Interview: The Vintage Caravan

The Vintage Caravan sind ein junges Psychedelic-Rock-Trio aus Island, das seit zwei Jahren bei Nuclear Blast unter Vertrag ist und sich, unter anderem dank mitreißender Auftritte bei großen europäischen Festivals von Wacken bis Roadburn, stetig wachsender Popularität erfreut. Die Band veröffentlichte dieses Jahr ihr drittes Album Arrival und ist derzeit mit den schwedischen Veteranen Europe unterwegs. Auf dem Plan stand dabei auch ihr erster Besuch in Finnland mit je einem Gig in Tampere und Helsinki. Vor letzterem hatte ich Gelegenheit zu einem Interview mit Sänger, Gitarrist und Songwriter Óskar Logi Ágústsson, der die Band im Jahr 2006 gründete. Auch Bassist Alexander Örn Númason kam zwischenzeitlich hinzu und steuerte ein paar Kommentare bei.

Wie lief die Show in Tampere gestern?
Voll gut! Wir waren ziemlich überrascht – die Leute von der Venue erzählte uns, dass sie noch nie eine solche Reaktion bei einer Warm-up-Band erlebt hatten. Sie sagten, dass Anheizer in Finnland normal nicht zu einer Zugabe aufgefordert werden. Aber das Publikum war ziemlich wild!

Und, habt ihr eine Zugabe gespielt?
Jau, das war fantastisch! Die Leute wirkten unheimlich nett und aufgeschlossen.

Super! Ich hatte schon so meine Sorgen, was da für ein Publikum aufkreuzen wurde, denn der Hauptact Europe ist ja doch eine ganz andere Generation…
Stimmt, aber die Musik, die wir spielen, ist in gewissem Sinne gut zehn oder fünfzehn Jahre älter als Europe. Wir spielen die Art von Musik, mit der die Jungs von Europe aufwuchsen! Das ist ziemlich lustig, denn ich bin etwa dreißig Jahre jünger als die.

Als ihr angefangen habt, warst du… zwölf?
Ich startete die Band, als ich zehn oder elf war.

Wie kommt ein kleiner Junge aus einem Vorort von Reykjavík an Musik, die ungefähr vierzig Jahre früher angesagt war?
Gute Frage – ich meine, es hätte mit ein paar Filmen angefangen. Ich erinnere mich, wie ich Almost Famous gesehen hab, der kam glaub’ich 2003 raus, und School of Rock und noch ein paar andere. In denen kam eine Menge Oldschool-Rock vor, und hatte das Gefühl, okay – cool! Besonders School Of Rock – ich erinnere mich noch daran, wie ich dachte: wenn die das machen, kann ich vielleicht auch ein Instrument spielen. Daheim stand eine Gitarre rum, die schnappte ich mir und fing an, herumzuprobieren. Mein Vater zeigte mir Led Zeppelin, und damit war die Sache klar.

Dein Dad muss ziemlich cool sein!
Yeah! Bei uns lief oft Fleetwood Mac und Eric Clapton, wir hatten eine gute Musikszene zuhause.

Hast du Geschwister?
Ja, ich bin bei weitem der jüngste. Ich habe zwei Brüder und eine Schwester, aber alle mindestens zehn Jahre älter als ich. Ich war ein bisschen spät dran.

Kommen wir zu eurer Band – ihr habt das neue Album noch mit Guðjón [Reynisson, Schlagzeug] aufgenommen, aber dann stieg er aus, sobald es veröffentlicht war. Was war da los?
Im Grunde hatte Guðjón einfach keinen Bock mehr aufs Touren. Er spielte immer noch gerne live, aber irgendwie war ihm der Funken dazu abhanden gekommen, regelmäßig proben und sich verbessern zu wollen. Wobei ich finde, dass er auf die richtige Art gehandelt hat. Er hatte die Sache schon ein paar Monate vorher beschlossen, sagte aber nichts, und wir gingen in Ruhe hin und nahmen das Album auf. Wir spielten drei Shows, aber danach hatten wir zwei Monate Pause und er rückte sofort damit raus. Es war ein Schock, vor allem für mich, denn ich hatte mit ihm zusammen gespielt, seit ich 11 Jahre alt war. Aber er ist nach Akureyri gezogen, um zu studieren… was war’s doch gleich…
Alex: Fischereiwirtschaft.
Óskar: … Fischereiwirtschaft!

