Rock Hard Festival 2006

“Wenn Du so weiter isst, dann wirst Du nie ein schöner Mensch!“ Dies war direkt zu Beginn der Festivals einer der ganz wenigen negativen Momente des ausgesprochen schönen Wochenendes. Eine abgetakelte, weit über 40-jährige Frau meinte, sie müsste meinen Pizza-Konsum kommentieren (dabei hielt ich das zweite Stück nur für meinen Freund Frank, der seinerseits gerade Bier holte…)

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Von dieser Begegnung der dritten Art abgesehen begann das Festival am Freitag ganz nach Maß und unserem Geschmack. Nach einer angenehmen Zugfahrt von Hamburg nach Münster und einer dann doch eher unangenehmen einstündigen „Bimmelbahnfahrt“ nach Gelsenkirchen erreichten wir am frühen Nachmittag unser Hotel, checkten ein und machten uns es dann gleich erst mal auf der Sonnenterrasse gemütlich, um ein erstes Bierchen zu genießen. Dies dachten sich ebenfalls die recht früh angereisten BOLT THROWER, die statt Bier allerdings mehrheitlich Whiskey-Cola vorzogen.

Nach dieser ersten Erfrischung ging es dann ohne Umwege rüber zum Festivalgelände. Die Bändchenausgabe klappte reibungslos und schon waren wir drin. Nach einigen ersten Gesprächen mit Bekannten und Kumpels und einer ersten Begrüßung durch Götz-„bist du bereit für den Metal zu sterben?“-Kühnemund eröffneten ENGEL (SWE) das Festival auf der kleinen Bühne. Die „ausgehungerte“ Meute vor der Bühne nahm die musikalische Mischung zwischen Linkin Park und In Flames dankend an und startete ein erstes großes Haareschütteln.

Nach diesen ersten 45 Minuten Krach ging es dann auch schon auf unser erstes Highlight des Tages zu – CUSTARD(GER)! Der wie immer bestens gelaunte Frontmann war bereit, alles zu geben, riss sich vor Übermut gleich mal das Kabel aus dem Mikro und legte sich beim dritten Song einmal der Länge nach lang. Dies konnte ihn aber nicht davon abhalten, weiterhin die komplette Bühne in der Breite zu vermessen und allerbeste Stimmung zu verbreiten. Die Drums hämmerten und die eingängigen Songs fanden durchgehend ihren Weg in den Gehörgang der bangenden Menge. Wenn der Sänger noch ein ganz klein wenig mehr versuchen würde, die hohen langen Töne etwas besser zu halten und nicht abzubrechen (er kann das!), stünde einem absoluten Durchbruch in der Melodic-Szene nichts mehr im Wege.

Die nachfolgenden MERCENARY (DK) gingen mehr oder weniger ohne unsere besondere Beachtung über die Bühne, da wir uns erst mal von CUSTARD erholen mussten.

Den Headliner des ersten Tages markierten in diesem Jahr MORGANA LEFAY (SWE).

Hier erkannte man dann doch eine größere Fangemeinde als bei den ersten drei Bands. Die Schweden lieferten einen sauberen Auftritt ab und entließen die glückseligen Fans ins Metal-Zelt, welches auch wir gegen 03:30 Uhr mit „Fear Of The Dark“ oder „South Of Heaven“ im Ohr recht erschlagen in Richtung Hotel verließen. Die junge Dame, die in dieser Nacht beim Pinkeln am Zaun hockend neben uns eingeschlafen war, sahen wir allerdings am nächsten Morgen nicht wieder…

Der Samstag begann gleich mit einem Knaller. Die aufstrebende Band MYSTCIC PROPHECY (GER) erfreute unsere Ohren mit auffallend erfrischendem Melodic-Metal vom Feinsten.

Besonders herauszuheben ist hierbei der Drummer, der völlig offensichtlich den Drumgott Mike Terrana als Vorbild hat (was als absolutes Kompliment zu verstehen ist!).

