Eistnaflug 2017

Ich hatte noch nie die Angewohnheit, Festivalarmbänder zu sammeln. Trotzdem ziert das vom Eistnaflug 2017 immer noch mein Handgelenk, obwohl ich schon seit mehr als einer Woche wieder zuhause bin. Nicht nur als Mahnung, mich endlich auf mein faules Hinterteil zu setzen und diesen Bericht zu schreiben, nein, vielmehr weil ich irgendwie immer noch in Stimmung bin. Und weil ich es sauschwer finde, mich mit der Tatsache abzufinden, dass das diesjährige Festival wirklich vorbei ist und es zwölf lange Monate bis zum nächsten sind. Aber zum Glück kann ich mich mit reichlich Erinnerungen trösten… angefangen damit, die ersten Bekannten vom letzten Jahr schon im Bus von Egilsstaðir nach Neskaupstaður treffen und mith ihnen während der Fahrt eine halbe Flasche Whisky und eine ganze Palette wunderschöner Landschaften zu genießen. Und das klaustrophobische Gefühl in dem Moment, als sich der fette Bus durch den winzigen einspurigen Tunnel zwängte (an den ich nostalgisch zurückdenken werde, wenn im kommenden Herbst der neue und größere eingeweiht wird). Das Wetter war wunderschön und blieb auch für den Großteil des Wochenendes so, was die vier Nächte auf dem Festivalcampingplatz sehr angenehm im Hinblick auf Abfeiern und Ausschlafen machte.

Bis zu letzterem war es freilich noch lange hin. Nachdem ich mein Zelt aufgestellt hatte, holte ich mir erstmal besagtes Armband plus Fotopass und ließ mich dann in die Arbeit am Merchstand einweisen. Freiwillig auf Gigs und Festivals zu arbeiten macht eigentlich immer Spaß, aber in diesem Fall ganz besonders, dank unseres superlieben Teams und des direkten Blicks auf die Bühne. Von Zatokrev kriegte ich nicht viel mit, da ich damit beschäftigt war, mich mit dem Sortiment vertraut zu machen, aber für Hatari, die ich aus dem Radio kannte, ging ich zwischendurch nach vorne zur Bühne. Ihr Industrial-Sound ist nicht wirklich mein Ding, aber sie haben eine unterhaltsame Liveshow und starke Texte, obwohl von den durch Verzerrer gerappten Passagen nicht viel zu verstehen war.


Hatari

Sinistro aus Portugal kamen musikalisch aus einer ganz anderen Ecke. Vielleicht etwas zu ruhig für meinen Geschmack, aber schön melodisch, doomig und melancholisch. Insbesondere die Stimme von Patrícia Andrade klang zwischendurch nahezu magisch.


Sinistro

Mit Anaal Nathrakh war die Ruhe vorbei, und das war gut so. Gnadenlos heavy und dabei voller positiver Ausstrahlung und Energie, obwohl die Jungs sich auf geliehene Ausrüstung (ihre eigene war in Schottland auf Abwege geraten) und einen Ersatzmann am Bass verlassen mussten. Als Sänger Dave allen Stagedivern Freibier versprach, fand sich schnell der erste Freiwillige. Die Band existiert zwar schon seit einer halben Ewigkeit, aber ich hatte ich sie noch nie live gesehen, was sie zu einer meiner besten Neuentdeckungen des Wochenendes machte.


Anaal Nathrakh

Neurosis hatte ich dagegen schon des öfteren gesehen und immer wieder versucht, sie gut zu finden. Laut sämtlicher Attribute, die dieser Band zugeschrieben werden, müsste ich sie eigentlich lieben, aber aus irgendeinem Grund zünden sie bei mir einfach nicht. Schon gar nicht, wie zu diesem speziellen Zeitpunkt, nach mehr als 45 Stunden ohne Schlaf. Dass sie mit Verspätung anfingen und keinerlei Anstrengungen unternahmen, ihren Set kurz zu halten, machte die Sache nicht besser. Ich wäre sowas von pennen gegangen (oder vermutlich im Stehen eingeschlafen), wenn ich nicht unbedingt die letzte Band der Nacht hätte sehen wollen.