Naja, das sollte zumindest noch eine Weile Zukunft haben…
Klar – solange es noch Fische gibt, hat Guðjón allemal Erfolg.

Jedenfalls ist es tröstlich zu sehen, dass es einer isländischen Band gelingt, den Drummer zu wechseln, ohne dass es gleich in ein Drama ausartet!
Aber hallo! [beide lachen] Das [mit Sólstafir] passierte genau zur selben Zeit, und ich erinnere mich, wie tierisch dankbar ich war, dass das bei uns doch alles sehr brüderlich und zivil vor sich ging.

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Óskar & Alex vor dem Gig in Helsinki

Wo habt ihr Stefán aufgetrieben?
Ich und Stefán hatten eine Art Jam-Clique, wir hatten ein paar Sessions zusammen mit noch ein paar Jungs. Die anderen waren alle aus der Metalszene. Stefán war in ein paar ziemlich extremen Bands, zum Beispiel Gone Postal, die mittlerweile Shrine heißen, und Munnriður. Ich wusste, dass er ein toller Schlagzeuger ist und so ziemlich alles zu spielen kann, also fragten wir ihn einfach. Gar nicht so einfach, jemanden zu finden, der in erster Linie ein geiler Drummer und ein netter Typ ist, aber eben auch bereit, so ziemlich alles andere hinter sich zu lassen.

Als ich euch das letzte Mal live gesehen habe, war Magnús [Ragnarsson, Keyboards] von Electric Elephant mit dabei, der auch auf dem neuen Album mitspielt. Habt ihr jemals überlegt, mehr Leute in die Band zu holen?
Überlegt schon, sicher, aber ich denke, dass es in unserer derzeitigen Phase ziemlich wichtig ist, erstmal zu dritt zu bleiben, denn wir sind wirklich sehr tight, was die Musik angeht. Was die Zukunft angeht, würde ich nicht „nie“ sagen, aber ich denke, zu dritt sind wir auf dem richtigen Weg.

Ihr seid ein klassisches Rock-Powertrio, während Island im Allgemeinen eher für Black Metal auf der einen Seite und Hipsterkram auf der anderen bekannt ist. Wie reagierte die Szene in Reykjavík in den Anfangstagen auf euch?
Ich glaube, wir waren die einzige Band [dieser Art] – wir sind immer noch die einzige, die genau diesen Stil bringt, aber nachdem wir angefangen hatten, kamen noch ein paar mit ähnlichem Sound dazu. Als wir loslegten, gab es eigentlich keine großartige Reaktion. Aber wir versuchten es einfach. Wir machten bei einem Bandwettbewerb namens Músíktilraunir mit, wo wir am Ende auf dem dritten Platz landen und ich zum besten Gitarristen des Festivals gewählt wurde, das war 2009. Danach spielten wir praktisch jedes Wochenende, bis 2013 nur in Island und danach auch im Ausland.

Das erste Album…
Oh, The Very Best Of Kiss, ich glaube, das war das erste Album, das ich gekauft hab, das Drum-Intro von „Deuce“ war einfach nur geil!

…wobei ich jetzt eigentlich auf das erste Album zu sprechen kommen wollte, das ihr selber damals aufgenommen habt. Ich hab es leider nirgends gefunden, nichtmal im Internet!
Ah, sorry, yeah! Stimmt, das ist auch eigentlich nirgendwo mehr zu finden, aber wir haben tatsächlich ein paar dabei, die wir heute abend verkaufen. Wir haben ein paar Stück übrig, die ich kürzlich bei mir gefunden hab. Das Album haben wir aufgenommen, als ich vierzehn, fünfzehn war – zum Teil ist da ziemlich gutes Zeug drauf, aber lange Zeit konnte ich’s mir nicht anhören. Es wurde 2009 oder so aufgenommen, aber erst 2011 veröffentlicht, weil vorher wir nicht das Geld dazu hatten. Die Auflage war 1000 Exemplare – offentlich hat sie sich gut verkauft, denn es sind nur noch eine Handvoll Scheiben übrig. Und viele Leute haben uns nach diesem Album gefragt, vor allem diesen Sommer, sodass wir vielleicht mal ein Re-Release herausbringen werden, als limitierte Vinylversion oder so.

