / guest contributions

GastmitarbeiterInnen / guest contributions

Reguläre GastmitarbeiterInnen u.a. Melanie Kircher, Sander Burmeister, Grit Kabiersch, Marina Minkler, Maria Levin, Nina Ratavaara, Elvira Visser, John Wisniewski