7 TodsündenArchivInterviews

Lord of the Lost und die 7 Todsünden

Die Live-Show von Lord of the Lost verkörpert SÜNDE, und zwar total. Wollüstige, heiße Körper, befleckt mit schwarzem Fett, es gibt leidenschaftliche Wut und Tatendrang, und es macht dich habsüchtig und unersättlich. Egal wieviel Zeit sie auf der Bühne haben, für dich ist es kaum genug. Also, welche Sünde hat am meisten Kontrolle über die Band? Und welche Sünde würde der Leadsänger überhaupt niemals begehen? Sie sind auf dem Jagd nacht etwas, aber was? Und wie steht es mit Offenheit in der Heavy-Musikindustrie, die an sich in jedem Sinn voller Sünde ist?

Wir haben mit Chris Harms gesprochen, der “Lord” und Frontmann der Band, nach seiner ersten Performance auf einer belgischen Bühne. Wir waren beim ´Coalescaremonium´, eine jährliche Goth-Party in Brüssel (mehr Infos unter www.coalescaremonium.info). Chris ist ganz entspannt und elegant, man konnte nie vermuten, dass er frisch von seiner heißen Show auf der Bühne gekommen ist. Seine Ruhe lässt zwangsläufig fragen, was liegt hinter dem messerscharfen ruhigen Äußeren.


Völlerei
Völlerei? Was bedeutet das eigentlich? Ach ja, weiß ich… einige dieser Wörter kenne ich nur auf Deutsch. Aber diese Sünde kann ich nicht erfassen, weil ich gar nicht dieses Problem habe. Ich esse immer zu viel und bin immer spindeldürr! Es ist wie ein Wunder. Also Völlerei ist für mich keine negative Sache, aber vielleicht wenn ich älter bin, werde ich dick… Das was ich darunter verstehe, ist das unersättliches Gefühl des Hungers für eine Sache. Es ist mehr ein Problem für mich im Bezug auf meine Musik-Karriere. Also, ich sehe nicht Völlerei im Bezug auf Nahrung, sondern auf Musik. Es ist so wie auf dem Jagd nach einen perfektes Lied zu sein, verstehst du? Ich bin süchtig nach guten rockigen Pop-Lieder! Mir gefallen Ohrwürmer. Genau darum geht es hier mit Musik – wir komponieren nicht Musik für Musiker, wir komponieren Musik für Leute, um zu tanzen und sich zu vergnügen, und um Gefühle zu haben: traurige oder glückliche oder was immer. Also hdas ist meine Jagd nach einem perfekten Lied, und ich glaube, dass man das niemals schaffen kann. Es ist ganz schwer, weil wenn man so ein Lied entdeckt, hört man auf. Und diese Jagd ist das, was mich motiviert.


Trägheit
Was ist das, noch mal? Faul zu sein? Nein! Ich bin 100% das Gegenteil. Ich weiß, was es heißt, aber das bin ich nicht. Ich war niemals in meinem Leben faul. Und ich kann Leute nicht verstehen, die faul sind. Ich kann nicht nichts tun, ich muss immer was zu tun haben. Auch wenn ich mich entspanne, denke ich immer über etwas. Ich plane die nächste Schritte, usw. Aber ich kann keinen Tag verschwenden und nichts machen, dann Schlafen gehen…nein, das bin ich nicht. Auch zur Entspannung komponiere ich Lieder, das ist auch eine Art der Entspannung. Und mir gefällt´s auch, Zeit mit meiner Familie zu verbringen, aber wir sind auch gar nicht faul, wir müssen immer was machen!