In diesem Sommer habt ihr der isländischen Progrock-Tradition gezollt, indem ihr das komplette Trúbrot-Album …Lifun [1971] live gespielt habt, zusammen mit Magnús von Trúbrot und diversen anderen Gästen. Ich war da und es war sehr genial – war das eine einmalige Aktion oder habt ihr mehrere Shows von der Sorte gespielt?
Wir spielten nur diese eine Show, und es war eine sehr, sehr persönliche und tiefgehende Erfahrung für mich. Das ist eines meiner Lieblingsalben aller Zeiten, und wir spielten es zusammen mit dem Mann, der es geschrieben hat.

Er muss eine ziemliche Legende sein…
Ja, und dabei einer der coolsten Typen, mit denen ich je zusammengearbeitet habe. Er hat jedes Mal zwischen den Songs Storys von früher erzählt!

Wie kam es zu dem Gig?
Ich wollte das unbedingt, es war immer ein Traum von mir, dieses Album zu spielen. Ich glaube, ich sagte zu unserem isländischen Manager, dass das eine coole Sache wäre, und er ging einfach hin und fragte Magnús Kjartansson. Der war tatsächlich dafür zu haben – und legte eine geniale Show hin!

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The Vintage Caravan mit Magnús Kjartansson und Gästen, Eistnaflug 2015 – mehr Fotos hier

Bei selbiger Gelegenheit [Eistnaflug in Neskaupstaður, Ost-Island] habt ihr auch einen Extragig ohne Altersbeschränkung gespielt, bevor das eigentliche Festival losging, das nur für Erwachsene war. Mich erinnerte das an ein Interview im Frühjahr, wo Alex sagte, dass Kids in Island nicht mehr daran interessiert wären, Bands zu gründen. Ist die Heranführung des Nachwuchses an den Rock’n’Roll Bestandteil eurer Mission?
Alex: Ich glaub‘, ich bezog mich auf die Zeit, als wir selber Kids waren. Schon damals waren die Leute in unserem Alter nicht mehr großartig an Bands interessiert, aber heutzutage ist es wirklich völlig tot.
Óskar: Ich hoffe, das ändert sich…
Alex: Das hoffe ich auch, aber du weißt ja, vor zwanzig Jahren wollte jeder eine Band zu gründen, und jetzt sind die Jugendlichen viel mehr daran interessiert, eine Mbox an den Computer zu hängen und mit FruitLoops oder was auch immer zu basteln.
Óskar: Aber es waren durchaus viele Kiddies bei unserer Show, und ich fand es superschön, dort ganze Gruppen von Kindern in Sólstafir- und Skálmöld-Shirts zu sehen. Das Eistnaflug-Festival ist definitiv eine feine Sache!

Reden wir ein wenig über die visuelle Seite – eure Albumcover sind ziemlich cool und die Videos auch. Sind das alles eure eigenen Ideen, oder gebt ihr den Künstlern die Freiheit zu tun, was sie wollen?
Wir liefern immer unseren Input. Für das Voyage-Album hatten wir diese Idee von den Eisbären, die unseren Planwagen durchs All ziehen. Die Cover-Künstlerin, Alex Matus aus San Francisco, setzte das grandios um. Das Cover des neuen Albums stammt von David Paul Seymour, daran haben wir uns weniger beteiligt, aber das Ergebnis war war trotzdem supergut.

Und die Videos?
Die stammen alle von Freunden von uns. Wir haben das Glück, ein paar echte Regietalente im Freundeskreis zu haben, die wirklich geile Videos für uns machen. Das sind schon eher Kurzfilme.

