John Smith Festival 2017: Sag niemals nie

21.-22. Juli, Laukaa, Peurunka (nahe Jyväskylä), Finnland  – hier zur FOTOGALERIE 

Ich weiss, was ihr denkt: Wer ist John Smith, warum hat der sein eigenes Festival? Denn diese Frage beschäftigte mich ebenfalls … später mehr dazu. Leider tobte schon ein heftiges Unwetter (ich hörte sogar was von Hagel), als ich nach mehrstündiger Anreise das Hotel erreichte. Da war ich froh, mich gegen Camping entschieden zu haben… Jedoch erwartete mich beim Einchecken die zweitlängste Schlange des gesamten Festivals … Offensichtlich war das Kylpylähotelli Peurunka an diesem Wochenende fast gänzlich von Gleichgesinnten übernommen worden. Kriegte daher nur akustisch mit, wie Dynazty das Festival eröffneten, und wegen der längsten Schlange des Festivals, die beim Einlass, kam ich fast zu dem für mich wichtigsten Gig zu spät – das Intro lief schon, als ich endlich den Fotograben erreichte …

Und da der Himmel vor Freude weinte, musste ich nicht auch noch ein paar Tränchen vergießen, dass Tuomas, Lars, Juho und Atte als Before The Dawn anlässlich des 10-Jahre-Jubiläums des „Deadlight“ Albums hier eine einzige Reunion-Show spielten. Mann, wie hatte ich Lars‘ Stimme und seine durchgeknallten Ansagen vermisst… Leider legten die Jungs mit „Unbreakable“ schon los, das hieß für mich Knipsen statt Headbangen. Wegen Regen bzw. Regenschutz sah ich kaum was, dann hiess es auch noch aufpassen wegen der Flammenshow, also knipste ich vorsichtshalber wie besessen, was auch immer vor die Linse kam – das Ergebnis seht ihr im Videoclip HIER. Tja, was soll ich zum Gig selbst noch sagen – die Band wirkte trotz wetterbedingter Probleme (und ner gerissenen Gitarrensaite gleich beim ersten Song) entspannt und schien ebensoviel Spass zu haben wie die vom Regen unbeeindruckte Meute, die Unbreakable, Faithless, Wrath, Dying Sun, Monsters, Winter Within, Disappear und The Black enthusiastisch abfeierte. Ne Zugabe mit My Darkness klappte aus Zeitgründen trotz hartnäckiger Sprechchöre leider nicht mehr.

Lars überließ schließlich seinen „Gig-Hut“ frisbee-mäßig seinen Fans, nachdem er versicherte, erstens mit dieser Band und zweitens ohnehin nie wieder auf einer Bühne stehen zu wollen… Dann rückte aber ein gewisser Jonne aus dem Technikgraben an, der Lars und Tuomas schwarze Stetsons überreichte – huch, war DAS etwa der mysteriöse Mr. Smith, Sheriff von Laukaa-Town? Leider war ich zu weit weg, um was genauer zu erkennen… Der abschließende Deadsong wurde textsicher vom Publikum mitgesungen, siehe Clip – ein herzerwärmender Moment, vermischt mit etwas Wehmut, war ja doch ganz ganz ganz ganz sicher das allerallerallerletzte Mal… ahem… wie hieß das nochmal mit „niemals nie sagen“?

Während S-Tool – die Herren Ville Laihiala, Sami Leppikangas, Kimmo Hiltunen und Aksu Hanttu – die Menge mit einem Sentenced nicht unähnlichem Sound und lockeren Sprüchen unterhielten, erkundete ich erstmal das Gelände. Tolle Location, direkt an einem See, eine Naturarena ausnutzend, und auch die Aufteilung mit zweiter Bühne, VIP Zelt und Bühne, Bier- sowie Futterzelt und diversen Verpflegungseinheiten sorgte dafür, dass ich eigentlich nirgendwo großartige Staus wahrnahm, nicht mal im WC Bereich. Die drittlängste Schlange des Festivals befand sich allerdings vor dem Band-Merch, also musste ich mein Vorhaben hinsichtlich BTD Special Edition erstmal verschieben …

… denn Timo Rautiainen & Trio Niskalaukaus betraten die Bühne. Bei so viel geballter finnischer Testosteron-Power und stählernem Blick des Band-Protagonisten verzogen sich sogar die Regenwolken umgehend. Noch eine Reunion, die sich schon beim Tuska als Publikumsmagnet erwiesen hatte. Hier nicht anders – und klar, bei so geilen Songs wie „Nyt On Mies“ oder dem aktuellen „Suomi Sata Vuotta“ kann kein Nackenmuskel unaktiviert bleiben. Wenn die Bars bei nem finnischen Festival gähnend leer bleiben, muss ne Band echt gut sein… und tja, leider kam ich zu spät, das BTD Merch war fast zur Gänze vergriffen, musste daher zwangsläufig für trockene und wärmere Sachen nochmal ins Hotel, das allerdings läppische 5min Fussmarsch von der Festivalaction entfernt lag. Von meinem Zimmer aus kriegte ich sogar die Graham Bonnet Band aus dem VIP Bereich akustisch mit.

