Subway to Sally: Jenseits von Gut und Böse

Nachdem wir kürzlich schon eine Show und das neue Album von Subway to Sally besprochen haben, machen wir das „NEON“-Triple nun perfekt. Nach der Show in Bochum baten wir Gitarrist und Hauptsongwriter Ingo Hampf zum Gespräch.

Ihr habt nach „Nackt“ und „Nackt 2“ nun mit „NEON“ ein drittes Akustik-Album vorgelegt. Ihr seid zwar nicht die erste Band, die ihren Rock-Songs unplugged präsentiert,  im Gegensatz zu den meisten anderen seid ihr aber sehr erfolgreich. So habt ihr beispielsweise jede der drei Tourneen noch verlängert ,um dem Zuschauerzuspruch gerecht zu werden. Was macht ihr anders oder besser als andere Bands?

Schwierig zu beantworten. (überlegt) Uns gibt es natürlich schon sehr lange. Die erste „Nackt“-Tour war 2006, die 2. müsste 2009 gewesen sein. Auf jeden Fall zieht sich das über einen echt langen Zeitraum. So lange, wie die Abstände zwischen unseren Akustik-Touren sind, gibt es manche Bands gar nicht.

Damals, vor „Nackt“, war die Idee, eine Akustik-Tour zu machen irgendwie naheliegend, da wir ja viele akustische Instrumente benutzen. Wir haben da ja alleine vom Instrumentarium deutlich mehr zu bieten, als die E-Gitarren gegen Akustik-Gitarren zu tauschen. Für „Nackt 2“ wollten wir dann aus der reinen Akustik-Show richtig Kunst machen. Das Bühnenbild, die neuen Arrangements und so weiter waren richtig aufwändig.

Die Idee bei „NEON“ war dann, zwei Sachen zu kombinieren, die normalerweise nicht zusammen passen. Normalerweise würde keiner auf die Idee kommen, so etwas zu kombinieren, schon gar nicht in dem Umfeld, indem wir uns bewegen. Die Idee ist insofern etwas skurril.

Du sprichst den vermeintlichen Widerspruch selber an. Ich war anfangs sehr skeptisch, ob das Konzept funktionieren kann. Wäre es nicht viel logischer gewesen, die elektrischen Sounds mit Rock Musik zu kombinieren?

Das machen wir ja sowieso seit dem letzten Album. Normalerweise bewegen wir uns ja in einem relativ hermetisch abgeschlossenen Raum: Gothic, Rock, Mittelalter und so weiter. Da Einflüsse reinzunehmen, die auch viele Fans nicht hören, das war der Reiz. Bei Subway to Sally ging es immer um Widersprüche. Als wir mit der Band angefangen sind, war die Überlegung Dudelsack mit E-Gitarre zu kombinieren. Heutzutage machen das alle, aber vor 25 Jahren hat das keiner gemacht. Die Herausforderung ist und war, einen Pfad zu beschreiten, der noch nicht ausgetreten, sondern spannend und interessant ist. Das ist auch die Idee hinter „NEON“ und macht den Reiz aus.

Im übrigen ist das ein spannender Weg, der noch nicht abgeschlossen ist. Ich schätze, dass unser nächstes Studioalbum für sehr viel Überraschung sorgen wird. Wir sind ja jetzt jenseits von Gut und Böse und können machen was wir wollen. Alle, die wir vergraulen konnten, haben wir in den letzten 25 Jahren vergrault und alle anderen sind uns treu.

Du nimmst damit schon meine finale Frage vorweg: Gibt es schon konkrete Pläne für euer nächstes Album?

Wenn die „NEON“-Tour beendet ist, werden wir mit dem Songwriting beginnen. Das wird etwa im Mai sein.

Viele Songs wurden für „NEON“ neu arrangiert. Wie genau lief da die Zusammenarbeit mit Cop Dickie, der für die elektronischen Sounds verantwortlich ist, ab? Habt ihr die Songs gemeinsam mit ihm arrangiert?

Es hört sich zwar doof an, wenn ich jetzt über mich selber rede, aber der Großteil der Musik, der über das hinaus geht, was wir üblicherweise so machen, geht auf mein Konto. Trotz meines fortgeschrittenen Alters gehe ich tatsächlich noch in Clubs und höre dort elektronische Musik. Wenn dann sowas wie Dub Step läuft, habe ich tierisch Spaß. So ist dann auch die Grundidee entstanden. Die Band fand das anfangs auch etwas befremdlich, so nach dem Motto: „Spinnt der Hampf jetzt total?“ Aber ich konnte sie mit den ersten Demos überzeugen.

Ähnlich lief das dann auch für die „NEON“-Tour ab. Wir haben mit Cop Dickie ja schon das letzte Studioalbum „Mitgift“ zusammen gemacht. Da lag es dann nahe, das ganze weiterzuverfolgen. Ich habe mir dann Grundarrangements überlegt. Cop Dickie hat dann seine Sounds dazu programmiert und noch einige Anregungen für die Arrangements gegeben. So haben wir das dann ein paar Mal hin und her geschickt und schließlich standen dann die neuen Arrangements.

