Ne Obliviscaris: Skelette im Hinterstübchen

Die australischen Prog Metaller Ne Obliviscaris sind nicht nur einer jener Ausnahme-Acts, wo dir die Kinnlade runterklappt, egal ob live oder via CD; sie sind auch äusserst kreativ, wenn es darum geht, die allgemeine Lage für die Independent-Szene zu verbessern, siehe etwa die neue Patreon Plattform *. Und die ersten Tourdaten für Europa können verraten werden… was sonst noch los ist, erzählt uns der Hexer am Bass Cygnus:

Da ist ja eine Menge passiert seit dem letzten Interview – Ihr habt eine Plattenfirma gefunden für das zweite Album, wart schon mehrmals auf Welttournee – die erste habt ihr via Crowdfunding finanziert, und gerade wart ihr wieder mit Cradle of Filth in den USA. Bitte beschreib doch mal, wie so ein typischer Tag auf Tour/die Stunden im Bandbus so sind – wie schlägst du die Zeit tot, welche Musik hörst du selber?

Ein typischer Tag auf Tour besteht aus Fahrten die ganze Nacht lang. Am Morgen bei einem Walmart ankommen oder einer grossen Tankstelle, denn das sind die einzigen Orte, wo es dir gestattet ist, einen Bus zu parken, und da kann man gelegentlich auch duschen, Lebensmittel kaufen oder volltanken. Wir kommen dann so gegen 15h beim Venue an, laden aus und warten, bis COF und Butcher Babies aufgebaut und ihren Soundcheck absolviert haben. Wir spielen. Wechseln uns den ganzen Abend ab am Merch-Tisch. Signieren Cds, posieren für Fotos. Zurück in den Bus, und alles beginnt von vorne! Ich schlag die Zeit im Bus hauptsächlich damit tot, dass ich mir Filme auf meinem Laptop ansehe oder mir Musik anhöre.Wenn es in der Gegend ein Gym gibt, dann versuche ich ein bisschen was an Workout zu kriegen, aber das war eine seltene Begebenheit, verglichen mit Europa. Die Musik, die ich mir auf der Tour so anhöre, ist die neue Abhorrent, After the Burial, Oceans of Slumber, Jakob, oder meine eigene Musik. Ich komponiere viel Musik, also hör ich mir die oft an und denke darüber nach, wie ich es besser machen könnte, was ich hinzufügen könnte etc.

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Ich habe ja schon mal nach euren Einflüssen gefragt – aber was hat dich dazu bewogen, ein Instrument zu ergreifen, Musiker zu werden? Ein bestimmter Song, eine Band, ein Familienmitglied?

Als ich das erste Mal das Frenzal Rhomb’s – Meet the Family Album hörte, beschloss ich, Bass zu spielen. Es war das erste Mal, dass ich Slapbass hörte, und ich war gefesselt, ich wollte diesen Sound nachmachen. Der war so funky und aggressiv. Ich mochte diese höhen weinerlichen Töne einer Gitarre nie so wirklich, als ich kleiner war, also war der Bass wirklich mein Ding. Ich wollte eigentlich Drums spielen, aber meine Mutter meinte, dass es zu laut wäre für die Nachbarn. Also war Bass meine zweite Wahl, und sie kaufte mir einen billigen Bass zu meinem 15. Geburtstag. Ich spiele nun Bass, Gitarre und Drums.

Ihr hattet einige Headliner-Clubshows in den USA, extrem kurzfristig, da COF Visaprobleme hatten – wie habt ihr das hingekriegt, und was war los bei diesen Gigs?

Als COF Visa-Probleme hatten, waren wir nicht sicher, ob aus dieser Tour was wird oder nicht. Und wir hatten eine Nacht, um uns zu entscheiden, ob wir das Flugzeug nehmen oder nicht. Da die Flüge bereits bezahlt waren, bissen wir in den sauren Apfel und flogen los. Wir stellten uns vor, dass das Schlimmste, was uns passieren könnte, eben ein längerer US-Urlaub wäre, und dass wir ein paar Shows spielen könnten, falls die Visa-Probleme komplizierter sein sollten. Wir fanden dann heraus, dass die Probleme gelöst werden und COF uns eine Woche später treffen konnten. Also war es die Zusammenarbeit von örtlichen Promotern und Tim, um in der Zwischenzeit einige Headlinershows zusammenzustellen, ehe wir COF trafen. Die Gigs waren toll! So viele engagierte Fans kamen und jubelten uns zu. Wir hätten in diesem kurzen Zeitraum nicht mehr verlangen können. Es war ein gutes Zeichen für zukünftige Tourneen, wenn wir zurückkehren.

