Árstíðir: Ragnar Ólafsson über die 7 Todsünden

Gerade von einer Tour durch Deutschland, die Tschechische Republik und Polen nach Island zurückgekehrt, sind Árstíðir jetzt damit beschäftigt, ihr neues Album aufzunehmen und sich um die Kickstarter Kampagne zu desssen Finanzierung zu kümmern. Zwischen dem Entwerfen neuer Songs und dem Abmischen von Demos nahm sich Pianist Ragnar Ólafsson die Zeit, um für STALKER über die sieben Todsünden zu sinnieren. Ohne weitere Umstände sei ihm das Wort erteilt:

Die Sünden sind besonders interessant, wenn man sie im Kontext eines Musikers auf Tournee betrachtet, da alle Dinge im Leben die Tendenz haben, sich zu verstärken, wenn Du auf Tour unterwegs bist. Und je größer die Tour, desto mehr werden Dinge verstärkt und sind immer weniger verwandt mit dem normalen Leben zu Hause, wo man solche Sünden viel leichter ignorieren kann, mit allen Vor- und Nachteilen. Um es interessant zu machen, werde ich das Thema nur aus der Perspektive eines Musikers auf Tournee betrachten.


Völlerei
Wenn ich zu Hause bin, habe ich strenge Essgewohnheiten und halte mich fern von weißem Weizen, Zucker und rotem Fleisch. Ironischerweise ist das fast das einzige was ich esse, wenn ich auf Tour bin, einfach weil das oft das einzige ist, was verfügbar ist. Wenn wir lange im Tourbus unterwegs sind, müssen wir unsere Ernährung oft mit dem bestreiten, was man so an der Tankstelle bekommt. Manchmal essen wir tagelang nur Sandwiches. Und dann gibt es da noch das Catering an den Veranstaltungsorten, was oft Brot zur Grundlage hat. Dazu kommt: Du weißt nie genau, wann Du das nächste Mal eine Mahlzeit einnehmen kannst, also stopfst Du Dich voll, damit du später keinen Hunger hast.

Falls wir zum Soundcheck zu spät kommen, weil wir irgendwo im Stau standen, entscheide ich mich oft dafür, vor einem Konzert nicht zu essen, weil ich es schwierig finde, mit vollem Magen zu singen. Das bedeutet, dass ich nach einem zweistündigen Konzert am verhungern bin und mir nach der Show Backstage den Bauch vollschlage. Außerdem ist es so, dass Du nach einer guten Show dazu neigst, Dir etwas zu gönnen und vielleicht ein bisschen mehr zu essen, und damit wären wir bei der Völlerei angekommen.

Trägheit
Als Musiker auf Tour kann man sich dieser Sünde absolut nicht schuldig machen. Obwohl wir dabei jede Menge Spaß haben, ist touren nichts als harte Arbeit, Überstunden und eine nicht enden wollende Reihe von Aktivitäten, die viel Energie verbrauchen. Falls Du in der Mitte der Tour einen Tag frei hast, muss Du sich wirklich zwingen, ein wenig träge zu sein, nur um die Akkus wieder aufzuladen und für den Rest der Tour gesund und bei Verstand zu bleiben. Aber um es kurz zu sagen: Wer faul ist und sich entsprechend verhält, wird es in diesem Geschäft nicht weit bringen.


Wollust
Sicher ist das Verlangen nach Geld, Berühmtheit und Sex etwas, dass Menschen antreibt, die eine musikalische Laufbahn einschlagen. Allerdings, verlieren solche Wünsche oft nach einiger Zeit ihre Antriebskraft. Zuerst, weil Dinge wie Erfolg und Reichtum nicht so leicht zu erreichen sind, das heißt, bis Du in den Genuss komm,t hast Du schon so hart dafür gearbeitet, dass es zu diesem Zeitpunkt kein Verlangen mehr ist, sondern nur der faire Lohn für die ehrliche und gute Arbeit, die Du bis dahin investiert hast. Schließlich: Falls Du vorhast, Dich der Musik zu widmen und für Deine Kunst tagein, tagaus für viele viele Jahre zu leben, dann MUSS das tiefer gehen als bloß um Wollust. Es muss darum gehen, durch Deine Kunst eine Verbindung mit anderen Menschen zu schaffen, und das hat mit Wollust nichts zu tun. Das ist rein spirituell.

