Nothing More: “Musik ist was Persönliches für mich”

Vor ihrem Konzert in Hamburg (wir berichteten) fand Nothing More-Frontmann Jonny Hawkins die Zeit für ein Gespräch:

Wie war den dein Tag heute bisher? Hast du dich in der Wärme versteckt?
Na ja, ich bin vielleicht vor gerade einmal einer Stunde aufgestanden. Ich habe letzte Nacht nicht geschlafen – ich weiß nicht wieso. Es ist halt so, dass wir am Ende der Tour sind und einfach total erschöpft und fertig sind… wenn wir dann aber auf die Bühne gehen, ist es wie ein Schalter der umgelegt wird, die Energie ist auf einmal wieder da – aber den restlichen Tag über, nein…

Ihr tourt also in diesem kleinen Van, wo sogar die Leute mit dem Sound-Equipment einen größeren haben… damals in 2015 sah das mit einem Tourbus noch anders aus…
(lacht) Ja. Damals haben wir uns den Bus mit WILSON geteilt, und das ist unsere erste etwas größere Headliner-Tour in Europa – es gab eine vorher, aber die war viel kleiner. Und genau deshalb wollten wir sicherstellen, dass es erfolgreich sein wird – und es gibt Millionen an Dingen, woran man Tourkosten sparen kann, und das war halt nun mal eine. Und wir sind deshalb alle total erschöpft – ich hoffe, dass wir nächstes Mal in einem Bus schlafen, in den Betten dort. Wir sind alle so müde.

Das klingt als hättet ihr dann im Van geschlafen? Oder gab’s auch Jugendherbergen und Hotels?
Hmhmm… viele Hostels, einige Hotels aber meistens fuhren wir die Nacht durch oder kriegten grad ein paar Stunden Schlaf im Hotel und fuhren dann weiter – was hauptsächlich im Auto schlafen bedeutet. Mein Rücken ist total im Eimer vom vielen Fahren … ich brauche einen Chiropraktiker, wenn ich zu Hause bin, um den wieder zurechtzubiegen…

Als ihr dann zuerst die Tour geplant habt – wie hat sich das angefühlt?
Als Headliner ist es doch ein komplett anderer Deal als mit einer anderen Band zu touren… Wenn wir einen guten Abend haben, dann fühlt es sich um einiges besser an, denn wir wissen, dass die Leute wegen uns da waren. Wir erlebten das bei einigen Shows auf dieser Tour – es ist viel ermutigender und gibt dir das Gefühl, dass diese harte Arbeit, diese Erschöpfung es wert ist, denn wir wissen, das dies unsere Basis ist, auf welcher wir aufbauen. Wenn du mit einer anderen Band spielst, ist es echt schwierig zu messen, wie gut du wirklich rüberkommst. Und jetzt ist es echt deutlich. Daher geht es uns gut, wir haben eine tolle Anhängerschaft und wirklich motivierte Fans und wirklich aufregende Shows, also könnte ich nicht dankbarer sein.

Also hast du es erwartet, dass es so gut läuft, oder hattest du da Zweifel?
Yeah, die ersten drei Shows… ich wusste nicht, was ich erwarten sollte, ehrlich gesagt, denn wir waren ja lange nicht hier, da wir an unserem aktuellen Album arbeiteten, also wusste ich nicht, wie viele da bleiben oder gehen würden. Also waren wir wieder hier auf Tour und die ersten zwei oder drei Shows waren sogar die kleinsten der Tour, und als wir sie spielten, dachte ich nur „tja, hmm“. Diese Shows waren dennoch besser als unsere erste Headliner-Tour, daher dachte ich, „gut, wir machen Fortschritte, es sind immerhin mehr Leute da als das letzte Mal“. Aber das waren die kleinsten Shows der Tour als diese dann weiterging, und wir stellten fest „wow, 500 Leute jeden Abend“ statt nur 150 oder 200.