Es ist sehr spannend mit jemandem zu arbeiten, der aus einem ganz anderen Bereich kommt. Er kann zwar etwas Klavier spielen, aber im Grunde spielt er live ja gar kein Instrument. Er hat mehr Erfahrung mit Sounddesign und Remixing. Also eine ganz andere Herangehensweise an Musik, als wir sie haben, und das ist das Coole.

Gab es Songs, die ihr gerne für „Nackt“ oder „NEON“ umgesetzt hättet, die aber nicht funktioniert haben?

Nein, eigentlich nicht. Was wir uns vorgenommen haben, haben wir auch gemacht.

Auf „NEON“ habt ihr auch ‚Unsterblich’ und ‚Falscher Heiland’ – zwei Songs von „Engelskrieger“ – umgesetzt. „Engelskrieger“ ist in meinen Augen euer Album mit dem größten Anteil Heavy Metal. Diese Songs akustisch umzusetzen stelle ich mir schwer vor.

Wenn die harmonische Substanz, aus der ein Song besteht, stimmt, dann kann man ihn auch mit akustischen Instrumenten spielen. Wobei ich „Engelskrieger“ eigentlich nicht metallischer als „Mitgift“ finde.

Seit einigen Jahren betreibt ein eigenes Studio und habt euer eigenes Label „STS Entertainment“, über das ihr eure Musik vertreibt. Was hat sich dadurch für euch geändert?

Eigentlich nicht viel, da wir auch vorher schon machen konnten, was wir wollten. Wir waren bei jeden Plattenfirma eigentlich immer ein Enfant Terrible, weil sie nie wussten, was sie mit uns so anfangen sollten. Die Majors waren oft mehr oder weniger entsetzt und konnten mit uns nicht viel anfangen. Wir wurden dann zwischen Labeln wie Universal, BMG oder Motor Music hin und her geschoben. Der Schritt, selber die Plattenfirma zu gründen, war logisch, weil wir eine Plattenfirma gar nicht mehr brauchten. Im Grunde geben die ja auch nur den Kredit für eine neue Platte und wenn man diesen Kredit nicht mehr braucht, dann kann die Arbeit auch genauso gut selber machen.

Aber die Vertriebswege braucht man ja auch…

Wir haben Universal als Vertriebspartner und können so deren Vertriebswege auch nutzen. Ansonsten sind wir aber komplett eigenständig.

Ihr hattet über die Jahre ein sehr stabiles Lineup, was im Rock / Metal-Bereich eher selten ist. Vor kurzem ist aber eure langjährige Geigerin Frau Schmitt ausgestiegen. Über die Gründe wolltet ihr Stillschweigen bewahren, was ich auch respektieren möchte…

Es gibt eigentlich kein Stillschweigen. (überlegt) Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Frau Schmitt war 26 Jahre in der Band, immerhin ein Vierteljahrhundert Rock ’n Roll, und wir waren viel unterwegs. Es ist nicht immer einfach, so viel unterwegs zu sein, wieder in Tourbus zu steigen und jeden Tag wieder auf die Bühne zu gehen. Das merken wir alle. Wir haben alle die 50 schon hinter uns gelassen und für eine Frau ist das noch schwieriger als für uns Männer. Über den Rest möchte ich dann doch lieber Stillschweigen walten lassen.

Hat euch die Entscheidung überrascht oder war sie für euch absehbar?

Sowohl als auch. Es war oft problematisch für sie, im Tourbus zu fahren. Sie hat es trotzdem noch 2 oder 3 Jahre gemacht. Die Konsequenz der Entscheidung war dann aber trotzdem überraschend und auch bedauerlich. Auch wenn der Ersatz (Ally Storch, der Verf.) großartig ist, vergeht kein Tag auf Tour, an dem ich nicht an Frau Schmitt denke.

Macht Frau Schmitt noch Musik?

Ja, macht sie. Sie hat eine eigene Band und spielt auch noch Konzerte, aber alles mit deutlich weniger Aufwand.

Jetzt hast du mir gerade mit eurem Alter eine Steilvorlage gegeben: Feiert ihr in eurem Alter noch richtig auf Tour oder geht es bei euch mittlerweile gesittet zu?

Wie die Sau, haha! Nein, im Ernst: Wir sitzen gerne noch zusammen, ich trinke mir einen Cuba Libre, Exzesse sind aber wohl vorbei. (Schlagzeuger Simon Michael kommt herein) Oder was meinst du? Haben wir noch Exzesse und feiern noch große Parties auf Tour?

Simon Michael: Neeeeein, gar nicht! Eisheilige Nacht, Aftershow Party, Disco!