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Es ist auch schon eine Weile her, seit ihr das sensationelle ”Portal of I” Album und den ebenso sensationellen Nachfolger Citadel veröffentlicht habt – kommt bald ein neues Album? Wenn ja, was können die Fans erwarten? Welche Themen werden in das neue Songmaterial eingebunden sein?

Wir arbeiten ständig an neuem Material. Mit 6 talentierten Mitgliedern gibt es keinen Mangel an Ideen im NeO Camp. Ich komponiere die ganze Zeit und hab eine Menge Riffs im Hinterstübchen. Wir schreiben nicht so viel auf Tour, aber sobald die Tour gelaufen ist, werden wir uns wieder in den Proberaum begeben und diese Riffs und Ideen ausschmücken. Wir haben das Skelett von 2 Songs in Arbeit. Ich freue mich schon darauf, daran weiterarbeiten zu können. Fans können den gewohnten NeO Sound erwarten. Extreme Drums. Bass Tapping. Soli-Shredding. Komplexe Melodien und jede Menge Dynamics.

Neben veränderten und möglicherweise schwierigeren Umständen, an einem neuen Album arbeiten zu können, fühlt ihr nun mehr Druck, um Erwartungen seitens der Fans / des Labels zu erfüllen?

In gewisser Hinsicht ja. Es gibt immer einen gewissen persönlichen Druck, um ein besseres Album zu machen, das den Fans gefällt. Niemand mag schlechte Reviews. Aber grundsätzlich schreiben wir die Musik für uns selbst, nicht für andere Leute. Also wenn wir uns selbst treu bleiben, wie wir es immer gewesen sind, und Musik vom Herzen schreiben, dann wissen wir, dass wir unser Bestes gaben und hoffentlich werden dann die Fans genauso mit dem neuen Material zufrieden sein wie mit dem alten.

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Da ihr ja nun viel unterwegs seid – was ist daran am schwierigsten für dich, die Distanz zu Familie/dem Schatz, dem Job (den du ja entweder aufgeben oder irgendwie als Freelancing oder via Web aufrecht erhalten musst), der Mangel an Gelegenheit zu proben und Neues aufzunehmen (ausser A-cappella-Songs oder via Handy App)? Das dauernd-im-Bus-mit-denselben-Typen, und das für Wochen, Monate? Abgesehen von mangelnden sanitären Annehmlichkeiten, die ja jeder Reisende kennt?

Der schlimmste Aspekt für mich ist da so ziemlich alles (LOL). Ich vermisse meine Freundin und meinen Hund, ich vermisse meine Gitarren und mein Aufnahmestudio, meinen Computer, mein grosses Bett, saubere Kleidung, gutes hausgemachtes Essen und mein örtliches Fitnessstudio. Du musst das alles zurücklassen und wortwörtlich aus einem Koffer leben, 30cm von deinen Bandkollegen entfernt, und das für 7 Wochen. Das ist nicht einfach und das kann dich physisch und mental fertigmachen. Du musst lernen, dich anzupassen. Duschen mit Erfrischungstüchern. Billiges Fast-Food. Mikrowellenfrass. Öffentliche Wifi Hotspots, um mit den Lieben in Kontakt zu bleiben, etc. Aber dann auf der Bühne stehen und dann die Reaktionen der Fans sehen, lässt all die Mühen verschwinden. All das ist es wert für diese 30+ Minuten auf der Bühne. Und die Welt zu sehen ist jedermanns Traum, und ich lebe diesen Traum und bin dankbar dafür. Und ich weiss, dass all die Dinge, die ich so vermisse, zu Hause auf mich warten.

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Welche Opfer musste jeder von euch bringen, um dorthin zu gelangen, wo ihr nun seid? Welche Jobs müsst ihr noch jonglieren, um euch über Wasser zu halten? Oder hat jemand von euch schon das Glück, von der Musik leben zu können?