Das ist immer noch mehr als das, was ich bei Bands, die gleich bekannt sind, gesehen habe…
Das ist gut, yeah… es wurde also immer besser was auch mehr ermutigt.

Das klingt doch schon mal gut – aber wenn es etwas gäbe, was du an der Tour ändern könntest, was wäre das – außer der Schlafsituation?
Das ist das erste… das wäre dann mehr Schlaf. Aber, Mann, ich weiss nicht, gute Frage. Vielleicht… (Stille) … Mein Gott. Alles was mir jetzt einfällt ist einfach mehr Schlaf… abgesehen davon läuft es echt gut, ich würde nur Energy Drinks unserem Rider hinzufügen. Wir haben Bier und Orangensaft und all den Kram, aber aus irgendeinem Grund haben wir nicht an Energy Shots oder Drinks gedacht, die trinken wir in den USA ständig… ich vermute, die haben wir auf den Ridern hier vergessen… ich mag diese Drinks vor den Shows, einfach um ein bisschen Boost zu kriegen.

Du hast bereits erwähnt, dass ihr euch Zeit gelassen habt für das Album – für gewöhnlich versuchen Bands heutzutage anscheinend so viel Musik wie möglich so schnell wie möglich zu veröffentlichen, wegen all der Konkurrenz da draußen. Hattet ihr denn Unterstützung, euch diese Zeit zu lassen oder gab es da auch kritische Stimmen? Gab es da diese Momente, wo ihr dachtet, der Prozess sollte schneller ablaufen?
Ja – alles was du erwähnt hast trifft zu. Ich meine, sobald du die 6-Monate-Marke überschreitest, wird das Label nervös und das Management ermutigt dich dazu, Wege zu finden, das ganze zu beschleunigen. Deine eigene Gedankenwelt dreht durch, “eventuell ist das alles nicht gut genug”, aber ehrlich, wir schafften es, wir haben so lange auf eigene Faust daran gearbeitet, sodass ich stark daran glaubte, die Qualität der Geschwindigkeit vorzuziehen. Denn ich habe viele Bands erlebt, die alles schnell fertigstellen und es dann echt nicht so toll ist… Und ich glaube ehrlich daran, dass die Qualität jede Zeit rechtfertigt, die du dafür brauchst. Wenn wir eine neue Band wären, ist es einfach, uns zu vergessen. Aber ich glaube an die Qualität unserer beiden letzten Platten, der letzten und der davor, dass es da genug gibt, um die Leute etwas länger warten lassen zu können. Sobald eine Platte fertig ist, ist es vorbei und du kannst nichts mehr daran ändern! Daher versuchen wir alles was uns Zeit kosten könnte und dumm ist zu eliminieren, das sind Fragen der Effizienz. Wenn es aber um den kreativen Teil geht und das Songwriting, dann kannst du das manchmal einfach nicht schneller machen, wenn du wirklich willst, das das Ergebnis gut ist.

Gab es denn Effizienz-Probleme?
Da gibt es immer wieder welche, auf die wir uns konzentrieren und dann verbessern können. Manchmal geht es darum, wie der Arbeitsprozess fließt, wie wir Informationen austauschen und uns gegenseitig den Ball zuspielen. Aber meist waren wir sehr effizient bei dieser Platte, es war nur der Experimentierprozess, der etwas Zeit beanspruchte.

