Foto-Subjektiv: Festivals – die traurige Wahrheit

Ein Photografen-Blog – phlog? – also Eindrücke, Tipps & Tricks oder irgendwelcher Kram, der die Kunst des ”Einfangens von Augenblicken” betrifft. Oder so.

In meinem Nummirockreport hatte ich ja was vom ”brutalsten Moshpit” erwähnt, das sich während des unwahrscheinlichsten Künstlers im gesamten Line-Up abgespielt hatte. Das trifft jedoch die Wahrheit nicht ganz.

Denn das brutalste Mosh Pit von allem, wo es ums nackte Überleben geht, wo die Gefahr herrscht ”wenn du hinfällst, wirst du totgetrampelt”, und du kannst dich glücklich schätzen, ohne zerquetschte Zehenknochen, zerstörtem Equipment, blaue Flecken oder Augen davonzukommen:

phlog

Ja, das PHOTO PIT. Der Fotograben.

Markus Laakso hat dankenswerterweise diesen Schnappschuss aus der Mitte des Tuska-Hauptbühne-Fotograbens zur Verfügung gestellt. Das heisst, links von Markus sieht es ebenso aus… und falls ihr da mitte-leicht-rechts einen Schopf rote Haare seht, das bin wohl ich…

Der Fotograben – nichts für Zartbesaitete, Schüchterne, Höfliche. Da geht es um ”wer hat den grössten (Fotoapparat mit Zoom)” bzw. ist der/die Grösste von den Körperdimensionen her. Wer so wie ich grad mal die 1,60m überschreitet, muss schon einen gewaltigen Nachteil überwinden. Besonders, wenn die Bühne vor dir 2m hoch ist.

Und du musst Heckenschützen-Qualitäten entwickeln, also die richtige Körperhaltung finden, damit du absolut stillhalten kannst, dein Ziel einfangen und draufhalten kannst – was auch rundum passiert – und dann musst du kurz zu atmen aufhören, um ja völlig vibrationsfrei zu sein beim Abdrücken, und dann SCHIESST du …

Der einzige Unterschied zu Heckenschützen – dein Ziel hat viel grössere Überlebensschancen als du selbst.

Denn für dich heisst es ”schnell sein oder tot sein” – du hast ja nur für die ersten 2-3 Songs die Erlaubnis, im Graben zu sein (und wenn die Anzahl der Fotografen beschränkt ist, sogar nur einen Song, dann kommt die nächste Gruppe dran). Wenn du zu spät kommst – du solltest ca. 10min vor Konzertbeginn vor Ort sein, um noch nen halbwegs brauchbaren Spot zu kriegen – oder wenn zu viele ”Kollegen” deine Sicht blockieren, dich rumschubsen oder wenn du zu nahe an den Fans hinter dir bist, die ihre Fäuste oder Köpfe in dich reinrammen – tja, dann ist es vorbei. Aus. Ende. Keine Fotos.

Und weil das alleine ja nicht schwierig genug ist – du darfst keinen Blitz benutzen. NIEMALS. Also wenn die Beleuchtung nicht ausreicht – sogar bei ISO 1600 – oder die Band zuviel Nebeleffekte benutzt, tja, Pech gehabt. Resultate wie das hier nenne ich ”Gorillas im Nebel” *.

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(Oceanwake @ Bäkkäri Helsinki, Mayhem @ Nummirock)

Daher ist eine echte Veteranin der modernen Graben-Kriegsführung gar nicht mehr an Mosh- oder Slamdance-Pits oder Wall of Death interessiert.

”Kindergarten”, murmelt die Veteranin, während sie aus sicherer Entfernung zusieht.

Eventuell mit einer Träne im Knopfloch, wo sind die guten alten Zeiten, wo sie noch jung und unschuldig war und ein Konzert an sich genoss, und noch nicht alle 2 Minuten bei einem Gig ”das wäre ein tolles Motiv” dachte und das Bedürfnis fühlte, dem ”perfekten Schuss” nachzujagen, wie etwa der extremen Nahaufnahme des Schweisstropfens auf der Stirn des Drummers … und das alles sogar noch ohne Gage.

Falls ihr nach Lektüre dieser Kolumne trotzdem noch immer in die Ränge der härtesten Grabenkampftruppe von allen aufgenommen werden wollt, empfehle ich Krafttraining – denn so eine Riesenwummel von Kamera+Objektiv ist schwer, und die 10-15min absolut ruhig hochzuhalten, da braucht man Muskeln (und nach nem Tag mit nem ”normalen” Gerät wie meinem hast du sogar auch etwas Muskelkater), weiters Stahlkappen-Stiefel, Ellebogenschützer, Stelzen (wenn nur 1,50m gross) und die Attitüde eines Bulldozers. Oder besser, eine gewisse Zen-Einstellung, denn auch mit dem besten Equipment von allem braucht es den Zufall – das Ziel, das Licht, der Fokus im absolut richtigen Augenblick – um den ”perfekten Schuss” einzufangen.

Daher: Viel Glück!

* Nach dem Film über Diane Fossey

PS: Ich muss hier erwähnen, dass es beim Nummirock RIESIGE Fotgräben gab und Knipsen ein echtes Vergnügen war – danke!

Klaudia Weber

Klaudia Weber

Rücksichts- und gnadenlose Diktatorin, kniet vor mir!
Anders gesagt: Chefredakteurin, Übersetzerin, Webseiten- und Anzeigenverwaltung, also „Mädchen für alles“ – – –
Schwerstens abhängig von Büchern (so ziemlich alles zwischen Herr der Ringe und Quantenphysik) und Musik, besonders von Metal finnischer Prägung. Weiters Malen, Zeichnen, Film, Theater… also könnt ihr mit einer vielseitigen Website rechnen.

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