Neurosis

Glücklicherweise halfen mir die Kolleginnen und Kunden am Merchstand dabei, die Augen offen zu halten, und als Innvortis endlich auf die Bühne kamen, war alle Müdigkeit auf wundersame Weise verflogen. Mittlerweile war es viertel vor drei, aber Zahlenstärke und Begeisterung des Publikums zeigten, wie sehr die seit 1996 existierenden, aber äußerst selten live auftretenden Punkrocker aus Húsavík vermisst worden waren. (Früher spielten sie zumindest auf jedem Eistnaflug, aber das war dummerweise, bevor ich selber das erste Mal kam.) Von den Songs der Frühzeit kam kein einziger, dafür wurde das neuere der beiden Alben (von 2012) von Anfang bis Ende fast komplett durchgespielt und nur drei der 16 Stücke ausgelassen. Nach dem Titeltrack „Reykjavík er ömurleg“ (ein Spottlied auf die Hauptstadt, das vom größtenteils aus selbiger stammenden Publikum fleißig mitgesungen wurde), kam Eistnaflug-Organisator Stefán „Stebbi“ Magnússon auf die Bühne, um der Menge zuzuprosten und alle daran zu erinnern, aufeinander aufzupassen und sich nicht wie ein Idiot zu benehmen – „Bannað að vera fáviti“ (Idioten verboten) ist seit dem ersten Tag Slogan und Manifest des Festivals unf funktioniert so gut, dass ich wünschte, wir könnten diesen Grundsatz einfach für den Rest der Welt übernehmen. Beim Eistnaflug gab es noch nie ernsthafte Probleme – okay, Innvortis ging in der Mitte der Show das Bier aus, aber auch dieserr Missstand wurde schnellstens behoben und der politisch herrlich inkorrekte Spaß ging noch mit sechs Songs lang weiter, bis er schließlich in „Drepstu“ kulminierte – und dem größten Moshpit, den ich jemals morgens um halb vier miterlebt habe.


Innvortis & Stefán Magnússon – Mehr Bilder hier

Der Donnerstag begann nach alter Eistnaflugsmanier im Schwimmbad, genauer gesagt im Heißwasserpool – entspannter könnte ein Tag wohl nicht beginnen. Die erste Band des Tages für mich war Kronika, die letzten Sommer praktisch über Nacht die Szene betreten und nur wenige Wochen nach der Gründung ihr erstes Album veröffentlicht hatten. Schon der Release-Gig war beeindruckend gewesen, aber diesmal waren sie noch besser, obwohl sie in der Zwischenzeit kaum irgendwelche Shows gespielt hatten. Bassist Snæbjörn „Bibbi“ Ragnarsson hätte allen Grund gehabt, etwas müde auszusehen, nachdem er erst vor nicht allzuvielen Stunden als Sänger, Gitarrist und Zeremonienmeister von Innvortis auf derselben Bühne gestanden hatte (am Tag darauf war er erneut dort zu sehen, diesmal mit seiner Hauptband Skálmöld), aber manche Leute haben einfach mehr Energie als wir Normalsterbliche. Das andere fest in der Metalszene verwurzelte Kronika-Mitglied ist Schlagzeuger Birgir Jónsson von Dimma, aber der unstrittige Mittelpunkt der Band ist Sängerin Tinna Sverrisdóttir, die auch beim Rap-Kollektiv Reykjavíkurdætur mitgewirkt hat, aber vor allem als Theater- und Filmschauspielerin bekannt ist. Was ihre immense Bühnenausstrahlung zum großen Teil erklären mag, aber die Wärme, das Gefühl und der Humor ihrer Performance sind nicht Dinge, die man in der Schauspielschule lernt, sondern kommen von Herzen. Beim Eistnaflug waren Kronika auf Anhieb ein Erfolg, und ich ließ mich nur zu gerne von Tinnas Lächeln anstecken.