Und als ihr dann die ersten Songs herausgebracht habt, war die Reaktion z.B. auf Facebook doch sehr zweigespalten – entweder man hat es geliebt oder gehasst. Nichts dazwischen. Wie hat sich das für dich angefühlt, wenn man selbst positiv aufgeregt ist und dann so eine Reaktion kommt?
Das war sogar Absicht – diese zwei Songs, die wir wählten, waren sehr spezifisch. Wir hätten auch „Who we are“, „Tunnels“ oder „Fade in Fade out“ wählen können und dann wäre es für die Leute eher wie eine der früheren Platten gewesen. Aber wir wollten die Leute absichtlich ein wenig aufrütteln. Und „Don´t stop“ und „Go to war“ unterscheiden sich sehr von der letzten Platte, also wollten wir, dass die Leute zumindest darüber diskutieren und wissen, was sie vom Rest der Songs zu erwarten haben. Wenn du „Don´t stop“ und dann „Go to war“ hörst, die sind so unterschiedlich, sodass du dich fragst, wie sich der nächste Song wohl anhören wird. Also war ein Teil davon beabsichtigt, womit wir nicht rechnen konnten waren die Gefühle, die wir bei Leuten auslösten, aber dann meinten viele, dass sie es verstehen. Yeah, die Songs hören sich anders an. Aber ich machte mir keine Sorgen, denn ich wusste, sobald die Leute die gesamte Platte hören von Anfang bis zum Ende, wird es mehr Sinn machen.

Aber ist das nicht ein generelles Problem mit Konzeptalben, dass wenn man da etwas herausreißt und alleinig hinstellt, es schwierig ist zu verstehen, da es aus der Geschichte herausgerissen ist.
Richtig. Da gibt es echt gute Filme und der Trailer ist nicht gut, jedoch der Film selbst ist es. Und umgekehrt – der Trailer ist super und dann stellt sich raus, das der Film nicht wirklich gut ist. Also denke ich, das Problem hier ist einfach eines, das immer wieder mal auftaucht. Es ist so bei allem was du machst, ein Song wie „Fade in Fade out“ wird eventuell kaum gehasst… wenn wir was veröffentlichen, was so klingt wie die letzte Platte, dann beruhigt es einige Leute und die anderen sagen “Ah klar, klingt genau wie die letzte Platte, es gibt keine Wagnisse und nichts wirklich Neues” – also wirst du immer Kritiker haben. Das ist es, was ich herausgefunden habe.

Macht es dir denn an sich Spaß, im Kommentarbereich zu lesen, was die Leute so denken…? Oder aber: macht es immer Spaß, oder gibt es auch Momente, wo es echt unschön ist, auf Social Media zu sein?
Hah… das ist eine gute Frage (lacht) Es macht mir Spass – meistens – die Sachen zu lesen, denn ich bleibe gerne am Ball. Manchmal ist es nicht wirklich die perfekte Reflektion, denn die lautstarken Leute vertreten nicht die Allgemeinheit. Denn die meisten Leute schreiben keine Kommentare – sie kaufen entweder die Platte oder eben nicht. Und das spricht zu mir viel deutlicher, wenn wir guten Umsatz bei Platten und Tickets machen – das ist der wahre Test, ob denn Leute ihr Geld ausgeben und zum Konzert kommen, und bisher lief das wirklic gut. Für mich ist das ein Erfolg. Aber wenn es um diverse Kommentare geht, da gibt es welche, die ermutigen dich und welche entmutigen dich, jedoch bringen es die Leute manchmal auf den Punkt… aber ehrlich, das einzige was ich an Social Media und dem Internet nicht mag ist die Tatsache, dass da jeder eine gleichwertige Stimme hat. Auf den ersten Blick scheint das eine gute Idee zu sein wegen Demokratie und so, aber auf der anderen Seite reflektiert es die Realität in keiner Weise, weil es so anonym ist. Wenn wir im richtigen Leben wären und diese Leute von Angesicht zu Angesicht treffen würden, und jeder kann diese Person sehen, wie sie sich benimmt und andere Leute behandelt, dann wäre deren Intelligenzlevel sofort klar… du verstehst was ich meine? Du würdest aufgrund dieses Eindruckes deren Meinung respektieren oder nicht respektieren… Aber im Internet ist alles gleich und sieht gleich aus. Es ist echt schwierig einzuschätzen. Positiv oder negativ, manchmal fühlt es sich an, dass die Kommentare der Leute nicht wirklich auf Wissen beruhen. Sie kommentieren die Musik und ich denke nur “das stimmt nicht” …. (Die wollen einfach nur kommentieren) Ja, ja…das ist einfach nur amüsant…