Die Liste der Opfer ist endlos. Matt hat gerade den 2. Geburtstag seines Sohnes verpasst. Ich verpasste unser 3-Jahr-Jubiläum. Wir sind alle arbeitslos. Wir haben keine Jobs, zu denen wir zurückkehren können. Ich unterrichte Bass und Gitarre so nebenbei, um mich über Wasser zu halten, aber ich habe seit 2 Jahren keinen echten festen Job gehabt. Gelegenheitsjobs hie und da. Es macht keinen Sinn, sowas wie eine Karriere aufzubauen und dann deinem Boss zu sagen ”ich muss jetzt 5 Monate frei haben in diesem Jahr für ne Tour”. Das klappt nicht. Keiner von uns verdient Geld bisher. Aber wir verlieren auch nicht viel Geld. Es läuft immer besser mit jeder Tour. Ich glaube, ab dem nächten Album werden wir alle einen kleinen Profit machen, den wir mit nach Hause nehmen können.

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Ich folge euch ja via Facebook und wenn ich bedenke, was die Leute nach dem Gig in Helsinki sagten, scheint es so, dass ihr bisher jeden beeindruckt habt, der euch live gesehen hat – aber kam es schon mal`bei Supportgigs vor, dass euch die Leute hassten und so schnell wie möglich wieder von der Bühne wollten?

Ich kann ehrlich sagen, dass wir niemals ausgebuht, angebrüllt oder mit Tomaten beworfen wurden. Ich glaube, wenn du die Musik nicht magst, dann gehst du eben eher an die Bar, oder kommst später, um die Band zu sehen, auf die du wirklich heiss bist. Ich hatte da mal einen Fan, der meinte ”ich hasste die Geige, aber der Rest von euch war super”, und dann hat er ein Shirt und eine CD gekauft, Haha.

Was waren die grössten Schwierigkeiten auf Reisen durch fremde Länder und Kontinente – persönlich (z.b. Essen, lokale Gepflogenheiten) und für die Band (Bühne, Technikkram)? Oder war es die Reise an sich?

Die grössten Schwierigkeiten sind da wohl mit Gesundheit und technischen Problemen verbunden. Nichts Schlimmes, aber ich kriegte eine Augeninfekton in Europa und der Arzt kostete gleich 300e. In Australien wäre es gratis, und 5e für die Medikamente. Und Troy, unser Soundtechniker, klemmte sich den Finger in der Bustür ein. Sah schlimm aus, aber nicht schlimm genug, um einen Arzt aufzusuchen, also ein Pflaster drüber und irgenwie wegstecken. Es gibt auf der Bühne oft kleinere technische Probleme, aber wir denken da schnell mit und haben das fix im Griff. Kaputte Kabel, schlechte Funkverbindung, gerissene Saiten, kaputte Kontakte etc. Aber das lässt uns nie davon abbringen, eine gute Show zu liefern.

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Brüssel, Paris etc – inwieweit beeinflussen diese Terrorakte eure Einstellung zu eurer Berufung, eurer Leidenschaft. Ich meine, hattet ihr jemals sowas wie ”Angst vor nem Idioten im Publikum”?

Die Ereignisse in Paris passierten eine Woche, nach dem wir da gespielt hatten. Und der COF Merchandiser hatte einen Freund, der bei dem Massaker umkam. Also war das für uns alle eine sehr emotionelle Angelegenheit. Und alles was ich denken konnte war ”das hätte jedem von uns passieren können”. Wir spielten unlängst in jener Stadt, in welcher Dimebag auf der Bühne erschossen wurde, und dieselben Gedanken schossen mir durch den Kopf. Wir können nicht wissen, wann unsere Zeit abgelaufen ist. Du kannst nur positiv bleiben und jeden Tag so geniessen, wie er kommt. Wir können auch dafür danken, dass wir jeden Tag mit Positivität von Seiten unserer Fans überschüttet werden.

Weisst du schon was über die Zukunft, also Shows in Europa?

Wir planen, später in diesem Jahr nach Europa zurückzukommen. Wir sind da an ein paar Sachen dran. Kann noch nichts sagen, aber es sieht vielversprechend aus. (Die Katze ist aus dem Sack – die Band wird mit Enslaved touren! Anm.d.Red.)

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Als ihr damals 2003 angefangen habt, welcher Traum von damals hat sich erfüllt, und was fühlt sich weit weg, unerreichbar an?

