Skálmöld – Háskólabíó, Reykjavík 8.4.2017

Schon seit ihren Anfängen huldigen Skálmöld der Tradition, die Veröffentlichung ihrer Alben mit speziellen Konzerten – um nicht zu sagen audiovisuellen Performances – in bestuhlten Theatern zu feiern, und der einzige Grund, warum ich diese in früheren Jahren verpasst habe, ist der peinliche Tatbestand, dass ich die Band erst vor zwei Jahren entdeckte. Als Ausrede mag gelten, dass ich die internationale Folkmetalszene insgesamt etwas aus den Augen verloren hatte, hinzu kam aber auch, dass Skálmöld von den finnischen Metalmedien völlig ignoriert wurden, zumal sie nie hierzulande live aufgetreten waren. Dieser Missstand wurde Ende 2015 mit zwei Gigs in Helsinki und Turku im Vorprogramm von Eluveitie behoben, aber ein 45-minütiger Anheizerslot auf fremdem Boden liefert bestenfalls diskrete Anhaltspunkte dafür, was diese heldenhaften Wikinger ihrem Publikum bei Headliner-Shows daheim in Island liefern.

Bei den Gigs im Kulturzentrum Hof in Akureyri und im Universitätskino von Reykjavík letzte Woche hatten Skálmöld nicht einmal eine Vorgruppe dabei, sondern spielten selber zwei Sets mit viertelstündiger Bierpause dazwischen. Wie in diesen Lokalitäten zu erwarten, waren Licht und Sound perfekt; zusätzlich erschienen auf der Kinoleinwand Bilder und Lyrics zum jeweiligen Song. Wobei durchaus genug Zeit gewesen war, die Texte im Voraus zu lernen: es handelte sich um die offiziellen „Veröffentlichungsgigs“ für das vierte Studioalbum Vögguvísur Yggdrasils, das schon seit einem halben Jahr auf dem Markt ist. Aber wie Leadsänger Böbbi beim Begrüßen des Publikums anmerkte, besser spät als nie. Ganz abgesehen davon, dass die Vertrautheit mit dem Material dem Genuss nur zuträglich war. Ich hatte damit gerechnet, dass die Band zuerst das neue Album komplett durchspielen und dann im zweiten Set alte Hits zum Besten geben würde, und tatsächlich begann das Konzert mit „Múspell“ und „Niflheimur“. Danach verkündete Böbbi jedoch, dass zwar alle neuen Songs an die Reihe kämen, aber im Wechsel mit älteren. So folgte denn auch als nächstes der Klassiker „Gleipnir“ bevor die Premiere von „Miðgarður“ anstand, einem meiner Favoriten auf dem neuen Album und das nicht nur wegen der textlichen und musikalischen Referenzen an Skálmölds Debütalbum Baldur von 2010. Da Vögguvísur Yggdrasils im Gegensatz zu den früheren Alben keine Geschichte mit chronologischer Handlung erzählt, störte die Mischung aus Alt und Neu nicht im Geringsten.

In „Ásgarður“ kam Keyboarder Gunni’s (heiden-)göttliche Cleanstimme zum tragenden Einsatz, kontrastiert durch den abgedrehten Mittelteil, an dem insbesondere die drei Gitarristen sichtlich Spaß hatten, während Drummer Jón Geir dem Tier in sich freien Lauf ließ. Freilich ohne dabei sein süßes Lächeln zu verlieren. Danach stand das lange nicht mehr live gespielte „Váli“ auf dem Programm, bevor der erste Set mit dem Drei-Minuten-Dampfhammer „Helheimur“ und dem majestätischen „Álfheimur“ endete. Der an Howard Shore angelehnte Elbenchor wurde von den Brüdern Bibbi und Baldur gemeinsam mit Gunni dargeboten – und zwar makellos, trotz der auf Facebook dokumentierten Schwierigkeiten bei der Probe.

