Embassy Of Silence – Verisimilitude

Inverse Records, 28.8.2015

Lass es etwa acht Jahre her sein, in der hintesten Ecke einer längst nicht mehr existierenden Kneipe. Obendrein waren sie nur der Anheizer. Und dennoch ich erinnere mich noch heute an den ersten Gig von Embassy Of Silence, dermaßen beeindruckt war ich von der Dame am Mikro. Hinzu kam, dass die charismatische Stimme von Ines Lukkanen eingebettet war in erfrischend unorthodoxes Songmaterial. Angemessen zur Geltung kam dies freilich erst ein oder zwei Jahre später auf dem spannenden, auch heute noch faszinierenden Debütalbum. Jeder Song auf Euphorialight war wie ein kleiner Film, mit anspruchsvollen Texten und abenteuerlichen musikalischen Wendungen. Eine Hommage an die cinematischen Einflüsse war auch Lukkanens Erscheinen auf dem als Pulp-Fiction-Plakat gestalteten Cover des führenden finnischen Metal-Magazins zum Zeitpunkt des zweiten Albums, wobei selbiges jedoch leider nicht mehr ganz die Höhen des ersten erreichte.

Jetzt melden sich Embassy Of Silence mit Verisimilitude zurück, und wenn ich ganz ehrlich sein soll, provozierten die ersten Takte bei mir die Frage, was zum Teufel. Ja klar, Abba sind Legenden und haben allen Respekt verdient, auf einem Embassy-Album haben sie deswegen noch lange nichts zu suchen. Punkte für den Humor der Band, aber als Song gibt mir „Shame, Spin & Click“ leider nicht viel. „Thimble“ bietet dafür glücklicherweise wieder einiges von der mystischen Schönheit, die ich von dieser Band kenne, vor allem in den langsamen Passagen. „Absurdoscope“ kann direkt richtig was, Problem ist nur die Studiowitzelei am Ende. Nervt direkt beim ersten Hören und bei jedem weiteren Durchgang stärker, obendrein ausgerechnet zwischen zwei der besten Nummern auf Verisimilitude. Nach Rauseditieren des Soundschnipsels hatte ich direkt mehr Spaß an dem Album, aber dafür ein schlechtes Gewissen, es steht mir schließlich nicht zu, die künstlerische Vision der Band zu manipulieren. Ganz abgesehen davon, dass ich lieber die eigentliche Platte hören würde als mp3s auf dem Computer. Aber zurück zur Musik – „Moths“ hat ein beachtenswertes Gitarrensolo, klingt aber ansonsten für meinen Geschmack viel zu sehr nach Achtzigerpop-Dutzendware. „Hang Me High“ ist wieder näher am “klassischen” EOB-Stil und die letzten beiden Songs zum Glück auch, sodass letztendlich ein positiver Gesamteindruck bleibt. Trotzdem plätschert das alles ein bisschen zu seicht durch die Gehörgänge. Verisimilitude ist ein durchaus respektabler Nachfolger für Antler Velvet, aber ich warte immer noch auf das Embassy-Album, das die seinerzeit durch Euphorialight geweckten Erwartungen erfüllt. Anstatt wie auf den beiden jüngsten Alben ihre Kanten abzuschleifen, täte es der Band gut, mal wieder etwas gewagtere Pfade zu beschreiten. Der Soundtrack zu einem imaginären Steampunk-Film wäre ein passender Job für Embassy of Silence, und es würde mich noch nicht einmal wundern, wenn dessen Drehbuch bereits in einem Winkel von Lukkanens und Kalliomäkis Phantasie existierte.

www.embassyofsilence.net

Contributors

Tina Solda

Tina Solda

tina@stalker-magazine.rocks - Konzert- und Festivalberichte, Fotos, Interviews - - - Bevorzugte Musikrichtungen: melancholischer Death-, unkonventioneller Black-, melodischer Doom-, dramatischer Folk- und intelligenter Paganmetal (Schwerpunktregionen: Island, Finnland & Norwegen) - - - Sonstige Interessen: Gitarre, Bücher, Bier, Kino, Katzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.