The Reticent: Keine Einschränkung der Kreativität

Dieser 5. Oktober bedeutet Progressiv-Metaller Chris Hathcock, bekannt als Drummer von Magick Records’ Wehrwolfe und The Torture Cell, sehr viel. Heute kommt das neue Album “On The Eve Of A Goodbye” offiziell auf den Markt, das vierte seines The Reticent Projekts zu dessen 10-Jahres-Jubiläum. Dieses Konzeptalbum, selbst finanziert dank einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne, folgt den legendären Releases “Hymns for the Dejected” (2006), “Amor Mortem Mei Erit” (2008) und ”Le Temps Detruit Tout” (2012). Chris erzählt uns hier gleich selbst, was dieses Album so besonders macht, und warum Metal Kunst ist:

Chris, könntest Du uns etwas über dein aktuelles Output erzählen, was hat Dich zu diesem Konzeptalbum inspiriert?
Das Album stellt eine Chronik des Tages bevor, des Tages an dem sowie des Tages nachdem ein lieber Freund von mir Selbstmord begangen hat. Ich habe versucht, diese Geschichte von unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, als ein persönlicher Zugang, um zu verstehen, warum es geschehen ist und auf diese Art, aber auch, um die Gelegenheit zu erhalten, Dinge auszusprechen oder Fragen zu stellen, wozu ich bisher keine Gelegenheit hatte.
Das Album an sich ist vielfältig hinsichtlich der Stile, die es enthält, ebenso in Bezug auf die Texte. Hoffentlich wird das den Hörern erlauben, besser zu verstehen, wie das ist, wie sich diese facettenreiche Natur einer derartigen Begebenheit anfühlt, wie es ist, jemanden zu verlieren, der sich selbst zu diesem Schritt entschlossen hat, und zu dem resultierenden Gefühlschaos, das so eine Handlung auslöst, eine Verbindung herzustellen. Ich wurde inspiriert von vielen grossartigen genreübergreifenden Werken und tonalen Gedichten von Komponisten wie Beethoven, Stravinsky, Barber, etc., die alle eine Bandbreite von Materialien, Tonlagen, Tempi etc benutzten, um oft hochkomplexe Gefühle zu repräsentieren. Was ich geschaffen habe, kommt nicht im Entferntesten an diese Künstler heran, aber sie haben sicherlich dazu inspiriert, mich an einer derartigen Struktur zu versuchen.

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Hast du irgendwelche Faves bei Ambient Metal, Drone oder klassischem Metal?
Mein lebenslänglicher Favorit und Einfluss ist definitiv Neurosis. Es gibt keine andere Band, an die ich beim Stichwort Metal denke, die sich dermassen hirnlastig oder intensiv entwickelt hat wie Neurosis. Deren Geduld, deren spirituelle Annäherungsweise ans Schreiben macht jeden Song fast zu einer meditativen Erfahrung, deren total origineller und einzigartiger Sound lässt sie herausragen, nicht nur bei Metal, sondern ebenso in jedem anderen Genre.

Kann Heavy Metal künstlerisch sein, wenn du es so willst?
Ich denke, dass die bereits erwähnten Neurosis ein erstklassiges Beispiel für künstlerisch hochwertigen Metal sind, da bin ich sicher. Ich würde es gern glaube, dass ich Metal ebenso künstlerisch einsetze, wie tausend andere auch. Der Zweck jeglicher Kunst ist die Absicht, sich auszudrücken – etwas Allgemeines oder Spezifisches hinsichtlich der menschlichen Erfahrung oder der menschlichen Bedingung zu vermitteln. Ich glaube, sobald wir beginnen, Einschränkungen dabei zu machen, was Kunst ausmacht oder nicht, dann begeben wir auch in Gefahr, dass wir nicht mehr Kunst, sondern nur noch Formeln produzieren. Musik ist Kunst, die wir durch Töne erfahren, ein Ausdrucksmittel für das Gehör. Diese Ausdrucksweise kann wütend oder hasserfüllt sein, sie kann niedergeschlagen oder einsam sein, oder furchtlos und triumphierend – und all das findet sich locker im Heavy Metal. Der Sound einer verzerrten Gitarre oder Kreischgesang erlaubt viel eher direkten Ausdruck einer feindseligen oder extremen Gefühlslage. Wenn das was du hörst, bei dir ein Gefühl auslöst oder etwas anderes in dir berührt, das du nicht so recht definieren kannst, dann empfindest du Kunst.
Jene, die der Meinung zustimmen, dass Metal keine Kunst oder besser ausgedrückt, keine künstlerische Form von Musik sei, richten sich nur nach streng definierten Grenzen und Formeln hinsichtlich Kreativität – wenn du kreativ sein willst, dann musst du das und das und dann das tun. Für mich ist das genau jene Einstellung, die Kreativität einschränkt. Ich glaube, die kurze Version einer Antwort zu deiner Frage wäre: Ja.