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Ein weiterer Neuzugang in der Szene sind Röskun aus Akureyri, die Anfang dieses Jahres ihr Debüt veröffentlicht haben. Á brúninni ist ein düsteres, intensives Konzeptalbum über einen letztlich hoffnungslosen Kampf gegen Geisteskrankheit, aber von den Texten mal abgesehen war der Gig alles andere als depressiv. Musikalisch liegt die besondere Stärke des Quartetts im Bereich Gesang, der die ganze Bandbreite von Dreifachharmonien über kontrastierende Melodielinien bis hin zu Growls abdeckt. Letztere wurden vergleichsweise sparsam eingesetzt und wirkten gerade deswegen besonders effektiv, insbesondere in der herausragenden Nummer „Ákvörðun“.


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Kælan Mikla sind Stammgäste auf dem Eistnaflug und ich finde sie immer wieder faszinierend, auch wenn ihre Mucke nicht gerade Metal im engeren Sinne ist. Offiziell läuft diese Richtung wohl unter Darkwave oder ähnlich; die Band selbst definiert sich als „düsterer Poesie-Punk“, was die Sache gut genug auf den Punkt bringt. Mir ist die ganze Kategorisierung ohnehin egal, solange es die Songs so spannend und nachtschwarz sind wie „Óráð“, um nur eines von mehreren guten Beispielen zu nennen. Die eisigen Klänge von Sólveig Matthildur (Synthesizer) und Margrét Rósa (Bass) standen in harschem Gegensatz zum warmroten Bühnenlicht, aber die hypnotische Stimme von Laufey Soffía (die auf mich wie eine eigenartige, aber faszinierende Mischung aus Audrey Hepburn und Siouxsie von den Banshees wirkt) hielt alles zusammen. Ein Lockruf in eine Dunkelheit, die gleichzeitig bedrohlich und unwiderstehlich erscheint.


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Der Rest des Tages verbrachte ich zum größten Teil hinter dem Verkaufstisch, legte jedoch eine Pause ein für Auðn, deren T-Shirts und CDs im übrigen das ganze Wochenende über weggingen wie warme Semmeln. Seit der Veröffentlichung ihres bislang einzigen Albums vor zwei Jahren hat sich das Quintett auch außerhalb Islands zunehmend einen Namen gemacht. Für mich war es ihr dritter Gig und der bislang beste. Für einen Überraschungsmoment sorgte die Band nach dem ersten Refrain von „Feigð“, indem sie direkt in „Landvættur“ überging und die beiden Lieder praktisch miteinander verschmolz. Eigentlich keine schlechte Idee, denn somit blieb mehr Zeit für frisches Material. Ein Teil davon kam direkt am Anfang, und nach besagtem Medley folgten zwei weitere neue Lieder, das ruhige „Skuggar“ und das flottere „Í hálmstráið héld“. Freu mich schon auf den Rest!


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Als nächstes an der Reihe waren Bloodbath aus Schweden (einschließlich des britischen Gentlemans Nick Holmes von Paradise Lost am Mikro), die zuverlässigen Death Metal der alten Schule lieferten, und die Stonerrocker Brain Police, die immer eine Menge Spaß machen und zu den unbestrittenen Publikumsfavoriten zählten. Sie waren im übrigen die erste Band, die ich an dem Wochenende sah, welche um eine Zugabe gebeten wurde. Die auch prompt kam.


Bloodbath

Ein lustiger Moment während des Gigs von Brain Police war der Auftritt von Promoter Stebbi, der Sänger Jens beibrachte, wie man richtig küsst, nachdem er zuvor das Publikum die isländische Version von „Happy Birthday“ singen ließ – es war kurz nach Mitternacht und somit seit einigen Minuten der 40. Geburtstag des irgendwo im Saal befindlichen Aðalbjörn „Addi“ Tryggvason von Sólstafir.


