Alien Weaponry: Kein Zuckerguss!

Für Europäer sind sie tatsächlich etwas „Alien“ und seit diesem Sommer auf dem besten Weg, die Metalwelt zu erobern… eine der wenigen Bands, die gleich mit dem Debüt ne 10/10 Review von uns einheimst –  the next big thing? Tja, Alien Weaponry aus Neuseeland haben ja – wortwörtlich – ihr halbes Leben mit Musikmachen verbracht und in der Tat einen frischen und aufregenden Sound erschaffen. Und bis 21. September könnt ihr sie noch auf europäischen Bühnen erleben (Details HIER ). Daher bin ich ausgesprochen dankbar, dass die Jungs schnell zwischendurch Zeit fanden, etwas mehr über sich selbst zu erzählen, über Backstage-Minigolf und wo der Bandname herkommt: 

Bitte stellt euch kurz vor – und seid ihr alle 3 Maori? 

Lewis de Jong (16) – guitar / lead vocals – meine Abstammung ist Ngati Pikiao / Ngati Raukawa
Henry de Jong (18) – drums / backup vocals – meine Abstammung ist Ngati Pikiao / Ngati Raukawa
Ethan Trembath (16) – bass / backup vocals – meine Vorfahren kommen aus Schottland und England

Eure Debüt-CD kam im Sommer raus – seid ihr zufrieden mit den Reaktionen weltweit, seitens Presse und Fans, und habt ihr dergleichen erwartet? Was hat euch am meisten überrascht? 

Wir sind mehr als zufrieden, richtig glücklich über all die Reviews und Reaktionen. Wir sind selbst mit dem Album sehr zufrieden, aber wir haben nicht so viele positive Reaktionen weltweit erwartet, sowohl von Presse als auch den Fans. Die größte Überraschung sind die Reaktionen aus den USA, da die Hälfte des Albums nicht in englischer Sprache ist. Es gibt viel Airplay und tolle Reviews in den USA wie in Europa.

Hat es euch überrascht, dass ihr so schnell Karriere macht? Nunja, relativ schnell, denn ihr habt ja vor 8 Jahren angefangen…

Als wir mit der Band loslegten, stellten wir uns immer vor, wie das wäre, ein Album zu veröffentlichen und rund um die Welt zu touren. Aber es nun tatsächlich zu tun ist echt eine Überraschung. Wir hatten uns das Ziel gesetzt, in Wacken aufzutreten, ehe Henry 20 ist, und nun ist er erst 18, also schätze ich, wir haben noch viel früher das Ziel erreicht als wir uns das überhaupt vorstellen konnten.

Wie lief eure erste Festivaltour in Europa (Spanien und Belgien ist zum Zeitpunkt des Interviews noch dran, d.Red.)

Die Publikumsreaktionen waren überall einfach überwältigen. In Neuseeland gibt es nicht so viele Metaller, also war es echt cool, überall diese „professionellen“ Headbanger im Publikum zu sehen, die überall mit Circle Pits loslegten und Walls of Death. Es war unglaublich, wie viele Leute die Texte zu unseren Songs auswendig kannten – sogar die in der Maori-Sprache.

Was hat euch am meisten beeindruckt an Europa, was so total anders ist im Vergleich zu eurer Heimat? 

Die Abwesenheit von Pasteten, haha. Wir sind es gewohnt, an jeder Tankstelle in Neuseeland Fleischpasteten kaufen zu können, die vermissen wir etwas. Aber das Essen hier ist toll – wir haben schon alle möglichen Sorten von Wurst und Würstchen ausprobiert. Und die Straßen sind toll – und asphaltiert – in Neuseeland gibt es noch immer eine Menge Kieswege und Brücken mit nur einer Spur, besonders am Land, wo wir zu Hause sind. Viele Leute in Europa sind per Fahrrad unterwegs und es gibt überall diese Fahrradwege, da es so viel flacher ist in Zentraleuropa, anders als in Neuseeland. Und es ist seltsam, immer so weit weg von Stränden zu sein. Wir leben in der Nähe von einem der schönsten Strände in Neuseeland, wo wir im Sommer nahezu jeden Tag schwimmen gehen. Was noch anders ist – man muss an einer Tankstelle was dafür bezahlen, wenn man aufs Klo will.

Eine wüste / abwegige Tourstory, oder was war eure beste / schlechteste Show bisher, was ist passiert? 