Der zweite Set startete mit „Upprisa“, einer weiteren überraschenden Wahl. Danach ging Bassist Bibbi ans Mikrofon und widmete das nächste Lied dem Skálmöld-Fanclub Börn Loka, der bei den Gigs – insbesondere in Reykjavík – in beeindruckender Stärke vertreten war und an beiden Abenden zahlreiche neue Mitglieder hinzugewann. Besagter Song, „Narfi“, wurde mit stehenden Ovationen gefeiert, aber nicht nur die Clubmitglieder, sondern das ganze Publikum sang den Vers „Vilja úr leyni …“ im Chor, während die Band selbst mucksmäuschenstill auf der Bühne stand.

Auch die nächste Nummer „Útgarður“ hatte Bezug zu den Börn Loka – die „Hey“-Rufe auf dem Album stammen von Mitgliedern des Fanclubs. Ebenso natürlich auch bei dem Konzert, bloß erheblich lauter, und spätestens bei Þráinns Gitarrensolo hielt es kaum noch jemanden in seinem Sessel. Bei so einer Show ruhig sitzen zu bleiben ist eh keine leichte Aufgabe. Ähnliche Stimmung herrschte auch bei „Niðavellir“, das letztes Jahr in Island ein ziemlicher Radiohit war, und „Að vetri“, dem wohl beliebtesten Stück von Með vættum (2013).

Aber der beste Teil der Show begann eigentlich erst danach: Das 12-köpfige Streicherensemble Margrét Þórhildur betrat die Bühne, während das Artwork für „Vanaheimur“ auf der Leinwand erschien, den letzten und bombastischsten Song auf Vögguvísur Yggdrasils. Unnötig zu erwähnen, dass er mit den Streichern noch wesentlich beeindruckender und dramatischer herüberkam. Zwar werde ich mir wohl nie endgültig verzeihen können, die Konzerte von Skálmöld mit dem isländischen Symphonieorchester 2013 verpasst zu haben, aber in diesem andachtsvollen Moment fühlte ich mich nahezu entschädigt. Wegen mir hätte das Stück ewig dauern dürfen, und als es schließlich doch zuende war, brauchte ich einen Moment, um wieder auf den Boden zurückzukommen, während die Bandmitglieder kurz die Bühne verließen. Sie ließen sich nicht lange um eine Zugabe bitten, sondern kamen schnell wieder zurück, und Böbbi konstatierte, dass es bescheuert wäre, mit so einer großartigen Begleitung nur ein einziges Lied zu spielen.

Und so nahm das Streichorchester wieder Platz für zwei weitere je neunminütige Demonstrationen epischer Grandiosität: „Með griðungum“ von Með vættum und natürlich Skálmölds Über-Hymne „Kvaðning“. In Akureyri hatte die werte Zuhörerschaft gespannt stillgesessen, während die Streicher im ruhigen Mittelteil des Stücks Þráinns Gitarrenmelodie untermalten, aber in Reykjavík wurde aus knapp tausend Kehlen lautstark mitgegrölt und soweit ich von meinem Platz vorne in der Mitte aus zu sehen vermochte, stand das gesamte Publikum für diesen Song auf. Wahrscheinlich sogar der Präsident von Island, Guðni Th. Jóhannesson, der zusammen mit seiner Tochter das Konzert besuchte und und sich hinterher mit der Band zusammen fotografieren ließ wie jeder stinknormale Fan. Das sind so die Dinge, die ich an Island liebe…

Fotos: Tina Solda – mehr Bilder hier

Tina Solda

Tina Solda

tina@stalker-magazine.rocks – Konzert- und Festivalberichte, Fotos, Interviews – – – Bevorzugte Musikrichtungen: melancholischer Death-, unkonventioneller Black-, melodischer Doom-, dramatischer Folk- und intelligenter Paganmetal (Schwerpunktregionen: Island, Finnland & Norwegen) – – – Sonstige Interessen: Gitarre, Bücher, Bier, Kino, Katzen.