Da wir ja eh schon über Social Media reden – manchmal ist es ja auch hilfreich – du hattest auf Facebook ja gefragt, was denn so an Filmen, Büchern, Podcasts zu empfehlen sei…
Yeah, ich habe viele dieser Vorschläge tatsächlich angenommen! Ich hab mir diese eine Serie „Big Mouth“ auf Netflix angesehen, zum Schreien! So ein Cartoon über Teenager, die erwachsen werden und mit ihren Hormonen fertig weren müssen, das nicht verstehen und daher peinlich sind – einfach zum Schreien! Das war auf dieser Tour mein Favorit, da kommen viele meiner Lieblingskomiker vor und dann noch die Stimmen dieser Cartooncharaktere – also kann ich euch „Big Mouth“ nur empfehlen! Was ich mir weiters ansah war „Mindhunter“, eine Art Story über die Verhaltenspsychologen beim FBI und den Prozess, wie man Serienmörder verstehen lernt. Und es beginnt bei dem Punkt, ehe sie dieses Verständnis entwickelten – sie lernen Schritt für Schritt dazu und erstellen Profile dieser Serienmörder im Gefängnis. Das war ein großes Tabu damals, wie sie es in der Show darstellen, denn jeder meinte „sprich nicht mit denen – warum soll man so einem Monster Aufmerksamkeit schenken“ (Aber nur so kann man was herausfinden über sie) Genau! Daher ist es ziemlich interessant zurückzublicken und zuzusehen, wie sich das alles langsam entfaltet. Es gibt auch ein ziemlich cooles Ende der Show. Ich war anfangs nicht wirklich begeistert, das hat sich erst langsam aufgebaut, wurde dann aber richtig gut. Und dann – was war da noch?(Denkt nach) Da gibt es ein Podcast, das ich mir anhörte – ich hörte mir schon immer Joe Rogans Erfahrungspodcasts an, und dann begann ich auch mit diesem anderen… ich hol es mal raus, damit ich mich wieder erinnere, wie es heißt (schnappt sich Telefon): „The New Man“ (der neue Mann) – also eher was für Männer, offensichtlich, aber es geht darum, wie man sich zu dem Besten entwickelt, das man sein kann. Da gibt es viele Ratschläge zu Beziehungen, persönliche Sachen, Wohlbefinden allgemein und wie man ein besserer Mensch sein kann. Solche Sachen hab ich mir angehört.