Schreibst du alles von deinem Material selbst, entwickelst du Szenarios und Drehbücher?
Ich schreibe alles selbst, ja. Das Komponieren mag ich wohl am meisten in diesem Entwicklungsprozess. All die Teile zusammensetzen und Wege finden, dass sie zusammenpassen, um eine Story so genau wie möglich zu erzählen, ist eine sehr angenehme Herausforderung für mich. Naja, ich schreibe nicht wirklich Drehbücher als solche, jedoch für dieses Album habe ich in meinem Kopf in der Tat die Story in Teilen entwickelt, dann entschieden, von welcher Perspektive der Song sein soll, dann von diesem Ort aus gesehen geschrieben etc. Also schrieb ich Szenarien, um jene einzelne Melodie anzupacken.

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Wirst du irgendwelche Konzerte geben?
Wir haben gerade einen neuen Drummer gefunden und haben angefangen zu proben, damit wir diesen Winter einige Live Shows spielen können, und wir versuchen auch eine kurze Tour für kommenden Sommer zusammenzustellen.

Was war deine erste Band, Chris?
Tja, meine erste Band war eine peinlicherweise ziemlich schlechte Metalband namens “Toxic Warfare”. Unsere Songs waren einfach die schlimmsten Slayer-Kopien, die du jemals gehört hast. Die erste meiner Bands, die tatsächlich regelmässig auftrat, war jene in meiner Junior High School und ich war der Shouter in einer Hardcore Band (damals wo Hardcore was anderes bedeutete als heute) namens “Second Nature”. Wir spielten eine Menge Shows einfach in Wohnhäusern, aber auch in richtigen Venues, was damals für einen Haufen 16jähriger eine grosse Sache darstellte. Ich glaube, wir waren nicht mal so schlecht, aber ich habe alle Aufnahmen dieser Band verloren, kann also sein, dass ich sie besser in Erinnerung habe, als sie tatsächlich waren.

Was liegt in naher Zukunft, irgendwelche neue Projekte?
Neue Projekte? Tja, im Moment will ich nur dieses Album auf den Markt kriegen. Ich habe da noch eine lärmende Black Metal Band seit einer Weile so nebenbei, namens Zeromus, mit der ich noch nicht so viel angefangen habe, aber es wäre lustig, da mal eine EP oder sowas aufzunehmen.

Irgendwelche aktuellen Metal-Trends, die du magst?
Tja, ich mag dieses Verbinden und Verbiegen von Genres, denn ich glaube, das ist der Weg, wo viele neue Ideen zu finden sind. Als Progressive Fan ist es auch schön zu sehen, dass Prog mehr Respekt und Aufmerksamkeit bekommt. Daher bin ich neugierig herauszufinden, wohin viele dieser Sounds dann führen werden.

http://www.thereticent.net
https://www.facebook.com/thereticentmusic/
Gastautor: John Wisniewski, photos: Band

GastmitarbeiterInnen / guest contributions

Reguläre GastmitarbeiterInnen u.a. Grit Kabiersch, Maria Levin, Nina Ratavaara, Elvira Visser, John Wisniewski

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