Als wir von den Metaldays in Slowenien hinauf nach Wacken reisten, hatten unser Van auf der Autobahn in Österreich einen Platten. Das war schon schlimm, aber als es passierte, wurde es gerade dunkel und ein gewaltiges Gewitter hatte gerade angefangen – also Regen und Donner und riesige gegabelte Blitze überall, die den Wald um uns rum beleuchteten. Wir mussten aus dem Van raus, also standen wir alle am Straßenrand. Und das war wie in einem Horrorfilm, kurz bevor da was aus dem Wald rauskommt. Das war ziemlich surreal.

Unsere beste Show war – jede Show. Wir sind immer wieder hingerissen, wie toll das Publikum überall ist. Das macht uns sehr bescheiden

Alien Weaponry at Wacken 2018

Da ihr noch so jung seid – wart ihr ab und zu mal in absurden Situationen, die ihr als Erwachsene nicht hättet, beispielsweise in einem Club aufzutreten, in den ihr als Kunden noch gar nicht rein dürftet? (In Finnland durch das ab-18-Alkoholgesetz, bei einigen Clubs sogar 21-plus, daher passierte das bei der finnischen Teenieband Sturm und Drang einige Male).

In NZ kann man in die amtlichen Venues gehen, wenn ein Elternteil oder eine erwachsene Aufsichtsperson mit dabei ist, also ist das für gewöhnlich OK, da ja auch Henry und Lewis‘ Dad unseren FoH Sound macht und ihre Mum für gewöhnlich Merch verkauft. Einmal, als Lewis und Ethan erst 12 waren, verließ Lewis das Venue, eher er sein Bändchen hatte und der Türsteher wollte ihn nicht mehr reinlassen. Aber glücklicherweise war da jemand, der ihn kannte und ihm half. Manchmal müssen wir in bestimmten Venues die ganze Zeit über Backstage bleiben,, was ganz schön nervt, wenn wir uns auch die anderen Bands ansehen wollen. Einmal gab es eine Minigolf-Anlage im Backstagebereich, also war das dann ziemlich cool.

Schaffen es die Metalheads ausserhalb von NZ denn, eure Texte mitzusingen? 

Ja, das überrascht uns auch immer wieder, wie viele auch bei den Maori-Texten mitsingen können.

Was hat euch überhaupt dazu inspiriert, Musikinstrumente zu spielen und eine Band zu gründen? Und wann / wie habt ihr Rock & Metal kennengelernt? Gibt es in euren Familien MusikerInnen / Rockfans?

Henry und Lewis‘ Vater Niel ist Musiker und liebt die Musik, hat uns allen also immer alles Mögliche vorgespielt, aber besonders Metal. Wir wuchsen auf mit Metallica, Rage Against the Machine, Red Hot Chilli Peppers, etc. Lewis hat sich als kleines Kind immer wieder ein  Stevie Ray Vaughan Video angesehen und das inspirierte ihn, selbst Gitarre  spielen zu wollen. Zu Hause lagen immer wieder alle möglichen Instrumente rum, als wir aufwuchsen, und wir  (Lewis und Henry) spielten Gitarre, Bass, Drums und Klavier. Wir hatten sogar ein Cembalo. Aber wir fühlten uns von unseren erwählten Instrumenten angezogen. Henry fing ernsthaft mit dem Schlagzeug an, als er etwa 10 war und in einer neuen Schule anfing. Es gab nur 2 Drumkits in der Schule und es gab 2 bessere Drummer, die immer drauf rumspielen durften. Also übte er so lange, bis er besser als diese beiden war. Der Grund, warum Ethan mit Bass anfing, war wegen Henry und Lewis. Er besuchte uns mal bei uns zu Hause und unser Dad gab ihm einen Bass, um zu sehen, ob er den Hals der Bassgitarre bis zum Ende hin erreichen konnte (weil keiner unserer anderen Freunde konnte das), und er schaffte das, also brachten wir ihm das Spielen bei und überredeten ihn, bei der Band mit zu machen.

Alien Weaponry in 2014

Hattet ihr Probleme in der Schule wegen langen Haaren, Metal T-Shirts etc? Wie sehr „Außenseiter“ ist man in NZ als Metalfan / Metalmusiker, beziehungsweise in eurer Heimatstadt?