Der nächste Knaller folgte – ohne dass wir es vorher wussten – gleich auf dem Fuß. LEGION OF THE DAMNED (NL) donnerten uns 45 Minuten lang Slayer-Riffs an den Kopf, dass einem das Hören und Sehen ver- und das Messer in der Hose aufging.

Ein absolut überzeugender Act! Nach dem Riff-Inferno mussten wir uns bei PRIMORDIAL (IRE) erst mal erholen, so dass wir hier leider nichts Näheres sagen können.

Die danach folgenden sehr hardcorelastigen CALIBAN (GER) erfreuten das Publikum wiederum sehr.

Es wurde engagiert gesprungen und gehüpft, es gab einen Circlepit und zumindest ein stark verletztes Knie (wir mussten für den jungen Banger Hilfe holen).

BRAINSTORM (GER) spielten dann wieder mit altbekanntem Melodic Metal auf.
Die mittlerweile recht solide Fangemeinde feierte die Band gebührend ab.

Die wie immer etwas merkwürdig wirkenden NEVERMORE (USA) – besonders der Sänger – lieferten bei diesem Rock Hard Festival nicht den allerstärksten Auftritt ab, aber gerade NEVERMORE sind ja bekanntlich Geschmackssache.

Wahrscheinlich lag es aber auch daran, dass wir unserem nächsten Highlight entgegenfieberten – SODOM (GER). Und wir sollten nicht enttäuscht werden.

Trotz vieler neuer und neuerer Songs (was ja nicht schlecht sein muss) herrschte durchgehend eine Bombenstimmung, und die Pyro-Show tat ihr Übriges dazu – Frank hat jetzt noch Ohrenpiepen. Natürlich fehlten die großen Knaller wie „Remember The Fallen“, „Ausgebombt“ oder „Bombenhagel“ trotzdem nicht im Programm. Die lauten „Zugabe! Zugabe!-Rufe sollten noch unerwartete Bedeutung erlangen, aber dazu später mehr…

Alle, die dann auf den nachfolgenden Act warteten, wurden dann noch durch eine kleine Spezialeinlage überrascht. Götz Kühnemund im pikfeinen Anzug und Frank Albrecht am Bass ließen RANDALICA (GER) wieder aufleben und es gab jede Menge „Tote auffe Tanzfläche“. Nach zwei weiteren Songs war aber dann auch diese Show vorbei und das bestens gelaunte Publikum freute sich auf die nächste Band.

Nach dem souveränen Auftritt von SODOM und der Überraschung mit RANDALICA hat man es als nachfolgende Band natürlich immer schwer, aber die zu alter Klasse erwachten BOLT THROWER (GB) nahmen diese Hürde problemlos.

Die Whiskey-Colas vom Vortag schienen bestens verdaut und die Briten widmeten sich mit großer Hingabe dem Publikum.

Dann war es schon gegen Mitternacht und das Publikum wurde bitter enttäuscht (oder auch nicht?). Die als Headliner des Abends angekündigten CELTIC FROST (CH) konnten aufgrund gesundheitlicher Probleme leider nicht spielen (der Sänger verkündete die schlechte Botschaft selbst) und als Ersatz spielten die gerade angereisten SOLWORK (SWE) zunächst drei Songs.

Danach gab es zur großen Freude der meisten Fans noch einmal SODOM und nachfolgend TOM ANGELRIPPER solo mit den altbekannten Sauf- und Partyliedern. So kam die erste Enttäuschung dann doch noch zu einem guten Ende…

Der Sonntag sollte wieder mit einem netten Aufwecker starten. CRUCIFIED BARBARA (SWE) geizten nicht mit ihren Reizen, weder an den Instrumenten oder sonst wo… Dargeboten wurde straighter Sleaze Rock, was den ersten Frühaufstehern recht gut gefiel.

Unsere positivste Überraschung des gesamten Festivals sollte danach folgen. Die uns bis dahin vollkommen unbekannten VOLBEAT (DK) rockten das Haus!