Ingo: Ach ja, Disco! Nach den Eisheiligen Nächten (gemeint sind die Indoorfestivals von STS nach Weihnachten) machen wir immer Disco und tanzen.

Simon Michael: Wenn man eine eigene Bar hat, gibt es keine Exzesse, neeeeein!

Ingo: Ja, wir haben eine eigene Bar. Entschuldige mal, etwas Kultur muss sein!

Du bist studierte Musiker…

Simon Michael: Der da?!?

Bist du doch, oder?

Simon Michael: Ach so, stimmt, Ingo ist studierter Musiker!

…wahrscheinlich einer der wenigen, der hauptberuflich in einer Rockband spielt. Hättest du dir das damals während des Studiums träumen lassen?

Ingo: Ja, habe ich. Da muss ich etwas ausholen. Mein Studium war noch zu DDR-Zeiten. Es gab damals nicht so viele Möglichkeiten, Berufsmusiker zu werden. Man konnte nicht einfach selbst entscheiden, von seinen Auftrittsgagen zu leben. Wenn man Musiker werden wollte, dann konnte man studieren oder vor einer Kommission vorspielen, um die nötigen Papiere zu bekommen. Das war also gar nicht so einfach. Obwohl ich den Wunsch, Berufsmusiker zu werden, schon sehr früh hatte, musste ich erst mal einen richtigen Job lernen: Elektromaschinenbauer. Bevor man studieren durfte, musste man dann noch zur Armee.

Dass ich Rock Musik, wie auch immer die sich dann gestalten würde, mache würde, war mir immer klar. Ich wollte nie Jazz oder andere komische Sachen machen. Wobei: Ich mache ja ständig komisches Zeug, haha! Was damals noch nicht absehbar war ist, dass ich mal so sehr in Barock Musik und Lautenspiel und so weiter abtauchen würde. Das hat sich über die Jahre erst ergeben.

Mit eurer Musik sprecht ihr eine recht heterogene Zielgruppe an: Gothics, Metaller, Mittelalter-Szene und manchmal sollen auch „normale“ Leute kommen. Gibt es eine Szene, der du dich zugehörig fühlst?

(überlegt) Nein, eigentlich nicht. Was ist denn Gothic für eine Szene? Die ist in sich ja stark gegliedert in die unterschiedlichen Richtungen, von lustig-folkig bis ganz böse Elektro. Also alles von Feuerschwanz bis Laibach ist Gothic. Ich ziehe seit den 80ern nur schwarz an, also bin ich wahrscheinlich auch Gothic. Ich bin kein Metaller, auch wenn man das ja denken könnte, da ich ja E-Gitarre spiele. Aber ich habe natürlich auch diesen Background. Ich mochte Van Halen, Pantera oder das schwarze Album von Metallica sehr gerne. Aber ich habe genauso Background aus anderen Szenen: Barock Musik bis Dub Step. Ich fühle mich insofern jeder dieser Szenen gleichstark zugehörig.

Letzte Frage: Gibt es andere Bands, die du empfehlen kannst?

Ich kann mir Bandnamen schlecht merken. Mir fallen gerade The Browning und Beyond All Recognition ein. Letztere haben gerade „Drop = Dead“ rausgebracht, auf dem sie Metal mit Dub Step kombinieren. Ich könnte dir jetzt noch tausend andere Sachen nennen, bis hin zu Sachen, die geheim sind, weil man sich für sie schämen muss. Ich schäme mich zwar nicht dafür, aber meine Kollegen, haha!

Bandwebsite
Startfoto: Band  Textfotos: Timo Pässler

Timo Pässler

Timo Pässler

timo@stalker-magazine.rocks – Reportagen, Reviews, Fotos – – –
Favorisierte Musikrichtungen? – – –
Hauptsächlich Speed, Power, Melodic, Symphonic and Thrash Metal, manchmal auch Black und Death Metal – – –
Favorisierte Bands? – – –
Blind Guardian, Iced Earth, Children of Bodom, Powerwolf, Kreator, Vader, Amon Amarth, Subway to Sally, Avantasia, U.D.O., Accept, Sinbreed und viele mehr! – – –
Sonstige Interessen? – – –
Musik (hören und spielen), Wing Tsun, Pfadfinder, Whiskey

2 Gedanken zu „Subway to Sally: Jenseits von Gut und Böse

  • Timo Pässler
    2017-09-28 um 19:49
    Permalink

    Hey! Das ist durchaus möglich. Aber wenn man schon die 50 vollendet hat (Ingo Hampf, nicht ich), dann ist „vor 5 Jahren“ ja „Gerade eben erst“;)

  • 2017-05-13 um 1:49
    Permalink

    Höre gerade in die von ihm erwähnten Bands rein, aber ist das Album ‚Drop = Dead‘ nicht eher schon fünf Jahre alt und nicht „gerade rausgebracht“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.