Wir hatten mit Schulpersonal kaum Probleme, aber einige unserer Mitschüler waren echte Arschlöcher, die uns wegen Haaren, unseren Klamotten oder unserer Musik verarschten. Obwohl dann, als wir besser und besser wurden als Band, stellten sie uns weniger in Frage und waren dann sogar echt daran interessiert, was wir tun und wohin wir damit wollen.

Warum Heavy Metal  – was inspiriert euch, was mögt ihr an diesem Genre? 

Metal ist unzensiert, du kannst deine Meinung äußern, was auch immer das ist, ohne Zuckerguss. Wir mögen die Kraft der Aussagen, die in Metal-Texten dargestellt wird.

Was ich vom Haka Tanz vom TV her kenne, scheint der ja sehr mit Metal kompatibel zu sein – eigentlich überraschend, dass noch nicht früher jemand diese Idee hatte… Und wenn ich da an einige europäische Black Metaller denke, scheinen die ja sehr von Haka inspiriert … Könnt ihr eventuell ein wenig erklären, worum es beim Haka eigentlich geht, warum er für eure Kultur so wichtig ist? 

Leute beschreiben Haka als „Kriegstanz“, was in einem gewissen Sinne stimmt, aber es ist viel mehr als das. Ein Haka kann ein Weg sein, sich für einen Konflikt oder eine wichtige Angelegenheit vorzubereiten, was dich in eine bestimmte mentale Situation bringt, nämlich physische und mentale Alarmbereitschaft. Aber es gibt auch Haka, um bestimmte wichtige Geschehnisse zu feiern oder deren zu gedenken. Ein Haka kann Kraft erzeugen, Wut oder Trauer ausdrücken oder einfach nur eine Geschichte erzählen.

Mir fiel auf, dass traditionelle Maori Tätowierungen und Tattoos im Gesicht auch in Europa modern wurden. Findet ihr das cool oder seht ihr das eher als müde Imitation eurer Kultur als reine Modeerscheinung?

Wenn sich Leute Maori moko (Tätowierungen) machen lassen, nur weil sie glauben, dass es cool aussieht, dann ist das sowas wie eine kulturelle Aneignung. Aber wenn sie sich die Mühe machen zu verstehen, was es eigentlich bedeutet und Respekt für diese Kultur haben, dann glaube ich ist es OK. Aber das gilt für jede Art von Tätowierung – du solltest dich nicht tätowieren lassen nur weil es gut aussieht. Es sollte etwas bedeuten. Und du solltest vorsichtig sein mit Tätowierungen von Kulturen, über die du nichts weißt, denn du könntest dann als ein Vollidiot dastehen. Denn, um ein Beispiel zu nennen, in der Maori-Kultur sind es nur die Frauen, die moko kauwai (Tätowierungen auf Kinn und Lippen) tragen – das ist nichts, das ein Mann im Gesicht tragen sollte.

Ist es schwieriger für euch, Texte in Englisch oder in Te Reo zu schreiben? Oder wie wählt ihr die jeweilige Sprache für einen Song aus? 

Ich glaube Maori passt besser zur Aggressivität als Englisch, aber einige unserer Songs funktionieren besser in Englisch. Es ist gut, wählen zu können, wir wählen die Sprache für jeden Song einfach so, wie es sich als richtig anfühlt, abhängig von der Musik und dem Thema der Texte. Manchmal mischen wir auch beide Sprachen in einem Song.

Bitte beschreibt eure Heimatstadt Waipu, seid ihr dort die einzige Metalband? Was macht ihr in eurer Freizeit, wenn ihr nicht Musik macht? 

Waipu ist eine kleine Küstenstadt mit einer Bevölkerungszahl von etwa 3,500. Es sind hauptsächlich ältere Leute, also sind wir definitiv die einzige Metalband dort. Wir haben ziemliches Glück, gleich in der Nähe von den unglaublichsten Stränden und Flüssen zu leben, also gehen wir ziemlich viel schwimmen. Wenn wir freie Zeit haben, spielt  Ethan gerne Basketball, kocht oder baut irgendwas. Henry steht total auf Autos, entweder um sie zu fahren oder an seinem eigenes Auto oder an dem von jemand anderem herumzubasteln. Lewis ist künstlerisch aktiv und zeichnet viel und spielt auch in einer Steel Pan Band. Und er steht auf Longboarding.

Hattet ihr jemals wie einen „Plan B“ abgesehen davon, Musiker zu werden? Falls ja, welche anderen Berufe hättet ihr im Sinn? 