Brain Police & Stefán Magnússon

Die letzte Band der Nacht war Misþyrming, ein weiterer Aufsteiger der Reykjavíker Blackmetalszene, der bereits bei mehreren internationalen Festivals von sich reden gemacht hat, insbesondere Roadburn in Holland. Dieses Jahr waren sie auch bei Turku Saatanalle in meiner Heimat Finnland, sodass es nicht so lange her war, dass ich sie zuletzt gesehen hatte. Auf der großen Eistnaflug-Bühne mit ihrer dramatischen Beleuchtung kamen sie freilich eindrucksvoller zur Geltung, und der Sound war ebenfalls besser. Auch Misþyrming hatten ein paar neue Songs im Gepäck, aber leider war ich ein bisschen zu müde, um mit voller Konzentration zu lauschen. Immerhin war es schon wieder kurz vor drei Uhr morgens, also vielleicht allmählich Zeit für den Schlafsack…… ja von wegen. Als ich mich meinem Zelt näherte, saßen die Nachbarn immer noch draußen und die Party war noch lange nicht vorbei. Als ich mich endlich schlafen legte, war es eher gegen fünf, aber ich konnte schließlich am nächsten Tag ausschlafen. Die erste Band, die ich sehen wollte, würde erst um vier Uhr nachmittags auf die Bühne kommen…


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…dachte ich mal so, bis mich jemand im Pool darauf aufmerksam machte, dass der Zeitplan geändert worden war und Dynfari schon um 14:45 Uhr an der Reihe waren, in anderen Worten gleich anfangen würden. Ich war blitzschnell aus dem Wasser, verpasste aber trotzdem in etwa die Hälfte der Show. Bei meiner Ankunft war die Band war in der Mitte von „Hafsjór“ und hatte nur noch zwei Lieder übrig, zm Glück waren diese wenigstens schön lang: „3. Door: Madness“ vom neuen Album und das epische „Vonleysi“ vom Debüt. Trotzdem ärgerlich, den Anfang verpasst zu haben. Nächstes Mal hoffentlich mehr Glück…


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Als nächstes war eine Band dran, die zu verpassen erst recht nicht in Frage kam: Skurk, deren neues Album Blóðbragð für mich die größte Überraschung unter den Neuerscheinungen des Frühjahrs gewesen war. Das Quartett aus Akureyri hatte sich bereits in den frühen neunziger Jahren gegründet, war aber die meiste Zeit über inaktiv gewesen und ich war erst vor einem Jahr auf sie aufmerksam geworden. Die Teaser auf Facebook hatten einiges versprochen, aber das Album übertraf die Erwartungen sogar noch. Es erzählt die dramatische Story eines Mannes auf der Flucht in zehn vielseitigen, melodischen Thrash-Metal-Nummern von filmreifen Dimensionen. Ich würde das Ganze gerne an einem Stück mit Streichern, Chor und allem sehen, was im Rahmen des 35-Minuten Slots beim Eistnaflug natürlich nicht möglich war. Aber auch die gekürzte Version war eines der Highlights des Wochenendes. Die Band spielte die erste Hälfte des Albums plus „Endir“, vor welchem ein älteres Stück eingeworfen wurde. Dieses kannte ich nicht und vermutlich wurde es vor allem deshalb gewählt, weil es kurz genug war, aber auch wenn der Song keineswegs schlecht war, zeigte er doch deutlich, was für einen gewaltigen Sprung Skurk mit ihrem neuen Album getan haben. Hoffentlich verschwinden sie dieses Mal nicht so bald wieder von der Bildfläche.


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Auch 200.000 Naglbítar sind eine Frühneunziger-Band aus Akureyri, die sich vor kurzem nach langer Pause wieder zusammengetan hat, aber in musikalischer Hinsicht haben sie mit Skurk nicht viel gemeinsam. Das Publikum hatte sie augenscheinlich noch in guter Erinnerung; verblüffend war insbesondere die große Anzahl von Kids, die jünger waren als das letzte Album der Band. Eine neue Scheibe ist in Arbeit und ein Lied von dieser wurde bereits gespielt (betitelt „Allt í heimi hér“ und vom Sound her immer noch in den Achtzigern verwurzelt), aber was die Fans vor allem hören wollten, waren die alten Hits „Brjótum það sem brotnar“ und vor allem das fast komplett vom Publikum gesungene „Láttu mig vera“. Für das Schlusslied des Gigs wurde ein Paar Toms in der Mitte der Bühne aufgestellt; als Gastpercussionist kam kein Geringerer als Soundguru Axel „Flex“ Árnason auf die Bühne, der die restliche Zeit des Festival hinter dem riesigen Mischpult verbrachte.