Weil wir gerade über Ratschläge zu Wohlbefinden und Beziehungen reden – das bringt uns wieder zurück zur Musik. Eure Songs sind immer sehr persönlich und manchmal sogar intim. Wie dünn ist hier die Linie zwischen zu persönlich und noch OK? Habt ihr hier Probleme abzugrenzen, was noch OK wäre und der nächste Schritt wäre zu viel?
Das ist eine tolle Frage. (Nachdenklich) Denn manchmal kämpfe ich damit, und das war immer so. Musik ist was Persönliches für mich, daraus schöpfe ich die meiste Kraft, die meiste Heilung, das meiste von allem – eher als was Abstraktes zu erschaffen… Es gab Zeiten, wenn wir bestimmte Erfahrungen in etwas mehr Metaphorisches umwandeln mussten, um die Situation und deren Zerbrechlichkeit zu beschützen. Wir haben das bei vielen Songs so gemacht, beispielsweise „Salem“ auf dem Album „The Few Not Fleeting“. Wir verwandelten es in die Metapher einer Hexenverbrennung, aber in Wirklichkeit ging es um eine persönliche Erfahrung im Freundeskreis mit Tratsch und persönlichen Attacken auf Leute. Bei „Sex & Lies“ ging es um unterschiedliche Erfahrungen einiger unserer Freunde, die in eine Geschichte umgewandelt wurden, die als eine einzige scheint, die aber eine Sammlung unterschiedlicher Geschichten ist. Dann wieder gibt es Songs wie „Jenny“, wo es um meine Schwester geht, wo ich wohl das Brutalste äußere, was ich jemals jemandem gesagt habe – nämlich im Grunde “bring dich um oder bring es in Ordnung”. Und es kam einfach bis zu dem Punkt wo ich diese Botschaft immer wieder in Songs einbrachte und ich fühlte, dass es für sie wohl OK war, wenn sie das hört, denn ich dachte, dass sie das einfach hören muss, und ich hatte einfach genug davon – so wie alle anderen – da der Puffer dazwischen zu sein. Und es ging darum “treffe für dich die Entscheidung – werde gesund oder bring dich um. Eine dieser Möglichkeiten”. Sänger schwimmen manchmal – das hasse ich. Niemand will auf einer der beiden Seiten sein, aber manchmal musst du dich weiterentwickeln, oder ändern oder wachsen. Also ja, das ist schwierig! Manchmal gelangen die Songs auch nicht sofort an die Öffentlichkeit. „Still in love“ war ein Song, den ich gleich zu Beginn meiner Trennung schrieb, ich machte eine Scheidung durch, als ich mit dieser Platte begann, und das war eine ziemlich heikle Situation. Aber der Song kam erst 1-1,5 Jahre danach heraus, also fühlte es sich für mich OK an, denn ich war nicht “immer noch verliebt”, wenn der Song erschien. Aber damals, als ich ihn schrieb, war das der Fall – so fühlte ich, es war ein Schnappschuss. Aber dann hat sie sich weiterentwickelt, ich hab mich weiterentwickelt – und es ging mir gut dabei. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich da jemanden zerstöre oder einen wunden Punkt treffe.

Also bist du noch niemandem mit einem Song auf die Zehen getreten?
Nein, aber ab und zu werde ich nervös. Ich war immer nervös über diesen Song, ich war nervös bei „Just say when“…Meine Ex schickte mir einen Text, denn wir reden kaum noch miteinander, und das ist OK denn das würde nur wieder Wunden öffnen denke ich. Sie meinte am Ende dieses Texts, es sei ein schöner Song, und das war eine bittersüße Angelegenheit…

Gab es mal einen Song, den du geschrieben hast und dann mittendrin dachtes “Nah, daraus wird nichts”, weil es deinen Gefühlen zu nahe ging oder jemand anderem zu nahe treten könnte?
Diese Analyse kommt für gewöhntlich im dritten oder vierten Umschreibeprozess des Song, denn wir schreiben, und schreiben um und schreiben um. Also passiert das für gewöhnlich später in diesem Prozess, ich versuche hier nicht zu verurteilen. In jedem kreativen Prozess fliesst es viel besser und schneller, wenn du am Anfang keine Urteile triffst. Du musst dem Ganzen einfach Lauf lassen. Du versuchst einfach die Maschine anzuwerfen, Urteile sind retro-aktiv und gehen in die andere Richtung, also lassen wir die Urteile für später übrig, wenn sich schon das Grundgerüst geformt hat und es eine gewisse Dynamik gibt. Und dann sage ich Sachen wie “OK eventuell nehmen wir dieses Wort und nicht jenes Wort” – sogar beim Song “Jenny” – es hätte “Jenna” sein können, der Name meiner Schwester, aber die Entscheidung für “Jenny” – der Name meiner Tante –
verwandelte es eher in die Frage “willst du so enden wie Tante Jenny?”, die in einer Psychiatrie landete und nie wieder zurück in die Realität fand – also einfach verschwand. Oder willst du Jenna sein? Gewissermaßen hatte die Entscheidung, den Song “Jenny” zu nennen, eine subtile aber kraftvolle Betonung meiner persönlichen Botschaft. Und derartige kleine Sachen werden erst spät im kreativen Prozess geschaffen, aber meistens bleibe ich dabei eine sehr offene Person. Ich werde fast böse, wenn Leute Dinge verstecken oder begraben, denn ich finde, das wird später dann noch schmerzhafter als gleich jetzt mit dem bisschen Schmerz umzugehen, realistisch zu sein und als Mensch versuchen dazuzulernen. Oft lernen Menschen gar nichts, weil wir alles verstecken, anstelle der Welt zu zeigen “hey, das hier läuft falsch” oder “damit kämpfe ich, das machte ich durch”, und dann fangen wir an dazuzulernen.