Der Elvis nicht unähnliche Sänger der dänischen Combo überzeugte durch einen spitzenmäßigen Frontmann-Auftritt mit bester Glen Danzig-Stimme und vollem Einsatz. Innovative Arrangements mit bestem Rock´n´Roll überzeugten auf der ganzen Linie.

Vollkommen erschöpft von dieser super Performance gab es bei GOJIRA (FR) wieder eine kleine Erholungspause, denn danach mussten wir schon wieder topfit sein für Tim „Ripper“ Owens. Mit seiner neuen Band BEYOND FEAR (USA) verwirrte der Ex-Judas Priest-Frontshouter zwar zunächst durch sein sehr hardcoremäßiges Auftreten mit Basecap und dicker schwarzer Brille, was er aber durch altbekanntes Stageacting und super Stimme gleich wieder wettmachte.

Die Band – aufgebaut nach dem Motto: wir müssen irgendwie ein musikalischen Gerüst um die Rob Halford-Stimme bauen – präsentierte darüber hinaus nicht überragend Neues.

Die nachfolgenden EVERGREY (SWE) fielen wieder einer kleinen Erholungspause zum Opfer, aber bei FINNTROLL (FI) waren wir wieder voll am Start.

Der eigentümliche Stil der Finnen kam in Gelsenkirchen richtig gut an und die Mischung aus Folk und Death Metal heizte mit neuem Mann am Mikro kräftig ein.

Danach traten die Recken von SOILWORK (SWE) auf die Bühne und zeigten mal wieder allen, wer im modernen Metal (nicht Nu-Metal!) zurzeit an erster Stelle steht.
Donnernde Double-Bass in ständig wechselndem Rhythmus, kraftvoller, stimmlich melodische Gesang und eingängige schnelle Riffs und Melodie schlugen voll ein.

Ebenfalls überzeugend waren FATES WARNING (USA), doch wer die Amerikaner schon mal gehört hat weiß, dass es sich hierbei doch eher um die anspruchsvollere Art der musikalischen Unterhaltung handelt und die häufig wechselnden Rhythmen wirken für nicht eingefleischte Fans schon manchmal etwas anstrengend.

Doch dann war es Zeit für den für uns ungeschlagenen Abräumer des gesamten Festivals – EDGUY (GER)!

Obwohl ich mich hier nicht als Die-hard-Fan outen kann (obwohl ich alle Scheiben im Schrank habe), muss ich neidlos anerkennen, dass die stets gut gelaunte Combo aus dem Süden der Republik einen unglaublichen Schritt nach vorne gemacht hat und ein absolut würdiger Headliner war. Musikalisch und stimmlich waren EDGUY live ja schon immer sehr überzeugend, aber alles was die Performance betrifft wurde in den letzten Jahren absolut perfektioniert. Sei es ein David-Lee-Roth-Spagat vom Schlagzeugpodest oder durchgehend grandioses Stage-Acting der gesamten Band, EDGUY machte einfach allen Spaß!

Wenn man das hier liest, könnte man denken, dass danach Schluss war – weit gefehlt. Das Festival krönte abschließend unsere allseits beliebte Rockoma, äh Rockopa, DIO (USA).

Hierzu muss man gar nicht mehr viel sagen. Der gute alte Ronnie James legt wie immer einen perfekten Auftritt aufs Parkett, ließ keinen wichtigen Klassiker aus und überzeugte auf ganzer Linie. Ein würdiger Abschluss durch einen würdigen Sangesgott!

Am nächsten Morgen mussten wir dann unser schönes Hotel leider viel zu früh verlassen und machten uns auf den Weg zurück nach Hamburg. Auf der Fahrt ließen wir das Festival im Gespräch noch einmal Revue passieren und beschlossen schon dort, dass wir nächsten Jahr auf jeden Fall wiederkommen!

Frank Mangelsen, translation: Kathleen Gransalke

photos: Caroline Traitler
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Contributors

GastmitarbeiterInnen / guest contributions

Reguläre GastmitarbeiterInnen u.a. Grit Kabiersch, Maria Levin, Nina Ratavaara, Elvira Visser, John Wisniewski

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