200.000 Naglbítar feat. Flex

Im letzten Jahr hatte es ein wenig danach ausgesehen, dass Eistnaflug Gefahr laufen könne, zu groß zu werden und die Intimität zu verlieren, die die Seele dieses Festivals ausmacht und sein wohl größtes Plus im Vergleich zur internationalen Konkurrenz darstellt. In diesem Jahr war die Veranstaltung wieder etwas kompakter, was nicht nur besagter Intimität gut tat, sondern obendrein in einem komfortableren Festivalerlebnis resultierte: anstatt zwei nahezu gleichberechtigter Bühnenlocations, die einen zehnminütigen Fußmarsch voneinander entfernt lagen, war nun das offizielle Programm an einem Ort konzentriert und die zusätzliche Off-Venue-Bühne, Beituskúrinn, war um einiges näher gelegen als die zweite Hauptbühne in den Vorjahren.


Beituskúrinn

Obwohl es einen gewissen Bruch mit der Geschichte bedeutete, keine Konzerte mehr im Hotel Egilsbúð abzuhalten, wo alles einst begonnen hatte, war ich dankbar dafür, nicht mehr hin- und herlatschen und zwischen gleichzeitig spielenden Bands wählen zu müssen. Einer der Programmpunkte, die ich 2016 wegen Überschneidung verpasst hatte, waren Kontinuum, die glücklicherweise auch dieses Jahr wieder dabei waren. Ihr Set war nicht durchgehend Topniveau und die Hits „Kyrr“, „Breathe“ und „Í Huldusal“ hoben sich meines Erachtens ein bisschen zu deutlich vom Rest ab, aber gefallen tat’s mir allemal.


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Die oben genannte Beituskúrinn war unsere nächste Station. Es handelt sich um ein altes Holzhaus direkt am Meer, das früher von den örtlichen Fischern als Köderschuppen genutzt wurde und heute ein charmantes kleines Restaurant beherbergt, das ausgezeichnete Pizza zu überraschend moderaten Preisen serviert. Die Bühne war auf der Außenterrasse, die einen traumhaften Blick auf den Fjord bot sowie einen Steg zum Sonnenbaden (was wir auch taten). Die Band, die wir dort sahen, Alcoholia, waren eigentlich die Jungs von Alchemia – deren früheren Gig auf derselben Bühne ich verpasst hatte – als Coverband mit Songs von Iron Maiden, Motörhead usw. Bei einigen davon waren illustre Gastsänger mit von der Partie, namentlich Stefán „Stebbi Jak“ Jakobsson von Dimma und Addi von Sólstafir – der selbstverständlich erneut mit einem Geburtstagsständchen belohnt wurde.


Alcoholia feat. Stebbi Jak

Hauptheadliner des Festivals waren die angereisten Cavalera-Brüder Max und Igor mit ihrer Band, die den Sepultura-Überklassiker Roots in seiner Gesamtheit zum Besten gaben. Wir hatten draußen die Sonne genossen, da es einer der bislang wärmsten Tage des Jahres war, und infolgedessen den Anfang verpasst; als ich in die Halle kam, war diese von der Bühne bis zur Eingangstür so rappelvoll, dass keine Chance war, irgendwo nach vorne zu kommen. Keine Frage, dass dieser Meilenstein des Metal auch nach mehr als zwanzig Jahre noch Arsch tritt wie am ersten Tag. Zwischendurch stand Igor von seinem Drumhocker auch, so dass auch die hinteren Reihen sein Outfit sehen konnten: das offizielle Trikot der isländischen Fußballnationalmannschaft. Auch dies ein Gebiet, von dem die Brasilianer einiges verstehen…