Ihr seid für drei Grammys nominiert – wo wart ihr eigentlich, als ihr diese tollen Neuigkeiten bekommen habt?
Wir waren im Van und haben alle geschlafen. Und wir schliefen die ganze Nacht, vom Fahren waren wir erschöpft, und Mark, unser Gitarrist, kriegte den Anruf, und seine Stimme überschlug sich vor Aufregung und Schock. Ich habe nur Marks Seite des Gesprächs gehört, “Echt? (Stille) Im Ernst? (Stille) Unglaublich! Das ist großartig!” (lacht). Ich hörte nur das und dachte “okay…?” – Ich wurde langsam wach und nahm an, dass es gute Neuigkeiten gibt, hatte aber keine Ahnung welche. Dann fand ich es raus – und legte mich wieder hin, denn ich war so müde (lacht). Aber ja, das war eine tolle Überraschung. Es war eine ziemlich verrückte Tour deswegen und wegen anderen Dingen.

Okay, aber wie wichtig sind dir den persönlich solche Nominierungen – von der Werbung, die damit Hand in Hand geht, einmal abgesehen?
Wie wichtig sind Nominierungen, abgesehen von der Publicity? Für mich persönlich… ich habe gemischte Gefühle bei Preisen – manchmal denke ich, sie repräsentieren den besten Song oder das beste Album, oft finde ich nicht, dass sie das reflektieren was ich weiss. Wenn wirklich der beste Song gewinnen würde, dann könntest du wirklich all die Politik und Popularität beiseite schieben. Dann wäre es objektiv, aber das ist nicht die Realität. (Aber wie kann man voll objektiv bei der Beurteilung eines Songs sein?) Richtig. Ich finde, das ist unglaublich subjektiv, aber ich glaube nicht völlig subjektiv. Daher glaube ich, dass die Medaille zwei Seiten hat, und darum spielt die Popularität bei dem subjektiven Teil mit. Im Sinne dass – wenn eine Menge Leute den Song gut finden, dann bringt das in ihnen was zum Schwingen, unabhängig davon, was du als Künstler davon hältst oder so. Aber dann ist es auch schwierig und nicht so klar wie beim Fussball, wo ein Team gewinnt und das andere eben nicht. Andererseits wieder bedeutet es wirklich viel – ich fühle viel mehr mit jenen Leuten, die uns von Anfang an unterstützt haben. Für sie ist es wie eine professionelle Bestätigung auf höchstem Niveau. Für sie ist deren Jubel für uns nun bestätigt. Und für mich bedeutet es die Welt, denn es ist einfach nur großartig. Einfach toll, weisst du, wenn du deinen Vater völlig aus dem Häuschen siehst – that´s pretty cool!

Lass uns mal ein bisschen in die Zukunft schauen – es gab ja gefühlt in den letzten Jahren den “Trend”, Orchester in die Tracks mit einzubinden. Also, wann seid ihr dran?
(lacht) Mann, keine Ahnung. Wir haben viele Geigen eingebaut bei “Fade in / Fade out” und ein paar bei “Just say when” – wir haben die Geiger wohl verdoppelt, aber das war kein volles Orchester oder auch nur nahe dran. Aber ich meine, ich fühle die Kraft dieser Saiteninstrumente durch ihre klassische Natur, sie lösen eine sehr gefühlsbetonte Reaktion aus, die uns anscheinend vererbt wurde. Also glaube ich, dass es was Kraftvolles hat, aber ich persönlich fühle mich nicht inspiriert, ein volles Orchester zu nehmen, jedoch werde ich sicher wieder Geigen einbauen, wenn es passt. (Auch bei Live-Shows?) Yeah, yeah, eventuell eines Tages. Es ist einfach eine Möglichkeit – aber ich sollte darüber nicht sprechen. Es ist derzeit überflüssig, wenn es derzeit so eng ist bei uns hinsichtlich Platz und Zeit und Geld und all dem… aber vielleicht eines Tages.

