Amorphis – Finlandia-klubi, Lahti 9.10.2015

Schon eine Weile – um präzise zu sein, fast genau ein Jahr – ist es her, dass seit Amorphis zuletzt finnische Clubs beglückten. In der Zwischenzeit war die Band freilich nicht faul, sondern hielt sich mit den Tales From The Thousand Lakes-Jubiläumsgigs fit und widmete sich insbesondere der Entstehung des neuen Albums. Das unter der Leitung des Meisterproduzenten Jens Bogren aufgenommene Under The Red Cloud beeindruckte mich bereits beim ersten Hördurchgang zutiefst und hat auch nach einem Monat ziemlich zahlreicher Spins nichts von seiner Faszination verloren. Nach den vielvesprechenden Berichten von Bekannten, die Amorphis im September auf der Radio-Rock-Kreuzfahrt und beim JaloTuska-Minifestival in Oulu gesehen hatten, war ich erst recht gespannt auf die Show in Lahti.
Wir kamen früh an und hatten reichlich Zeit, das Merch-Angebot zu begutachten (nach all den Jahren endlich ein Girlie-Longsleeve – halleluja, nehmt mein Geld!) und unsere Kehlen zu befeuchten. Die Bar hielt ein besonderes Leckerli bereit: Ale From The Thousand Lakes, ein frisch-herbes Pale Ale von Maku, einer Kleinbrauerei von Tuusula in der Nähe von Helsinki. Mal was anderes als das übliche Nullachtfuffzehn-Lager, und von dem stilvollen Label zeigte sich sogar meine Freundin angetan, die eigentlich kein Bier mag.

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Einen Anheizer gab es nicht, und Amorphis legten direkt mit dem Titeltrack der neuen Scheibe los. Dieser Nummer, deren vielseitige Elemente direkt einen guten Eindruck davon verschaffen, was auf dem Album so alles abgeht, folgte „Sacrifice“ – zweifellos die radiofreundlichste unter den Neuheiten, aber aufgemotzt durch ein rasantes Gitarrensolo. Vom Gesang her spektakulärer war dafür das nächste Stück „Bad Blood“. Tomi Joutsens Haare waren vielleicht schon mal beeindruckender, aber seine Stimme mit Sicherheit noch nie – was sowohl für den Clean-Bereich gilt als auch für die Growls.

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Nach den drei neuen Songs zog die Band erstmal ein paar ältere Hits aus dem Hut, darunter der einzige Tales-Song des Abends, „Drowned Maid“, von beiden Tomis im Duett gesungen. Koivusaari hatte zwar auch bei den eingangs erwähnten Jubiläumsshows ein paar Grunzer beigesteuert, aber ich war davon ausgegangen, dass dies dem nostalgischen Anlass zu verdanken gewesen war, und hätte keinesfalls auf einem regulären Gig damit gerechnet. Erst recht überrascht war ich, als er dann auch bei einem der neuen Songs ans Mikro ging, namentlich „The Four Wise Ones“.

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Dieser Megakracher, der ganz ohne Cleangesang auskommt, ist eine von Joutsens beeindruckendsten Leistungen auf dem Album, und ergänzt um die Stimmen von Koivusaari und Bassist Niclas Etelävuori knallte er erst recht in Fresse. Kurz zuvor hatte sich Joutsen noch darüber amüsiert gezeigt, dass es sich bei der Truppe auf der Bühne um Herren mittleren Alters handele, aber es führt Weg an der Tatsache vorbei, dass diese Herrschaften meilenweit besser klingen als einst in ihren Zwanzigern (und ich hab sie auch damals recht oft gesehen).

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Nach diesem Song und „Enemy at the Gates“ (meinem Lieblingstrack von Under The Red Cloud, wenn ich denn unbedingt einen nennen soll), kamen noch einmal ein paar Favoriten von früher. Nach „House Of Sleep“ dankte Joutsen dem Publikum und die Band verließ die Bühne. Sei es, weil das Kleinstadtpublikum nicht laut genug applaudierte, oder einfach aufgrund des verständlichen Durstes, aber es dauerte fast drei Minuten, bis sie zurückkehrte. Dafür wurde das Warten dann aber auch mit drei Zugaben belohnt, einschließlich „Death Of A King“, der ersten Singleauskopplung vom neuen Album. Ich hatte gehofft, dass Esa Holopainen hierfür seine elektrische Sitar mitbringen würde, was nicht der Fall war, aber die Gitarre tat’s natürlich auch. Als die Menge unter Joutsens Anleitung lautstark „death of a king, death of a king…“ skandierte, konnte ich mich einer Gänsehaut nicht ganz erwehren. Einer der stärksten Momente eines Gigs, der im Grunde genommen von vorne bis hinten eine einzige Machtdemonstration war.

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Fotos: Tina Solda – Mehr Bilder gibt’s hier!

Contributors

Tina Solda

Tina Solda

tina@stalker-magazine.rocks - Konzert- und Festivalberichte, Fotos, Interviews - - - Bevorzugte Musikrichtungen: melancholischer Death-, unkonventioneller Black-, melodischer Doom-, dramatischer Folk- und intelligenter Paganmetal (Schwerpunktregionen: Island, Finnland & Norwegen) - - - Sonstige Interessen: Gitarre, Bücher, Bier, Kino, Katzen.

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