Als ich damals anfing, wollte ich nur ein Album aufnehmen und ein paar Shows im Ort spielen. Ich hätte nie gedacht, dass ich 10 Jahre später auf der ganzen Welt unterwegs sein würde, mit 5 Veröffentlichungen. Das hat sich auf alle Fälle erfüllt. Jede Menge Geld verdienen und ausverkaufte Stadien sind noch immer in unerreichbarer Ferne.Aber wir werden nciht aufhören, es zu versuchen. Das ist auch nicht der Grund, warum wir tun was wir tun. Aber es wäre schön, den finanziellen Druck los zu sein. Es ist schon lange her, dass ich Ersparnisse auf meinem Konto hatte. Und mit fast 30 ist das ein bisschen sorgenerregend.

Welcher ist das nervigste Australien-Klischee, das euch begegnete, als ihr Leute in verschiedenen Ländern traft (abgesehen von dem Plüsch-Koala, mit dem ihr für mich posieren musstet)?

WAs ständig gefragt wird und nervt, ist das Klischee ”habt ihr überall Schlangen und Kängurus, die bei euch durchs Haus rennen?” Oder ”Gibt es echt Drop Bears?” (die australische Version vom Wolpertinger, Anm.d.Red) Da muss ich antworten, dass ich ausserhalb eines Zoos noch nie nicht mal eine Schlange gesehen habe. Der Manager vom McDonalds in Philadelphia fragte mich, ob wir echt auch Strassen und Autos haben in Australien? Sie dachte wohl, da gibt es nichts ausser nackter Wüste…

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Was ist das Abartigste an Kulturschock, das euch untergekommen ist (abgesehen davon, zum ersten Mal Schnee zu sehen, als ihr in Finnland wart)? Welches Klischee hat sich als völlig real / völlig falsch erwiesen?

Das Abartigste passierte wohl in den Armenvierteln in China. Die haben da einige verrückte Sachen am laufen. Ratten und Käfer am Grill, und mti dem Strassenverkehr kommen die gar nicht zurecht. Ich hatte immer die Augen zu im Taxi. Das löst Panikattacken aus, wenn Autos bis auf 5cm vor dem Crash an dich rankommen. Ich sah, wie ein Mann von seinem Motorrad gestossen wurde. Ich bin ziemlich sicher, dass er tot war, und anstatt dass da jemand versuchte zu helfen, wurde er angehupt, dass er die Strasse freimachen soll! Eine Leiche anzuhupen war definitv das Abartigste, was ich gesehen hab. Und wenn es um Klischees geht, Texas war die Krönung. BBQ Grill, Cowboyhüte und $200 Gewehre. Es war toll, haha. Mir gefiel es in Texas.

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Hat sich was für euch verändert zu Hause, ich meine, sehen euch die Leute nun anders, nachdem ihr ja die ”berühmte Band, die mit COF tourte” seid?

Bei jeder Tour, glaube ich, denken die Leute, wir hätten ”es geschafft”, oder als ”Rockstars”. Wir sind von beidem weit entfernt. Wir erzielten einigen Bekanntheitsgrad nach unserer Crowdfunding-Aktion und durch den Auftritt beim letzten Soundwave Festival. Alles was wir tun, bringt uns mehr Fans und erweitert die Fanbasis. Es ist eine Reise und du musst die Räder weiter am Laufen halten.

Abschliessend: Die Erfindung/Innovation, die euch zu eurem Glück noch fehlt – und warum?

Teleportation – damit ich nicht 24 Stunden in einem rumpelnden Bus sitzen muss, um nach Kanada zu kommen. Das wäre toll.

Mehr über die Band

photos: K. Weber, Band

* LET’S EMPOWER THE PEOPLE
The music industry is changing and we need to change with it. We have inherited a broken system that is no longer what it once was, yet has not found a definitive new way forward. A system where only the biggest of the big bands are able to make a living and the rest of us sacrifice our whole lives and risk financial ruin every step of the way. So where to from here? Well, we want to create an interactive fan experience unlike any band that has come before us.

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Klaudia Weber

Klaudia Weber

Rücksichts- und gnadenlose Diktatorin, kniet vor mir! Anders gesagt: Chefredakteurin, Übersetzerin, Webseiten- und Anzeigenverwaltung, also "Mädchen für alles" - - - Schwerstens abhängig von Büchern (so ziemlich alles zwischen Herr der Ringe und Quantenphysik) und Musik, besonders von Metal finnischer Prägung. Weiters Malen, Zeichnen, Film, Theater... also könnt ihr mit einer vielseitigen Website rechnen.

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