Die harte Arbeit ist nun erledigt, jetzt kommt der Spaß!
Stichwort Weihnachten, daher: was war denn das schlimmste Geschenk, das du je bekommen hast?

Das schlimmste? (Oder das lustigste …) (lacht) Das schlimmste Geschenk, das ich jemals kriegte, waren Socken… (Der Klassiker…) Yeah, Socken – und das lustigste, was ich jemals kriegte, war wohl bei ner Tauschbörse, und ich glaube, ich kriegte … Mann, was war das… ich kann mich nicht erinnern… ich kriegte da mal echt was Lustiges… (denkt nach). Gut, ich erinnere mich an eins das ich jemandem geschenkt habe, und das war ein Unterhosen-Hut. Ich nahm einfach eine meiner Unterhosen und Superkleber und formte es zu einem Hut. Dann ein Logo auf den Steiss und du kannst es als Hut tragen. (Bist du bei Geschenken immer so kreativ?) Ah, nein. Nicht immer (grinst)

Jetzt werde ich dir immer zwei Worte nennen, und du suchst dir eins aus – du must deine Entscheidung aber nicht erklären!
Schokolade oder Eis? Uuuh. (Stille) Schokolade!
Kassette oder MP3? (lacht) MP3, auch wenn es davon abhängt, ob es für aktives Hören oder die Einfachheit des Hörens ist, aber ja, ich denke MP3
Plastikbaum oder echter Weihnachtsbaum? Ein echter, denke ich. Ich werde mir mit meiner Freundin einen kaufen, wenn ich wieder zuhause bin. Es ist irgendwie nervig einen echten Weihnachtsbaum zu haben, aber … das ist das einzig Wahre! Das bisschen extra Arbeit lohnt sich für Weihnachten definitiv.

Kommst du denn leicht in Weihnachtsstimmung?
Ja, ich liebe Weihnachten (breites Lächeln).

Eine letzte Frage: Welche Frage wolltest du schon immer gestellt bekommen, wurdest sie aber noch nie gefragt?
(Stille) Hab nie darüber nachgedacht (lacht) Ich denke “Was glaubst du über die Existenz an sich”… (Was ist den dann die Antwort auf die Frage?) Mein Gott… Ich glaube, das ist eine der Fragen, die ich nicht definitiv mit Wahrheitsgehalt beantworten kann, aber je länger ich darüber nachdenke, finde ich, dass Realität eher eine klare Bestätigung der Wahrheit als Logik ist. Aber manchmal kann dich Logik schneller weiterbringen. Also nur weil etwas logisch ist, heisst das noch lange nicht, dass es wahr ist. Jedoch hat Logik die Kraft, Gefühle zu verdrängen, welche Illusionen über die Realität darstellen, also wenn du Logik als Werkzeug einsetzt und nicht Sklave der Logik bist, und die Realität als Feedback-Mechanismus nutzt, wenn du die Wahrheit des Moments fühlst, dann glaube ich findest du es raus – es fließt fast wie ein Strom. Und es scheint um diesen Strom zu gehen und die kleinen Erfahrungen, die du unterwegs machst. Das Wichtigste, das ich gelernt habe ist, dass die Ideen und die Wirklichkeit nicht dasselbe sind, sondern einander beeinflussen. Und year, so fängt es an. Und danach wird es nur noch komplizierter.

Contributors

Carina Ullmann

Carina Ullmann

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