Cavalera

Nach den Cavaleras war es Zeit für meinen persönlichen Höhepunkt des Sommers: Skálmöld, die ich genau hier vor zwei Jahren zum ersten Mal gesehen hatte. Jener Gig hatte, wie es das Schicksal manchmal so will, meiner Existenz einen unverhofften Kick in eine fröhlichere Richtung gegeben, und es war irgendwie merkwürdig gewesen, dass sie letztes Jahr nicht hier spielten. Anscheinend auch aus Sicht der Band, denn Böbbi versprach direkt in seiner ersten Ansage, dass Skálmöld nie wieder ein Eistnaflug auslassen würden. Möge er die Wahrheit gesprochen haben. Die letzten beiden Auftritte der Band, die ich gesehen hatte, waren Spezialaufführungen in bestuhlten Sälen gewesen; auch jene soweit sehr genial, aber die beste Location für Skálmöld-Gigs wird wohl immer Eistnaflug bleiben. Der Set war mit „nur“ achtzig Minuten etwas kürzer als 2015, aber alle vier Alben waren in fairem Umfang repräsentiert. Für „Hefnd“ kam Addi Tryggvason auf die Bühne, um den Part der Höllenbestie zu brüllen, wofür er aus gut tausend Kehlen ein weiteres Happy Birthday erntete – 7.7.77 ist zweifellos ein leicht zu merkendes Geburtsdatum. Lautstark mitgesungen wurden natürlich auch die eigentlichen Songs – genau das hat mir bei der Handvoll Skálmöld-Gigs, die ich in anderen Ländern gesehen habe, immer gefehlt. Der Fanchor in „Narfi“ ist fester Bestandteil, aber noch besser ging es in der zweiten Strophe von „Að vetri“ ab, als die Band mit Ausnahme von Schlagzeuger Jón Geir genau auf dem zweiten Beat von „Átak…“ stoppte und der ganze Saal geschlossen weitersang „…bogið bak, býr sig undir vopnaskak…“ usw., bis am Ende des Verses auch die Drums schwiegen und uns endlich dämmerte, dass es sich um ein technisches Problem handelte und nicht um planmäßige Publikumsinteraktion. Þráinns Gitarre fand als erste den Weg zurück in die PA und er unterhielt uns mit einer Runde klassischer Riffs, während Toningenieur Flex den Rest in Ordnung brachte. Um keine weitere Minute kostbarer Bühnenzeit zu verschwenden, setzte die Band den Song ab der zweiten Strophe fort und brachte ihn diesmal problemlos zuende, bevor die Show in traditioneller Manier mit „Kvaðning“ endete.


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Am Samstag gelang es mir erstmals, direkt zur ersten Band vor Ort zu sein. Es handelte sich um Asyllex von den Färöer-Inseln, die vor kurzem die dortige Wacken Metal Battle gewonnen hatten. Ihre Musik hinterließ keinen nachhaltigen Eindruck auf mich, ihre unbändige Power dafür umso mehr. Ein energiegeladener Start in den Tag, und ich wünsche den Jungs schon mal alles Gute für Wacken. Future Figment hörte ich nur von der Merchtheke aus, der erste Eindruck erinnerte nicht wenig an Kontinuum vom Vortag, aber ich muss mir die Truppe bei Gelegenheit mal näher anhören. Klang jedenfalls recht gut.


