7 Todsünden: Simon Satori (Rome Burns, Hi-Reciprocity)

Die britische Alternativ-Szene schafft es immer wieder, mich zu überraschen! Man denkt, man hätte schon alles gesehen, und dann kommt Simon mit seinen kreativen Unternehmungen um die Ecke – hierfür lohnt es sich, bei Netflix eine Pause einzulegen. Simon Satori ist nicht nur veröffentlichter Autor und Teilnehmer bei Nachstellen der Napoleon-Kriege, er ist auch der Frontman der Band Rome Burns (einer sehr tanzbaren Gothic Rock Formation) und Hi-Reciprocity (einer sehr vielfältigen One-Man-Show). Wir werden uns mit beiden Projekten später intensiver beschäftigen (bleibt am Ball), aber hier konzentrieren wir uns auf Simons sündige Seite – welcher afrikanische Paarhufer er gerne wäre und was das Schlimmste in der buddhistischen Hölle ist…

Faulheit

Ah, eine meiner Lieblingssünden. Es gab mal ein tolles Musikmagazin in Großbritannien namens “Meltdown” (der Herausgeber ist jetzt einer meiner Nachbarn und kümmert sich manchmal um meine Katze, wenn ich nicht da bin), und immer wenn das Magazin ein Interview mit einer Band gemacht hat, beendeten sie es mit der albernen Frage: “Wenn ihr ein Tier wäret, welches wäret ihr?” Und egal wen sie fragten, alle antworteten ziemlich voraussehbar – Hunde, Katzen und vielleicht mal ein Adler oder ein Delphin. Als wir ein Interview mit ihnen bekamen, hatten sie diese Frage inzwischen gestrichen, was mich ziemlich ärgerte, denn ich dachte, ich hätte die perfekte Antwort. Wenn ich die Wahl bei der Reinkarnation hätte, wäre ich ein Flusspferd! Nichts ist so großartig wie in im warmen Wasser herumliegen und nichts tun! Meine persönliche Wahl ist ein heißes Bad mit einem guten Buch und ein Glas Whiskey, aber ich bin mir sicher, ein warmer schlammiger See in Zentral-Afrika würde auch funktionieren!

Völlerei

Meine alte Band (Rome Burns) hatte eine zeitlang Rezepte auf der Webseite. Es gab da keinen besonderen Grund für, wir dachten einfach nur, es wäre eine wunderbar seltsame Sache, so etwas auf der Webseite einer Goth-Band zu veröffentlichen. Einige davon waren echt gut.

Wollust

Es gab eine Kette von Pubs in Großbritannien mit dem Namen „Eerie Pubs“. Es gibt nur noch eins von denen (in Nottingham). Die waren fantastisch und waren thematisch im alten „Gothic Horror Film“-Stil eingerichtet , man konnte sich alleine schon beim Zusehen amüsieren, wie Neukunden die Toilette suchten (die waren in einem Geheimgang hinter einem falschen Bücherregal versteckt). Oder halt an die Bar gehen und deren Cocktails bestellen: „Ich hätte gerne zwei mal Wollust, ein mal Gier und ein Pint Völlerei bitte“!

Zorn

Als ich in Thailand war, habe ich immer gerne „Buddhist Hell“ besucht. Das ist ein bisschen wie ein religiöser Abenteuerpark und voll mit Statuen und Zeichnungen der moralischen Lektionen des Buddhismus: Wenn du ein schlechter Buddhist bist, wird dir das in der buddhistischen Hölle passieren. Es zeigt riesige Dämonen, die Sünder aufspießen oder mit Folterinstrumenten auseinanderreißen… und eine meiner Lieblingslektionen dort war „Wenn du zu Lebzeiten deine Freunde zur Gewalt verleitest, wirst du in der buddhistischen Hölle deine Zeit in Form einer Ente verbringen!“. Mit der Band Hi-Reciprocity singe ich ein Lied über diese sehr spezielle Form der Bestrafung.

Gier

Einer meiner letzten Gigs war bei einem Festival auf Mount Edgecumbe in Cornwall. Ich liebe es, bei Konzerten den Veranstaltungsort einfließen zu lassen: Damit das Publikum darüber nachdenkt, wo sie sind und die Mythen und Legenden, die sich um den Ort ranken. Für das Konzert habe ich ein Stück geschrieben, das nur meine Stimme und ein Loop-pedal, welches als Chor fungiert, nutzt. Es drehte sich um Emma Edgecumbe, die Lady von Mount Edgecumbe House, die (wie aus einer Edgar Allan Poe Geschichte) für tot erklärt und in der Familienkrypta begraben wurde, nur um Tage später wieder zu erwachen, als ein gieriger Totengräber versuchte, ihr den Finger abzuschneiden, um den Ehering zu stehlen.

 

Eitelkeit

Ich hatte mal eine Augeninfektion: eine kleine Kreatur genannt Acanthamoeba hatte es sich im meinem Augapfel eingerichtet und fing langsam an, ihn anzufressen. Das war keine schöne Zeit für mich und mir würde gesagt, dass ich erblinden könnte. Der positive Effekt war, dass ich mich in die kreative Arbeit gestürzt und viel Musik für Rome Burns geschrieben und getourt habe, und ich habe auch meinen ersten Roman veröffentlicht. Ich war aber zu eitel, auf der Bühne eine Brille zu tragen und mein geschädigte Augen vertrugen keine Kontaktlinsen, also habe ich den Rest der Band gebeten, die Setliste größer zu schreiben, damit ich entziffern konnte, welche Lieder und in welcher Reihenfolge wir die spielen werden. Sie haben zugestimmt… bis sie realisiert haben, wie schlecht meine Sicht wirklich ist! Statt der üblichen A4 Setliste hab ich weiße Tapete gekauft und riesige Textmarker und schrieb die Setliste auf der Größe 1 Meter breit und 2 Meter hoch. Die Band meinte, das würde auf der Bühne zu albern aussehen, also haben wir uns letztendlich darauf geeinigt, dass mir einer von ihnen vor jedem Lied sagt, was wir spielen. Ich persönlich mochte meine riesige Setliste!

Neid

Wir alle wollen, was wir nicht haben können. Persönlich wünschte ich, ich hätte musikalisches Talent. Ich würde gerne die Gitarre oder das Keyboard oder Violine oder irgendwas selber spielen können! Statt dessen schreibe ich und singe und arbeite mit ein paar unglaublich talentierten Musikern, um den Sound, den ich brauche, zu schaffen. Hi-Reciprocity ist ein sehr seltsames Konstrukt: Ein Solo-Projekt mit vielen erstaunlichen Leuten.

Photo: stevek.photos
Links:
https://www.facebook.com/pg/Hi-Reciprocity
http://www.hireciprocity.co.uk/
https://tonywakeford.bandcamp.com/album/hi-reciprocity-his-invisible-friends

Marina Minkler – journalist
Uwe Minkler – translation

GastmitarbeiterInnen / guest contributions

GastmitarbeiterInnen / guest contributions

Reguläre GastmitarbeiterInnen u.a. Melanie Kircher, Sander Burmeister, Grit Kabiersch, Marina Minkler, Maria Levin, Nina Ratavaara, Elvira Visser, John Wisniewski