ANDRE MATOS: “Ich versuche, den Leuten die Realität vor Augen zu führen”

2013 ist ein besonderes Jahr für Andre Matos. Der Sänger und seine Band können die Veröffentlichung von „The Turn of the Lights“ feiern und zugleich das 20. Jubiläum des Angel Cry Albums, das erste, das Andre mit seiner früheren Band Angra aufgenommen hat. Er beendete gerade seine Tour in Brasilien, wo er Fans mit einem zweiteiligen Programm überraschte: im ersten Teil wurden Songs des neuen Albums und Hits seiner gesamten Karriere (Angra, Viper, die Soloprojekte) gespielt, und danach Angels Cry in voller Länge. Hoffentlich schafft er es mit diesem Set auch nach Europa. Vorher verrät uns Andre etwas mehr zu seinem neuen Album.

Was kannst du uns über den Ursprung und das Design von The Turn Of The Lights erzählen? Die Songs an sich haben etwas Eingängiges und Dynamisches.
Ich wurde sehr besorgt über den momentanen Zustand unserer Welt. Es wurde viel über die apokalyptischen Prophezeiungen geredet, die 2012 hätten stattfinden sollen. Ich persönlich glaube nicht an diese Mystik, aber ich muss eingestehen, dass wir langsam an einen Punkt geraten, an dem es kein Zurück mehr gibt. Entweder die Menschheit lernt, ihre Werte und Gedanken wieder zu schätzen oder wir werden, in nicht all zu entfernter Zukunft, dunklen Zeiten gegenüber stehen.

Das Konzept von The Turn Of The Lights basiert auf einem uralten philosophischen Modell, nachdem die Idee des Lichts dieselbe ist wie die der Erkenntnis. Wenn du Licht ins Dunkle wirfst, bist du fähig, das zu sehen, was eigentlich die gesamte Zeit über da war, aber vorher im Dunklen verborgen, und deshalb hatte man angenommen, dass es nicht existiert. Es beginnt erst zu existieren, wenn man es sehen oder wahrnehmen kann. Dies ist auch der Ursprung des Wortes “Erleuchtung”, was Weisheit, Erkenntnis und Reife bedeutet.

Deshalb ist der Zweck dieses Konzepts, eine globale Selbstanalyse vorzuschlagen. Wir können nicht weiterhin den Planten zerstören, wie wir es die letzten zwei Jahrhunderten gemacht haben. Wir können unser Leben nicht einfach auf den Weltmarkt aufbauen, wo man sich genötigt sieht, Unmengen zu konsumieren. Wir können die gesellschaftlichen Probleme nicht lösen, indem wir imaginäre Grenzen (oder auch reale) zwischen allen Rassen und Nationen ziehen. Das wird auf lange Sicht nicht funktionieren. Mein bescheidener Beitrag als Musiker ist es, wenn es mir erlaubt sei, zu versuchen, den Leuten die Realität vor Augen (und Ohren) zu führen. Die Welt ist mit schnellen Veränderungen konfrontiert, und wir können alles 1:1 mitverfolgen. Also wird es Zeit nachzudenken, was wir tun sollen. Einfach die Arme verschränken? Versuchen noch reicher und mächtiger zu werden – damit wenigstens unsere eigenen Häuser und Familien verschont bleiben und sicher sind? Illusionen.

Du fragst dich vielleicht, was das mit Metal Musik zutun hat. Ich sage es dir: Alles. Wir sind diejenigen, die an eine bestimmte Art des Lebens glauben. Metal ist eine große Gemeinschaft und überall auf der Welt verstreut. Und diese Musik besteht schon lange und hat auch jeglichen Trends und Neigungen mutig widerstanden. Wir können allen anderen als ein gutes Beispiel voraus eilen.

Hast Du eine bestimmte Herangehensweise an ein neues Album, ein Konzept, oder schreibst du einfach einen Song nach dem anderen?
Es muss immer eine bestimmte Herangehensweise geben, wenn man mit etwas Neuem beginnt. Aber ehrlich gesagt weißt du erst, wenn es fertig ist, wie es wirklich ist. Ich versuche es immer mit einem Ultraschallbild eines Embryos im Mutterleib zu vergleichen. Du kannst fast sehen, wie es aussieht; du hast einen gewissen Einblick, wie es aussehen wird, während es sich entwickelt. Aber wie es tatsächlich aussehen wird, kannst du nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Du wirst das Gesicht des Babys erst sehen, wenn es geboren ist. Und auch nach der Geburt wird das Kind (oder in diesem Fall das Album) sich verändern, insbesondere die Persönlichkeit über die Jahre hinweg.

The Turn Of The Lights zum Beispiel war eine große Überraschung. Wir haben viele unterschiedliche Elemente und Konzepte auf die natürliche Art und Weise ausprobiert. Als das Resultat vor uns lag, war ich ziemlich überrascht und erstaunt, was daraus geworden ist.
In gewisser Hinsicht hat es sogar meine eigenen Erwartungen übertroffen.