Wir alle stecken sicherlich 100% unserer Energie in die Band, also hat niemand von uns vor, diese Band in nächster Zeit auf Eis zu legen. Aber falls wir aus irgendwelchen Gründen andere Wege einschlagen sollten, dann wäre Henry wohl ein Mechaniker oder Rennfahrer. Ethan wäre Musiklehrer oder Koch. Lewis wäre Schauspieler.

Seht ihr euch selbst als „Botschafter eurer Kultur“ für die „Außenwelt“, gewissermaßen? Denn eure Songthemen weisen ja auf Dinge hin, die sonst wohl vergessen wären. Leider hat ja auch Europa eine Menge blutgetränkter Geschichte als Themen für Metaltexte (siehe Iron Maiden, Sa baton etc ) …

Das war nicht unsere Absicht, aber wir scheinen nun sowas wie Botschafter für die Maori-Kultur zu sein, irgendwie. Wir singen gerne über historische und politische Dinge, die dazu geführt haben, die gegenwärtigen Verhältnisse zu formen, aber wir wollen auch, dass Leute selbst nachforschen und sich ihre eigene Meinung bilden.

Die Band und die „Kai Tangata“ Videocrew Kwasnik Pictures & AW Noise ltd

Wie sucht ihr euch ein Thema für einen Song aus? Oder findet das Thema euch? 

Wir schreiben immer über Dinge, die uns stark berühren. Manchmal sind das spontane Einfälle und manchmal formen sich Ideen über Wochen. Es wird immer etwas sein, das uns persönlich berührt, ob das etwas Dummes war, das in der Schule passiert ist oder etwas, das vor langer Zeit geschah. Im Prinzip immer etwas, was uns gerade wütend, traurig oder leidenschaftlich daran interessiert macht.

(Der Song ‚Kai Tangata‘ befasst sich mit dem Musketenkrieg im 19. Jahrhundert, bedeutet übersetzt „Esst Menschen“ – den 7min Video in unserer CD Review und mehr Info darüber auf YouTube; die Red.)

Da dies eines der wenigen Dinge ist, die ich über NZ weiß: Hat irgendjemand aus euren Familien bei der Verfilmung von Herr der Ringe mitgemacht? Und falls ja, in welchen Szenen? 

Niemand aus unseren Familien arbeitete beim Herr der Ringe mit, aber Simon Raby, der Kameramann von unserem Musikvideo für Rū Ana te Whenua, war auch der Second Unit Regisseur beim HdR. Er war auch der Kameramann für den Film District 9, von welchem wir unseren Bandnamen haben (besagter Clip siehe unten, d. Red.) 

Und zum Abschluss: Da HdR ja eine beliebte „Touristenfalle“ geworden ist für NZ – welche Sightseeing-Ziele würdet ihr denn Touristen empfehlen, was sollten sie keinesfalls verpassen? 

Einige der schönsten Strände von NZ sind oben in der Nordinsel, also würden wir empfehlen, dort hin zu fahren. An der Ostküste ist der Sand pures Weiß und es gibt einige fantastische Bäume, genannt Pohutukawa-Bäume, die sich an die Klippen über diesen Stränden klammern. Die Westküste ist wilder aber beeindruckend auf ihre Art – die Strände sind gewaltig und anscheinend unendlich, und die Wellen sind wild. Es gibt noch andere tolle Plätze, wo wir selbst noch nie waren. Ethan wollte schon immer mal nach Fiordland auf der Südinsel. Und Lewis wollte schon immer mal Schnee sehen.

Vielen Dank für das Interview, und hoffentlich seid ihr bald wieder in Europa (hallo Festival-Bookers, Wink mit dem Zaunpfahl… ) 

Startfoto von links: Lewis de Jong, Henry de Jong, Ethan Trembath
photos: Band, alle von facebook.com/AlienWeaponry

Klaudia Weber

Klaudia Weber

Rücksichts- und gnadenlose Diktatorin, kniet vor mir! Anders gesagt: Chefredakteurin, Übersetzerin, Webseiten- und Anzeigenverwaltung, also "Mädchen für alles" - - - Schwerstens abhängig von Büchern (so ziemlich alles zwischen Herr der Ringe und Quantenphysik) und Musik, besonders von Metal finnischer Prägung. Weiters Malen, Zeichnen, Film, Theater... also könnt ihr mit einer vielseitigen Website rechnen.