Zorn
Es ist kein Geheimnis, dass es manchmal schwierig sein kann, in einer Band zu sein. Du investierst so viel Deiner Zeit und Energie in die Band und bist gleichzeitig völlig von den anderen abhängig. Du gehst eine aufwendige und komplizierte Beziehung zu den anderen Bandmitgliedern ein, die mit allen möglichen Erwartungen besudelt ist. Und wenn man sich so nahe steht, dann ist es leicht zu verletzen oder verletzt zu werden. Zorn kommt vor, vor allem am Ende einer langen und anstrengenden Tour. Aber in einer Band zu sein ist eine gute Übung in Gelassenheit, weil Du mit Zorn gar nicht, aber mit Ruhe alles erreichen kannst. Im allgemeinen sind diejenigen Bands, die lange zusammen bleiben, lange genug, um gemeinsam Meisterwerke zu erschaffen, Bands, die es schaffen, ihre Streitigkeiten beizulegen.


Neid
Diesen Punkt würde ich gerne aus einem entgegengesetzten Blickwinkel betrachten: der Neid, der sich gegen mich als Musiker und gegen uns als Band richtet. Wenn wir auf Tour unterwegs sind, begegnen wir vielen verschiedenen Menschen. Die meisten Menschen sind und gegenüber freundlich, anerkennend und unterstützend. Sie mögen unsere Musik und glauben, dass wir das, was wir ernten auch verdient haben. Aber von Zeit zu Zeit treffen wir Menschen, die sich uns gegenüber merkwürdig verhalten. Offensichtlich projizieren sie komplizierte Gefühle auf uns, die ich oft als Neid erkennen kann. Wenn man uns auf der Bühne sieht, in einer großen Halle, umgeben von uns bewundernden Zuschauern, dann kann man vielleicht den Eindruck bekommen, das sei alles „Geld für nichts und die Frauen für lau“ (wie es so schön in dem Dire Straits Song gesagt wird), aber das ist weit von der Wahrheit entfernt. Eine Person, die das glaubt, wird nicht begreifen, dass es endlose Stunden des Schreibens, Komponierens, Probens, Aufnehmens und Tourens waren, die uns an diesen Punkt gebracht haben. So eine Person wird nicht berücksichtigen, dass wir über fünf Jahre lang unnachgiebig und ohne Bezahlung gearbeitet haben, nur von Leidenschaft getrieben. Trotzdem kommen solche Menschen manchmal auf uns zu, meistens betrunken, und erklären uns dann abschätzend, wie sehr sie unseren Erfolg verachten.

Geiz/Habgier
Angewandt auf das „auf Tour“ Szenarium gibt es wenig Platz für Habgier. Wenn Du ständig in Bewegung bist ist es schwierig, Verwendung für – oder gar Verlangen nach – materiellem Reichtum zu haben. Die Dinge, die man sich im Überschuss wünschen kann, sind: 1. Ein bisschen mehr Beinfreiheit im Tourbus. Vielleicht auch einen Tourbus mit Betten drin. Da wir jedoch den Bus aus unserer eigenen Tasche bezahlen, wählen wir meist die billigere Alternative. 2. Ein wenig schönere Hotelzimmer mit ein wenig bequemeren Betten. Aber da die Unterkunft meinst vom Veranstaltungsort gestellt wird und die Bezahlung dafür oft von unserer Gage abgezogen wird (das heißt: je besser die Unterkunft, desto weniger Gage), können wir nur hoffen, ab und zu mal ein Einzelzimmer und ein bisschen mehr Privatsphäre zu bekommen.


Eitelkeit / Stolz
Wenn Du unterwegs auf Tour bist und jeden Tag von Menschen empfangen wirst, die glauben, dass wer Du bist und was Du tust großartig ist, dann ist es leicht, auch selber zu glauben, Du seist großartig. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass diese als die tödlichste Sünde angesehen wird. Je mehr Du Dich da hineinsteigerst, desto tiefer ist der Fall. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass alle Musiker diese Sünde irgendwann in ihrer Karriere schon einmal begangen haben. Allerdings glaube ich fest daran, dass es für Musiker gut ist, ab und zu über die Fallstricke der Eitelkeit zu stolpern, damit sie am Ende ein wenig bescheidener werden. Mir ist es auf jeden Fall so ergangen.

www.arstidir.com

Autor: + photos Stefanie Oepen

GastmitarbeiterInnen / guest contributions

Reguläre GastmitarbeiterInnen u.a. Grit Kabiersch, Maria Levin, Nina Ratavaara, Elvira Visser, John Wisniewski

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