Also fliesst es so, wie es eben fliessen soll. Es bringt nichts, sich da zuviel einzumischen. Es mag dein Baby sein und so aussehen wie du – aber es ist offensichtlich nicht du. Und wir müssen diese eigenständige Persönlichkeit respektieren, die sich von selbst entwickelt. Klarerweise würde sich da ncihts entwickeln, wenn keine Arbeit dahinter steckt. Das heisst, aus vielen Anstrengungen fischt du dann vielleicht 50-60% von allem, was du jemals getan und probiert hast. Viele Ideen werden wieder verworfen, einfach um diese eine “Identität” zu bewahren. Und wir können nicht eifersüchtig auf Ideen sein. Sie kommen und gehen. Wir müssen sie nur freisetzen und sie frei durch uns fliessen lassen.

Kann man sagen, dass die Lyrics mit dem Artwork in Verbindung stehen und worüber handeln sie?
Ich denke es würde obligatorisch sein, über das eigentliche Konzept zu sprechen. Es ist ein umfassendes Konzept, dass den Sound, die Illustration, die Lyrics, man könnte sagen die Idee als Gesamtes durchdringt. Für mich ist es fast unmöglich geworden, solche Elemente zu trennen. Es kann auch vorkommen, dass ein Album kein Konzept hat. aber es braucht dennoch eine Art Führung, um es zu Ende zu bringen.

Ich komme aus einer Generation, die die Musik durch Vinyl kennengelernt hat, was zwangsläufig zu einigen sehr interessanten Coverdarstellungen führte, die sehr viel Sinn gemacht haben, sobald man die Idee dahinter nachvollziehen konnte. Das ist auch die Art der Vorgehensweise, nach der ich immer noch suche, obwohl wir nun im Digitalzeitalter leben. Ich denke, dass dies ein grosses Plus für jede Platte wäre, worüber sich gleichzeitig die Fans erfreuen würden, wenn sie merken, dass auf solche kleinen Details geachtet wird.

Eigentlich wurde ich über meine gesamte Karriere hinweg als abstrakter Songwriter bezeichnet. Meine Texte tendieren dazu, dem Hörer schnell vertraut zu sein, was in der Musik dann auch keine Seltenheit darstellt. Auf The Turn Of The Lights jedoch, habe ich das Gefühl, dass eine höhere Ebene erreicht wurde. Womöglich deswegen, weil ich zum ersten Mal über etwas Aktuelles, Zeitgenössisches schreibe – und mich sehr wohl dabei fühle.

Das Album wurde von Brendan Duffex und Adriano Daga in den Norcal Studios in Brasilien produziert. Wie verlief die Zusammenarbeit? Außerdem muss man sagen, dass der Sound fantastisch ist. Inwiefern haben die Produzenten darauf Einwirkungen gehabt?
Wow, vielen Dank. Ich werde deine Komplimente an die Produzenten weiterreichen. Sie werden sich sehr darüber freuen.
In der Tat, es war eine wichtige Entscheidung. Es ist das erste Mal, dass ich die Produktion vollständig in meinem Heimatland Brasilien durchführte. Einige der vorherigen Alben wurden zum Teil zwar in Brasilien produziert, das Mischen und Mastern passierte jedoch im Ausland – insbesondere in Deutschland. Wie du vielleicht weißt, habe ich, seit den Anfangszeiten von Angra mit Sascha Paeth zusammengearbeitet. Deshalb war er auch immer Teil meines Produktionsteams. Im Grunde habe ich alles, was ich über das Produzieren gelernt habe, von großen Namen wie Charlie Bauerfeind, Chris Tsangarides, Roy Z. usw, gelernt. Aber niemand von denen war mit mir so nah als Partner wie Sascha Paeth. Wir haben sogar in um das Jahr 2000 ein Projekt namens Virgo zusammen entwickelt.

Dieses Mal jedoch musste ich eine Entscheidung treffen. Es geschah rein zufällig, etwa eine Woche vor Beginn der Aufnahmen, dass ich den Norcal Studios in S. Paulo einen Besuch abstattete. Sie haben einen ganz neuen Recordingkomplex mit verschiedenen Atmosphären und Raumschallverhältnissen. Der Produzent Brendan Duffey, der schon in den USA mit der Metalmusik groß Karriere machte, zog vor ein paar Jahren nach Brasilien und brachte sein komplettes Aufnahmeequipment mit. Zusammen mit Adriano Daga (Grammy-Award Gewinner) bilden sie ein großartiges Team – was uns erlaubte, viel zu experementieren und vieles gleichzeitig aufzunehmen. Als die Drums fertig waren, haben die Gitarren schon in einem anderen Raum mit dem Aufnehmen begonnen usw. Wir konnten somit viel Zeit sparen und die Dynamik des Albums erhalten, und dennoch haben wir nie den Faden verloren. Es war ein intensiver Prozess aber wir haben unseren Plan in drei Monaten vollendet, was normalerweise bis zu sechs gedauert hätte. Der Blickwinkel der Produzenten war ausgesprochen wichtig für das Endergebnis.