Asyllex

Morðingjarnir kamen maskiert auf die Bühne und nach dem ersten gab Sänger Haukur zu, dass dies die bislang dümmste Idee seines Lebens war, bestand aber gleichzeitig darauf, dass die Masken den Gig über auf den Köpfen bleiben würden. Zwei Songs später beschwerte sich Bassist Atli, dass die Vermummung sein ohnehin beschränktes Spielvermögen völlig zunichte mache, und selbst das Stimmen der Instrumente erwies sich als Herausforderung, so dass die Masken schließlich doch in die nächste Ecke flogen. Ein Typ neben mir war verblüfft, als sich der zweite Gitarrist als Baldur von Skálmöld offenbarte, der freilich schon seit über einem Jahr in der Band ist. Ich für meinen Teil war dagegen überrascht, als sie zwischen ihren punkigen Originalstücken plötzlich fragten, ob sie nicht lieber Metal spielen sollten, und mit Judas Priests „Breaking the Law“ loslegten. Im Grunde genommen durchaus angemessen für eine Band, die sich „Die Mörder“ nennt. Noch passender für Eistnaflug war natürlich die Schlussnummer „Djamma“, deren Titel schlicht und ergreifend Abfeiern bedeutet.


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Wohl die legendärste Hardrockband Islands ist HAM, die seit knapp dreißig Jahren existiert und zuletzt die Ehre hatte, Rammsteins Megashow in Reykjavík anzuheizen. Das im vergangenen Monat erschinene neue Album macht lückenlos dort weiter, wo der Vorgänger Svik, harmur og dauði (2011) aufhört – für eine Band, die vor ewigen Zeiten ihren eigenen, unnachahmlichen Sound gefunden hat, besteht nun mal kein Grund, die Formel zu ändern. Das Gleiche gilt für ihre betont steife Bühnenshow, die von der Stärke der beiden Leadstimmen lebt und auf unnötige körperliche Bewegung verzichtet. Neu und zugegebenermaßen etwas merkwürdig war dagegen, die zum überwiegenden Teil von Schwindel und Verrat handelnden Texte aus dem Munde eines Mannes zu hören, dessen gegenwärtiger Job in der Landesregierung eine Menge mit ebendiesen Dingen zu tun hat. Aber in Bewunderung der in Island gängigen Fähigkeit, die unterschiedlichen Seiten einer öffentlichen Person auseinanderzuhalten, verkneife ich mir weitere Kommentare zu diesem Thema und behaupte lediglich, dass Óttar Proppé mit HAM mehr zum öffentlichen Wohlergehen beigetragen hat als in seiner Eigenschaft als Gesundheitsminister. (Erwähnt sei im übrigen auch seine andere Band, Dr. Spock, die etwas früher am selben Tag gespielt hatte, deren Gig ich allerdings nur ansatzweise mitbekommen hatte.) Und nichts schmälert die Tatsache, dass HAM auf dem Eistnaflug einen hervorragenden Auftritt hinlegten – wie zu erwarten war.


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Erst recht große Taten erwartete ich von Dimma, und direkt die beiden ersten Songs „Villimey“ und „I auga stormsins“ machten deutlich, dass diese Band keine halben Sachen zu liefern gedachte. Beide Nummern stammen vom neuen Album Eldraunir, welches das bis dato härteste der Truppe ist und verdienterweise die Setliste dominierte. Trotzdem blieb genug Platz für ältere Hits, darunter mein Lieblingsstück „Kviksyndi“, auf das ich im Vorjahr vergeblich gewartet hatte. Ein besonderer Moment war, als Sänger Stebbi in einer kurzen Ansprache des legendären isländischen Gitarristen Gulli Falk gedachte, der wenige Tage zuvor seinen Kampf gegen den Krebs verloren hatte. Das Stück, das Dimma ihm widmeten, war „Bergmál“, ein leidenschaftliches Liebeslied an die Musik selbst. Vor „Illgresi“ kam es zu einer spielerischen Uneinigkeit zwischen Stebbi, der hartnäckig betonte, dass er sein Hemd nicht ausziehen würde, und dem Publikum (insbesondere dem weiblichen), das lautstark ebendies verlangte. Das Hemd blieb vorerst an, aber gegen Ende der Show wurde es dann schließlich doch diskret entsorgt… Die Ansage zu „Hrægammar“ lasse ich lieber unübersetzt für den Fall, dass sich Minderjährige oder meine Mutter auf diese Seite verirren – sagen wir einfach, dass es sich um eine figurative Beschreibung der isländischen Tagespolitik handelte, mit welcher auch das Lied selbst schonungslos abrechnet. Bisher hatten Dimma noch nie einen politischen Song im Programm, aber dieser bringt so ziemlich alles auf den Punkt, was es zu dem Thema zu sagen gibt, und es ist einer der stärksten, die sie je geschrieben haben. Unbestrittener Höhepunkt der Show waren jedoch die beiden Schlussnummern, das zum größten Teil vom Publikum gesungene „Ljósbrá“ und „Þungur kross“.