Besteht die Chance, dich selber künftig noch öfters auf der Leinwand zu sehen? [Óskar spielt eine kleine Nebenrolle in Ragnar Bragasons Metalhead (Málmhaus, 2013)]
Ich weiß nicht, kann schon sein! Das kam aus heiterem Himmel, ich wurde per Facebook-Message gefragt, ob ich mit einem der größten Regisseure Islands sprechen wolle. Na gerne doch. Und er fragt: „Okay, du kannst Gitarre spielen?“ – „Ja.“ – „Du hast lange Haare?“ – „Ja.“ – „Weißt du, wie man ein Auto bzw. einen Traktor fährt?“ und ich so, „Jaa.“ – „OK, du hast den Job!“
Die Rolle erforderte keine großartigen schauspielerischen Fähigkeiten, ich musste nichts sagen oder so, sondern einfach nur sterben. Aber es hat Spaß gemacht, und könnte mir künftig auch andere Rollen vorstellen. Was ganz lustig war: einmal auf Tour kam ein Typ an, wir quatschten ein wenig, und er auf eimal: „Ich kenn da so ’nen isländischen Film, der heißt Málmhaus…“ Ich nur so, „jau, da spiel ich mit!“ Aber der Film hat sich wirklich lange gehalten, er startete Anfang 2013 und läuft immer noch gut.

Apropos künstlerische Kollaborationen, wer ist das, der deine Gitarren macht?
Gunnar Örn – ich empfehle allen, seine Facebook- Seite zu besuchen, sie heißt Örn Custom Guitars. Er baut tolle Gitarren, ich habe zwei von ihm mit mir auf Tour. Mir ist es sehr wichtig, ein paar schöne Dinge aus Island um mich haben, quasi ein Stück Heimat. Sie sind absolut cool und klingen fantastisch. Ich habe noch keine andere Gitarre gefunden, die so gut zu mir passt. Ich glaube, Addi von Sólstafir hat auch eine Gitarre von ihm, die Flying V. Und die Jungs von Of Monsters And Men auch, zumindest einer von ihnen.

Bevor die Zeit abläuft, lass uns nochmal auf heute abend zurückkommen – wie ist diese Tour mit Europe zustande gekommen?
Ich glaube, Europe baten [die Booking-Agentur] Rock The Nation darum, Warm-up-Bands vorzuschlagen, und anscheinend fuhren sie auf das ab, was wir machen. Wir sind sehr dankbar dafür, es ist einfach toll! Die Tour ist soweit super gelaufen, es ist genial, mit solchen Legenden zu spielen.

Aber ihr geht dieses Jahr auch noch mit Avatarium auf Tour?
Ja. Wir haben jetzt noch zwei Shows, heute und morgen, dann fliegen wir kurz nach Hause für die offizielle Release-Show von Arrival im Gamla Bíó [in Reykjavík]. Danach haben wir ein paar Headliner-Gigs in England, dann nochmal ein paar zusammen mit Europe und im Anschluss daran die Avatarium-Tour.

Eine Tour zusammen mit einer größeren Band ist ideal, um neue Fans zu erobern, aber auf der anderen Seite weiß ich auch von Leuten, die euch gerne heute Abend gesehen hätten, aber nicht die Kohle für die teuren Europe-Tickets hatten. Besteht die Chance, euch nächstes Jahr mal für eine eigene Clubtour nach Finnland zu kriegen, oder zumindest für ein paar Festivals?
Ich hoffe es! Denke schon, dass wir im nächsten Jahr ein paar Gigs in Finnland spielen werden, das wär jedenfalls toll. Das finnische Publikum geht saugut ab, offenbar mögen uns die Leute hier!

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The Vintage Caravan live in Helsinki, 28.9.2015

Fotos: Tina Solda. Mehr Bilder vom Helsinkier Gig hier.

Tina Solda

Tina Solda

tina@stalker-magazine.rocks - Reports, Reviews, Fotos - - - Bevorzugte Musikrichtungen: Am liebsten sind mir Bands, die sich nicht durch vordefinierte Kategorien einschränken lassen, aber grob verallgemeinert mag ich melancholischen Death-, unkonventionellen Black-, melodischen Doom-, dramatischen Folk- und und intelligenten Paganmetal. Aber auch gerne alten Progrock und Psychedelia, gute Soundtracks & jede Menge mehr... - - - Lieblingsbands: Skálmöld, Amorphis, Barren Earth, Enslaved, Swallow The Sun, Moonsorrow, Insomnium, Omnium Gatherum, Kingston Wall, Pink Floyd, Sólstafir, Naðra, Dynfari, Borknagar, Primordial, Einherjer, Opeth... - - - Sonstige Interessen: Gitarre, Bücher, Bier, Kino, Natur und Katzen.

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