Ich mag den Sound der Drums. Er klingt noch klarer und natürlich als jemals zuvor. Wie waren deine soundtechnischen Erwartungen bei The Turn Of The Lights, bevor ihr mit den Aufnahmen begonnen habt?
Eigentlich anders, wie es am Ende klingt. Wie schon gesagt, war ich ebenfalls sehr beeindruckt. Wir erwarten uns immer was massives, eingängliches, es gibt immer diesen Gedanken, DEN Sound zu finden. Ich bin mehr als zufrieden. Ich denke, dass das gesamte Abmischen sehr gut ausbalanciert ist. Wir haben Stunden um Stunden an jedem einzelnen Instrument verbracht. Haben verschiedene Gitarren und Mikrofone getestet, bis wir endlich das Passende für uns gefunden haben. Für den Gesang habe ich ein Mikrofon benutzt, von dem ich niemals gedacht hätte, dass es zu mir passt. Überraschung. Für die Gitarren hatten wir verschiedene Sätze von Effekten, Boxen, Topteilen, Mikrofone und Räume zur Verfügung. Selbstverständlich war die Meinung der Produzenten unerlässlich. Denn sie wissen welcher Sound am besten zu ihren Räumlichkeiten passt.

Die Drums an sich sind ein eigenes Kapitel. Es hat sich herausgestellt, dass der neue Schlagzeuger in der Band ebenfalls ein Audioengineur ist. Und er hat von Anfang an gesagt, dass er weder einen künstlichen Sound noch irgendwelche Samples über seine Drumspur laufen lassen will. Also haben wir uns nur auf die Performance konzentriert und alles minimal editiert. Womöglich ist das der Grund für einen solch natürlichen Sound. Keine Tricks.

Kannst Du uns etwas für den ANGRA Coversong Wings Of Reality erzählen? Warum hast du dich ausgerechnet für diesen entschieden?
Es ist eigentlich nur ein Bonustrack für die japanische Version. Das wurde so von unserem japanischen Label verlangt. Wir haben Angras Wings Of Reality (welches ich nicht als Cover bezeichnen würde, da ich es selber geschrieben habe) und Vipers At Least A Chance aufgenommen. Für die europäische Version haben wir einen anderen Bonustrack. Wir haben uns für eine ungewöhnliche Wahl entschlossen, für den Radiohead-Song Fake Plastic Trees.

Es war eine große Herausforderung, in so etwas einzutauchen. Ich dachte, es sei einfach, diesen Song zu singen, aber ich lag falsch. Obwohl es keine extrem schweren Techniken erfordert, braucht es eine tiefe Interpretation, die ich davor nicht erwartet habe.

An dem Tag, an dem wir mit den Aufnahmen für diesen Song begonnen haben, war geplant, eventuell einen weiteren Song aufzunehmen. “Ist ja nur ein Bonustrack” und so. Als dann der Akkord in meinen Kopfhörern erklang, hatte ich in diesem Moment das Gefühl, von einem Herzifarkt getroffen zu sein. Ich versuchte zu singen. Nach dem zweiten Satz brachen wir es ab. Ich habe dann vier oder fünf Mal nur den intrumentalen Playback-Track gehört und blieb danach für eine Stunde im Dunklen für mich allein. Ich musste den Song in meinen Kopf, in meinen gesamten Körper hineinbekommen. Dannach haben wir noch einmal angefangen. Es wurde nur eine Aufnahme davon gemacht. Wir haben es uns danach noch einmal angehört und ich sagte: ‚Ich kann das nicht besser machen‘.
Den Rest des Tages mussten wir streichen, da er mich so viel Energie gekostet hat, dass ich danach für keine Aufnahmen mehr fähig war. Und ich bin auch sehr stolz auf unsere Version. Ich denke, dass die Gefühle vermittelt werden, wenn du ihn anhörst.

Andre, vielen Dank für Deine Zeit und das Interview. Ich wünsche Dir viel Erfolg mit Deinem neuen Album. Letzte Worte an Deine Fans?
Ich danke Dir für die interessanten Fragen. Ich hoffe, das Album trifft den Geschmack eurer Leser. Ich bin froh, dass ich es durch eines der ausdrucksvollsten europäischen Labels veröffentlicht habe. Der nächste Schritt wird sein, ganz offensichtlich, die beste Möglichkeit zu finden, es euch live zu präsentieren. Also würde ich gerne all unseren Unterstützern von früher danken und die neuen ganz herzlich willkommen heißen. Ich hoffe euch alle sehr bald vor der Bühne zu sehen.
Und abschliessend, ich hoffe, dieses Album bringt euch auf neue Gedanken, neue Eindrücke, Gefühle und Meinungen – falls ihr ebenso eine bessere Zukunft sucht, wie wir es tun.

www.andrematos.net

Markus Seibel

mseibel@stalker-magazine.rocks – – – Reviews, Interviews