Auch bei Mustasch war es kein Problem, schnell ein Bier zu kriegen – weil alles, was noch stehen konnte, bei dem herrlichen Asi-Rock der Schweden mitmachte. Die Herrschaften sprühten nur so vor positiver Energie und schäkerten untereinander und mit dem Publikum. Ein Heidenspaß, diese Band, wo jeder Song ein Ohrwurm ist! Und immer für Überraschungen gut – eine Kollegin der knipsenden Zunft wurde da schnell mal auf die Bühne gehievt, damit sie von dort aus das förmlich ausrastende Publikum besser dokumentieren konnte… echte Gentlemen!

Als Delain dann verkündeten, dass sie gerne öfter in Finnland spielen würden, war das ein Wink mit dem Zaunpfahl? Den Fans würde das sicher gefallen, sind diese holländischen Jungs und Mädels doch allesamt super sympathisch und die Songs gehen schnell ins Ohr.


Der Headliner des Tages, Amorphis, war ja genial wie immer – kann mich an keinen schlechten Gig erinnern, obwohl ich die Herrschaften ja doch schon einige Male gesehen hatte… Die Show mit all den Lichteffekten kam ebenfalls gewaltig geil rüber, fototechnisch aber ein Albtraum. Und dann noch den Rasenmähermotor, den Herr Joutsen neuerdings als Mikro und „Tarnvorrichtung“ benutzt … Egal, Songs wie Silver Bride oder House Of Sleep, begeistertes Publikum, das textsicher mitsingt und einige Gänsehautmomente beschert, trösten einen da schnell über Foto-Pleiten hinweg.

Amorphis Setlist John Smith Rock Festival 2017 2017, Under the Red Cloud

Am Festivalgelände war zwar Schicht, in der Peurunka-Areena im Hotel gaben sich noch Wolfheart die Ehre. Und lösten trotz der frühen Morgenstunden (der Gig begann um 2:00 h) ein massives Moshpit aus. Neben World on Fire hätte die erneuerte Setlist ruhig noch mehr vom aktuellen Tyhjyys Album enthalten können, der Ausklang gehörte wie immer dem Klassiker Routa pt. 2.

Der Samstag, schon einige Tage vorher ausverkauft (2000 Tickets), begann recht vielversprechend, sonnig und recht warm – also auf zu Reckless Love, die gute Laune versprühten, ungeachtet der noch recht schütteren Publikumskulisse. Die Lage sollte sich jedoch mit jedem Song verbessern. Statt Psychework zu gucken, ging ich lieber erstmal futtern – und huch, hatte ich Glück, ein festes Dach überm Kopf zu haben, denn es fing wieder dermaßen an zu schütten, dass ich CMX und leider auch die klassen Party-Garanten Peer Günt lieber rein akustisch vom schön trockenen Hotelzimmer-Balkon aus genoss…

Für D-A-D klarte es wieder auf, gottlob, denn diese durchgeknallten Dänen bei ihrer noch durchgeknallteren Show nicht knipsen zu können, wäre zu schade gewesen. Einige Fans kriegten buchstäblich hautnahen Kontakt mit der Band und sogar die Gelegenheit zu Live-Karaoke … Nur – wo ist das Sofa (das Kollege Björn HIER abgelichtet hatte) abgeblieben?

Die VIP Kundschaft kriegte mit Anthony Parviainen Trio feat. Marco Hietala & Tuple Salmela eine echte Perle kredenzt, tolle Coverversionen und akustische Arrangements von u.a. Rainbow, Iron Maiden, Whitesnake und Soundgarden, aber auch das großartige „I walk forever“ von Tarot. Geeeeeil!

Bei Therapy? brüllte ich ja erstmal fröhlich „fuck Trump!“ mit – ehe mir klar wurde, so als Frau – AAARGH neinnein, lieber nicht… Tja, was soll ich sagen, auch diese mittlerweile etwas reiferen Herrschaften zeigten der Meute, was eine irische Harke ist. Und dass sie den Bandnamen wohl nur deswegen gewählt haben, weil sie sowas dringend notwendig hätten 🙂 Und dass ihre älteren Songs nach wie vor Punch und Aktualität aufweisen (etwa Trigger Inside).