Wollust
Ja! Das heißt Sex in irgendeiner Form! Wollust ist der Motor der Inspiration für mich. Wollust und alle Fantasien, die damit verbunden sind. Das nährt immer wieder neue Lieder. Liebe ist eine Seite, und dann gibt´s Verzweiflung, und auch Wollust. Also zum Beispiel das Lied „Sex On Legs“ ist sehr Wollust-inspiriert! Diese Lieder sind sowas wie Audio-Photographie einiger Situationen, und ich versuche immer, diese Gefühle in Musik zu erfassen. Ich kann total darin aufgehen! Es hat totale Kontrolle über mich, ich beeinflusse es nicht, es ist genau andersrum


Zorn
Dies ist Wut, oder? Hm…es muss ein guter Grund geben, dass ich wütend in diesem Sinn bin. Ich bin also kein Mensch, der wütend ohne Grund wird. Ich bin sehr ruhig und entlassen. Das erwarten normalerweise keine aber, weil auf der Bühne bin ich ziemlich chaotisch und anders, aber es ist ganz schwer, mich wütend zu machen. Ich habe kein Bedürfnis, Rache an jemandem zu nehmen, wenn jemand mich ein Leid antut. Es lohnt sich nicht, das zu machen. Also Zorn rührt mich nicht sehr. Was macht mich wütend, ist die menschliche Dummheit, wenn Leute so blind sind, dass sie den Sinn verfehlen. Zum Beispiel auf der Straße, es gibt Frauen mit Kinderwagen, und das Kind weint, aber die Frauen reden achtgebenslos. Das verärgert mich! Ich würde dahin gehen und schreien „LIEBE DEINES VERDAMMTE KIND, DAS IST DEIN ZWECK. DU KANNST MIT DIESER TUSSI SPÄTER SPRECHEN!“. Aber ich bin in guter Beherrschung meiner Gefühle, und alles negatives breche ich in der Musik oder auf der Bühne aus. Ich lege mich niemals an, oder schlag jemanden.


Neid
Ach nö…ich bin eifersüchtig, wenn andere Musikern erfolgreich sind, und das nicht verdient hatten. Es gibt so viele Bands in dieser Szene, die 50% oder 100% mit Playback spielen. Ab und zu singen sie nicht selbst im Studio! Ich kenne diese Leute, wir alle kennen einander, aber ich kann nichts hinterrücks sagen, das ist nicht meine Art. Und diese Bands sind erfolgreich, aber verdienen das nicht, und das macht mich eifersüchtig. Wenn jemand ein hohes Ziel erreicht, und ich weiß, dass man ganz hart gearbeitet hattet, dann bin ich nicht eifersüchtig. Ich bin nicht so ein eifersüchtiges Mensch. Ich kenne sehr gut meine Fähigkeiten, und in welcher Popularitätsniveau ich sein könnte, wenn ich spicken würde. Aber dann konnte ich mich nicht im Spiegel anschauen. Ich muss aufrichtig sein. Es ist nicht immer so, aber ich versuche immer aufrichtig zu sein.

Geiz
Gier kommt immer mit Erfolg in irgendeiner Form. Du willst immer mehr und mehr und mehr. Ich bin weniger gierig geworden, als älter geworden bin. Als ich ungefähr 18-20 war, wollte ich immer mehr von allen aus keinen Grund, ich wollte mehr als den anderen. Vielleicht war ich sehr ehrgeizig, aber das hat sich jetzt verändert. Ich bin jetzt 34, ich betrachte Sachen im völlig anderem Licht.


Eitelkeit
Ja, das bin ich! Irgendwie, das bin ich definitiv. Du verstehst, es gibt eine Persona auf der Bühne. Ich bin ganz anders auf der Bühne, ich bin jemand, der sehr eitel ist. Aber wenn du mir jetzt anschaut, es gibt nichts davon hier. Natürlich ist es ein Teil von mir, das ist ein Teil der Band. Meine Persona auf der Bühne ist sehr mit Eitelkeit verbunden, aber im wirklichem Leben – nein. Vielleicht wenn ich keine Chance auf der Bühne gehabt hätte, müsste ich einen anderen Weg, dass zu freizulassen. Auf der Bühne zu sein, ist vielleicht der Grund, weil ich sonst so entspannt bin.

Stalker.cd will vor allem danken Veranstalter Wesley Kuijpers für die Hilfe, dieses Interview zu organisieren.

Autor: Marina Minkler, transl. Mark Brandt, photos: Jolanda Van Velzen

GastmitarbeiterInnen / guest contributions

Reguläre GastmitarbeiterInnen u.a. Melanie Kircher, Tatjana Tattis Murschel, Grit Kabiersch, Marina Minkler, Maria Levin, Jasmine Frey, Nina Ratavaara, Elvira Visser, John Wisniewski

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