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Auch Sólstafir sind mit einem neuen Album am Start, und zwar einem hervorragenden. Aus irgendeinem Grund schienen sie jedoch wenig Lust zu haben, die neuen Songs zu spielen. Nur zwei („Silver-Refur“ und das vergleichsweise lahme „Ísafold“) waren Bestandteil des Gigs, der im übrigen deutlich kürzer war als die von Dimma und Skálmöld. Der Tiefpunkt war in der Mitte des Sets, als sie einen ihrer alten englischen Songs spielten, die einfach nicht mit der Periode ab Svartir Sandar mithalten können. Addis Botschaft in der Ansage – wenn du unter Depressionen leidest, suche Hilfe, anstatt dich umzubringen – war wichtig und aktuell, nicht zuletzt angesichts des Schicksals von Bjarni Ólafsson, der mit seiner Band Churchhouse Creepers beim Eistnaflug hätte spielen sollen, aber im Frühjahr Selbstmord begang. Trotzdem hätten Sólstafir für den Anlass einen spannenderen Song wählen können. Die Stimmung verbesserte sich hörbar mit dem nächsten Stück, „Fjara“, das dem bereits erwähnten Gulli Falk gewidmet war und bei dem Stebbi von Dimma als Gastsänger mitwirkte, aber danach endete die Show bereits – antiklimaktisch mit einem weiteren Oldie, „Goddess of the Ages“. Dessen Anfangszeile „When all is said and done…“ mag dieses Stück zu einer guten Schlussnummer bei Gigs im Ausland machen, aber beim Heimatpublikum hätte „Dýrafjörður“ vom neuen Album sicher ein intensiveres Gefühl der Endgültigkeit hinterlassen, ganz abgesehen davon, dass letztgenannter Song auch musikalisch mehr kann. Überhaupt können Addi & Co. mehr. Aber zugegeben, wenn ich auf dem Eistnaflug einen runden Geburtstag gefeiert hätte, wäre ich tags drauf vermutlich auch nicht gerade in der Form meines Lebens gewesen. Außerdem sind Sólstafir bereits für Eistnaflug 2018 bestätigt, was ihnen genügend Zeit geben sollte, die neuen Sachen zu proben. Und was auch immer sie im nächsten Jahr zu spielen gedenken, ich werde vor Ort sein…


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Fotos: Tina Solda – Komplette Eistnaflug-Fotogalerie hier

Eistnaflug 2018 Vorschau – Early-Bird-Tickets jetzt im Vorverkauf:

Tina Solda

Tina Solda

tina@stalker-magazine.rocks – Konzert- und Festivalberichte, Fotos, Interviews – – – Bevorzugte Musikrichtungen: melancholischer Death-, unkonventioneller Black-, melodischer Doom-, dramatischer Folk- und intelligenter Paganmetal (Schwerpunktregionen: Island, Finnland & Norwegen) – – – Sonstige Interessen: Gitarre, Bücher, Bier, Kino, Katzen.

Ein Gedanke zu „Eistnaflug 2017

  • 2017-07-28 um 19:57
    Permalink

    Hallo Tina
    Auch wenn es nicht meine Musikrichtung ist, liest sich dieses Tagebuch ausgesprochen spannend und unterhaltsam.
    Ich hoffe, dass Dir auch noch etwas Zeit geblieben ist, diese wunderschöne Land zu genießen – bei alle dem Hin- und Herhetzen.
    Respekt!
    Vater

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