Da mal wieder ein Wechsel von feuchten Klamotten notwendig war, hatte ich anschließend eigentlich vor, vom Publikum aus ein paar Schnappschüsse von Mokoma zu machen. Denkste. Das Handyfoto zeigt, was ich meine …

Und tja, was gibt es großartig zu Children of Bodom zu sagen? Wieder mal geil, ein würdiger (Co-) Headliner, und auch bei der Setlist gibt es nichts zu meckern, waren doch einige Klassiker mit dabei. Naja, eventuell, im Vergleich zu früheren skurrilen Einlagen (Bar auf der Bühne, während Keyboardspielen schnell mal vom Handy was texten) war diese Show recht „normal“ … Nach dem Hit-Feuerwerk auf der Bühne gab es gleich eins in echt, ehe die nächste Band für Unterhaltung sorgte

Children of Bodom Setlist John Smith Rock Festival 2017 2017

Und das mit Unterhaltung mein ich wörtlich – 2 Times Terror, gewissermaßen Geschwister von Turmion Kätilöt, heizten der Meute mit Industrial Metal und Flammenshow so richtig ein. Ein Riesenspaß, zwischendrin was zum Abdancen zu haben.

Sonata Arctica hatten die Setlist im Vergleich zu Tuska ein wenig verändert und erweitert, meine Faves waren also mit dabei – und wieder mal Gänsehaut bei dem Song über die Rechte von Kindern. Da es heutzutage anscheinend zum guten (politischen) Ton gehört, Menschenrechte in Frage zu stellen, kann man diese Botschaft gar nicht laut genug in die Welt hinaus brüllen. Danke, Sonata Arctica, schon für die Idee alleine … Super Gig, super Ausklang am Festivalgelände.

Sonata Arctica Setlist John Smith Rock Festival 2017 2017, The Ninth Hour World Tour

Drinnen gaben sich noch die Gorillas im Nebel, äh, Swallow The Sun die Ehre. Wie beliebt diese Band ist, konnte man am rappelvollen Saal und den Zugabe-Rufen gegen 3:15 morgens erkennen… Wie immer genial, aber fototechnisch „Horror pt 666“. Und extrem toll und berührend, Juha Raivio wieder auf einer Bühne zu sehen. Gespielt wurden einige Klassiker wie Swallow und Don’t Fall Asleep – ein besonders passender Festivalsong…

Denn Festivals sind immer eine gewisse schlaftechnische Herausforderung. Auch in einem Hotel, wenn beispielsweise Zimmernachbarn gegen 4h einen Streit – incl. Mobiliar-“Umstellung“ – austragen…

Fazit: Erschöpft, Füße tun weh, feuchte verdreckte Klamotten – aber glücklich. Geiles Festival in malerischer Umgebung, da tut es dir leid, nicht längeres Bleiben eingeplant zu haben.
Persönliche Highlights – Delain komplett und Reckless-Olli beim Frühstück zu treffen, anderen Rockstars (u.a. Marco Hieatala) im Hotel oder am Gelände zu begegnen, von 2 Times Terror Frontmann ein Ständchen gesungen zu kriegen inner Aula – war mir ein Volksfest, hoffentlich nächstes Jahr wieder.

Und achja – wer ist John Smith? Gibt es ihn, oder gibt es ihn nicht?
Nunja, JEIN. Meine Recherchen ergaben, dass ein örtlicher Veranstalter (u.a. Satama Festivaali) namens Jonne Lehtonen schon seit Jahrzehnten von einem Rockfestival „für welches er selbst ein Ticket kaufen würde“ träumte. John Smith ist sowas wie ein fiktiver Künstler/Social Media Name, der irgendwie ein Eigenleben entwickelte, hinter dem nicht nur eine Person, sondern ein gesamtes Organisationsteam steht – und nun Markenname für ein Festival, das auf dem besten Weg ist, ein Fixpunkt im Herzen Finnlands (nahe Jyväskylä) zu werden….  Fotos: K. Weber

Klaudia Weber

Klaudia Weber

Rücksichts- und gnadenlose Diktatorin, kniet vor mir!
Anders gesagt: Chefredakteurin, Übersetzerin, Webseiten- und Anzeigenverwaltung, also „Mädchen für alles“ – – –
Schwerstens abhängig von Büchern (so ziemlich alles zwischen Herr der Ringe und Quantenphysik) und Musik, besonders von Metal finnischer Prägung. Weiters Malen, Zeichnen, Film, Theater… also könnt ihr mit einer vielseitigen Website rechnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.